New-Wave-Popstar Lescop Lächeln? Wird überbewertet

Frankreichs gefeierter New-Wave-Newcomer Mathieu Lescop liebt es kühl und düster. Nun will der Popsänger Deutschland begeistern, er hat sogar ein Faible für hiesige Stars. Zumindest wenn ihre Nachnamen wie Peitschenhiebe klingen.

Aus Verdun berichtet

Antoine Carlier

"Niemand lächelte in den Achtzigern": So erklärte Paul Rambali, Mitgründer des Zeitgeist-Magazins "The Face", einmal das Popgenre New Wave. Ein großer Lächler ist auch Mathieu Lescop nicht; seine Mimik passt zu seinem militärisch kurzen Haarschnitt, zu seinen kantigen Gesichtszügen, zu seinem zackigen Tanzstil.

Ja, man denkt an den verstorbenen Ian Curtis bei diesen Bewegungen, so sah er aus auf den Joy-Division-Schwarzweißbildern, und man hört es auch: Die aktuelle französische Popsensation, die jetzt den Schritt über den Rhein wagt, erinnert an die Achtziger. In Frankreich hat sich der Begriff "Cold Wave" eingebürgert für den Sound, der eine verdüsterte Atmosphäre verbindet mit klaren, geradlinigen Tanzbeats. Und als Wiedergänger des Cold-Wave-Sounds wird ebendieser Mathieu Lescop gefeiert, seit er mit seinem Song "La Forêt" Erfolge feierte.

Lescop hat es für ein Umsonst-und-draußen-Konzert in die lothringische Provinz verschlagen, zum Festival Musiques et Terrasses, das jeden Sommer in Verdun stattfindet. "Ich finde es gut, vor Leuten zu spielen, die mich vielleicht noch nicht kennen", sagt Lescop: "So kann ich sie überzeugen, das gefällt mir. Selbst wenn es sehr volkstümlich ist." Auf der Haupteinkaufsstraße sind zwischen Imbissständen Bauernhoftiere zu bewundern.

Nach Asyl ins Asyl

Anfang 2013 wurde "La Forêt" als "Song des Jahres" bei den Victoires de la Musique nominiert, den französischen Grammys. Zu einer hypnotischen Bassline singt Lescop mit sanfter, eindringlicher Stimme von einem nächtlichen Rendezvous im Wald, zu dem die Frau mit einer Waffe kommt. Kurzum: ein Hit.

Dass Lescop auf solche Erfolge im Pop-Establishment stolz ist, markiert einen Richtungswechsel für den 34-Jährigen, der in der Hafenstadt La Rochelle aufwuchs. Mit "den vier Leuten in der Stadt, die Joy Division hörten" gründete er 1995 die Band Asyl, auf deren vier Alben die Gitarren krachten und die linientreu den gängigen Punk- und Indie-Gesetzen folgten.

Die Trennung von Asyl war für Lescop ein mehrfacher Aufbruch: Er ging erst nach Paris, dann nach London, um sein Soloalbum aufzunehmen. Produzent war Johnny Hostile, ein Exil-Franzose, der mit seiner Landsfrau Jehnny Beth (von der hochgelobten Band Savages) das Label Pop Noire gegründet hatte. Erste Veröffentlichung: Lescops Platte. Anfangs eher ein Thema der Musik- und Kulturmagazine oder der großen Feuilletons, hat der Sänger mit Ausdauer seine Reichweite vergrößert: Über hundert Konzerte habe er gegeben, seit vor einem knappen Jahr das Album erschienen ist, sagt er.

Die Kuriosität, dass er als französischer Sänger ausgerechnet in Verdun von einem Vertreter der deutschen Presse interviewt wird, ist Lescop nicht entgangen. 1916 starben Hunderttausende in den Feldern vor der Stadt in einer der schlimmsten Schlachten des Ersten Weltkriegs, ein Monument erinnert an den französischen Sieg. 73 Stufen klettert man hoch, um zur Skulptur eines Soldaten zu gelangen, der wachsam gen Osten blickt.

Lescop – "La Forêt"
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Lescop - "La Forêt" (Video hier ansehen)

Doch Lescop hat ein entspanntes Verhältnis zu Deutschland, zumal ein Teil seiner Familie mütterlicherseits deutsch ist, aus der Nähe von Karlsruhe. Als Jugendlicher stand er mit einer Theatergruppe sogar schon in Hamburg auf der Bühne. Und eine Deutsche bewundert er so sehr, dass er ein Lied über sie geschrieben hat.

"Als ich klein war, brachte meine Mutter mal eine Platte von Marlene Dietrich mit", erzählt Lescop: "Ich war fasziniert von ihrer Stimme und ihrem Gesicht. Ein sehr romantischer Charakter, das zeigte sogar ihr Exil." Dietrich unterhielt die alliierten Truppen an der Front, wofür sie manche Landsleuten später als Verräterin beschimpften. "Sie wurde sogar angespuckt. Mein Song handelt auch davon; ich habe im Text ihren Titel 'Ich habe noch einen Koffer in Berlin' ins Französische übersetzt." In einem Interview sagte Lescop einmal: "Mir würde gefallen, wenn meine Musik so wäre wie das, was Cocteau über Marlene Dietrich gesagt hat: 'Ihr Name fängt an wie ein Streicheln und endet wie ein Peitschenhieb.'"

Solche Gegensätze gefallen Lescop, der, so sagt er, auf gewaltsame Art süß sein will. Man hört seiner Musik einen romantischen Eifer an, eine Feier derjenigen, die unbedingt etwas versuchen wollen, selbst wenn sie zu scheitern drohen - auch wenn all das in den Texten eher im Metaphorischen bleibt (bei der deutschen CD-Fassung auch als Übersetzung nachzulesen).

