Abgehört - neue Musik Auftrabende Einhörner und rauschende Haarmähnen

Das Girl-Duo Let's Eat Grandma will mit großen Popgesten die Welt erobern. Außerdem: Letzte Wutreflexe von Nine Inch Nails, berührender Trauma-Techno von Martyn und das letzte Kapitel der Kanye-West-Wochen.

Von und


Let's Eat Grandma - "I'm All Ears"
(Pias Coop/Transgressive (Rough Trade), ab 29. Juni)

Rosa Walton and Jenny Hollingworth bleiben die inoffiziellen Haim-Schwestern von der britischen Familienseite, das steht fest: Mit "Falling Into Me" haben die beiden Freundinnen aus Norwich, die als Let's Eat Grandma zusammen Musik machen, jetzt sogar ihren eigenen Haim-Song. Zumindest klingt er so, Percussion und peitschender Gesang inklusive. Aber natürlich kippt diese normalste Pophymne, den die beiden 19-Jährigen bisher vollbracht haben, zum Ende hin weg - in jene Weirdo-Gefilde düsterster Teenie-Geheimnisse, die sie vor zwei Jahren auf ihrem Debüt "I, Gemini" etabliert haben.

Walton und Hollingworth trauen sich aber durchaus mehr zu als früher. Fetter und mutiger, metallischer und dringlicher ist der Sound von "I'm All Ears", das beginnt beim pulsierenden John-Carpenter-Soundtrack-Instrumental "Whitewater", das von Synthie-Violinen zersägt wird, was für ein Intro! "Hot Pink", der Song zur aktuellen Modefarbe, der noch dazu mit Geschlechterverhältnissen aufräumen will, beginnt zunächst als The-xx-Hommage, explodiert dann aber bald in Full-Drama-Queen-Modus über pochenden Beats und charmantem Industrial-Pop-Geklapper, an dem Achtzigerjahre-Thinkman Rupert Hine seine wahre Freude gehabt hätte.

Schon im zugehörigen Video ist klar: Die Mädchenschlafzimmer-Sicherheit von früheren Songs wie "Deep Six Textbook" haben Let's Eat Grandma verlassen, sie cruisen abenteuerlustig durch regennasse Straßen, sonnen sich im (pinken) Neonlicht und einer zwischen Hyperspeed-Elektro und Goth dunkel schillernden Klangsphäre, die ihnen von Faris Badwan (The Horrors), David Wrench (u.a. Mixer für Jamie xx, Frank Ocean) und Sophie (siehe Abgehört von letzter Woche) zeitgeistig zugeschnitten wurde. Im allzu breitwandigen Pop von "It's Not Just You" und "I Will Be Waiting" geht das Verspulte des Debüts leider oft verloren, aber das machen ein mäanderndes Angst-Epos wie "Snakes & Ladders" oder die ultra-reduzierte Piano-Ballade "Ava" wieder wett.

Das wirkmächtig ans Ende positionierte, elfminütige, "Donnie Darko", zu dessen Live-Performance beim Primavera-Festival sich die beiden Künstlerinnen sich erstmal entspannt auf dem Bühnenboden zum Chillen ablegten, ist grandioser, idiosynkratischer Blödsinn, der auf einem Synthie-Preset zunächst launig über die Wiese hoppelt, sich dann aber, wenn man gar nicht mehr damit rechnet, zu Rockoper-Protzigkeit ermächtigt - mit auftrabenden Einhörnern und wild rauschenden Langhaar-Mähnen (obwohl sie die inzwischen Haim-mäßig gestutzt haben). "On my pony in the sky/ I just want anything and everything/ Just can't make it obvious", singen sie in "Hot Pink". Doch, doch, ist angekommen, der Anspruch, die Welt zu erobern. Wir sind ganz Ohr. (8.0) Andreas Borcholte

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Nine Inch Nails - "Bad Witch"
(The Null Corporation, seit 21. Juni)

Läuft die Adoleszenz nicht rund, erscheint dem Heranwachsenden die Gesellschaft in düstersten Farben: Die Menschheit ist grausam, die Eltern haben einen angelogen, die Welt ist schlecht und mittendrin: der junge Verstörte, wütend und überfordert. Viele, die in den Neunzigerjahren durch die Pubertät schlingerten, hörten viel und gerne das zweite Nine-Inch-Nails-Album "The Downward Spiral". Die mit guten Ideen vollgestopfte Platte erzählte von einem brachialen Unbehagen an der Welt und allem, was, nicht ohne Angst, als weiblich wahrgenommen wurde ("She spreads herself wide open to let the insects in" heißt es in "Reptile", von NIN-Gründer Trent Reznor wohl als Liebeslied gedacht). All das wurde so plakativ in die Welt gebrüllt, wie es eben sein muss, damit es wirkt: "Don't you tell me how I feel/ You don't know just how I feel" - Aufschrei der bedrängten, pubertierenden Kreatur. Nine Inch Nails bestätigten dem jungen Hörer, dass Verunsicherung und miese Laune erhaben und wahrhaftig und vor allem authentischer sind als die narkotisierte Welt der