Zu Lescops Vorbildern zählt neben dem großartigen Etienne Daho auch der am 28. Februar mit nur 53 Jahren gestorbene Daniel Darc. "Er hat mir viel beigebracht, wir haben zusammen geschrieben", erinnert sich Lescop an den früheren Sänger der New-Wave-Band Taxi Girl: "Ich glaube, er hat versucht, sein Vermächtnis zu kontrollieren. Eine komplizierte Persönlichkeit. Aber ich habe von ihm gelernt, mich stets zu fragen: Was will ich wirklich? Was ist meine Ästhetik?"

Lescops Klangästhetik? "Das Wichtigste ist nicht das, was man aufnimmt, sondern das, was man nicht aufnimmt", sagt er. Heutige Hits klängen "so komprimiert, dass sogar die Stille laut ist. Alle guten Hitsingles - nicht so ein Scheiß wie David Guetta - haben Platz. Wenn man sich den frühen Rock'n'Roll anhört, Elvis Presley oder so: voller Stille."

Eine andere Form von Stille herrscht am Abend, als der letzte Ton von Lescops Set am Quai de Londres von Verdun verklungen ist. Mag sein, dass das Publikum zutiefst beeindruckt ist vom energischen Auftritt der Band. Mag auch sein, dass der in die Ferne schweifende Blick des Sängers das Publikum befremdete - zu cool fürs Volksfest? Erst nach einigen Schrecksekunden fordern einige Zuschauer rhythmisch "Noch eins! Noch eins!" - und bekommen ihre Zugabe. Ende September reist Lescop für drei Konzerte nach Deutschland. Ob ihm hier wohl euphorischere Reaktionen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern werden?


Album Lescop: "Lescop" gerade erschienen bei Le Pop Musik/ Groove Attack
Tourdaten: 26.9 Berlin (French Waves, Bi Nuu), 27.9. Hamburg (Reeperbahn-Festival), 28.9. Münster (Münsterland-Festival, Gleis 22)

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
glen13 15.08.2013
1.
Zitat von sysopAntoine CarlierLächeln? Wird völlig überbewertet! Frankreichs gefeierter New-Wave-Newcomer Mathieu Lescop liebt es kühl und düster. Nun will der Pop-Sänger Deutschland begeistern, er hat sogar ein Faible für hiesige Stars. Zumindest wenn ihren Nachnamen wie Peitschenhiebe klingen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/lescop-mit-hit-la-foret-new-wave-popstar-aus-frankreich-a-913907.html
Na ja, wird das nicht ein wenig hochgejubelt? Das ist doch aufgewärmte 80er Musik. Erinnert stark an "Ca Plane Pour Moi" von Plastic Bertrand, nur ohne die geilen Gitarren. Cool alleine reicht für mich nicht.
bronck 15.08.2013
2.
Zumindest wenn ihren Nachnamen wie Peitschenhiebe klingen Sie meinen bestimmt "ihre Nachnamen". :) Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
xxbigj 15.08.2013
3. optional
Für die Information gibt es ein "Blub" von mir:)
Mahagon 15.08.2013
4. Rien ne va plus
Zitat von sysopAntoine CarlierLächeln? Wird völlig überbewertet! Frankreichs gefeierter New-Wave-Newcomer Mathieu Lescop liebt es kühl und düster. Nun will der Pop-Sänger Deutschland begeistern, er hat sogar ein Faible für hiesige Stars. Zumindest wenn ihren Nachnamen wie Peitschenhiebe klingen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/lescop-mit-hit-la-foret-new-wave-popstar-aus-frankreich-a-913907.html
Schön schön, habe mir nun dies eine Lied mal zu Gemüte geführt und bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Der Vergleich mit Joy Division/Ian Curtis ist, außerhalb der Optik, sehr gewagt! Am ehesten kann man den Herren, wenn es schon Musiker aus dieser speziellen Konstellation sein müssen, mit New Order vergleichen. Joy Division, das war fatalistischer, selbstzerstörerischer und expressionistischer Post-Punk...die Betonung liegt dabei auf PUNK! New Order, die Nachfolgeband von Joy Division, gegründet nach dem Tod von Ian Curtis, war.....Pop. Guter Pop zwar, aber trotzdem seicht und recht beliebig. Und genau das ist auch La Fôret. Und ein kleiner Hinweis an den Autor des Artikels: Cold Wave als Genre ist, zumindest in meiner bescheidenen Erinnerung, gitarrenlastiger als dieses Lied...als Vergleich kann ich beispielweise die Lieder "Exposition" von Charles de Gaulles, "The last Song" von Trisomie 21 und "Alan's Waiting" von Little Nemo anbieten, die durchaus Ähnlichkeiten aufweisen, aber dann doch irgendwie viel...gitarrenlastiger und aggressiver und eben auch kälter sind...und definitiv näher bei Joy Division landen. Das Lied ist ganz banaler New Wave, simple and clear, und dabei sollte man es dann auch belassen. Nebenbei: Der Titel des Songs ist von The Cure geklaut (lässt man die Wechsel vom unbestimmten zum bestimmten Artikel und vom Englischen ins Französische mal außer acht...)
primemover 15.08.2013
5. optional
Naja, ich bin nicht beeindruckt. Joy Division? Nö, kein Stück. Joy Division hatten eine ungeheure Kraft, deren Ursprung nicht zu definieren war. DAS ist es was Joy Division ausmachte und eine ganze Musiker-Generation beeinflusste. Davon ist aber bei Lescop nichts vorhanden. Simpler Wave. Gut produziert zwar - aber ohne Gehalt. Während Joy Division den Hörer zu einer Reise in fremde, dunkle Welten einlud, wartet man bei Lescop vergebens auf den Zug.
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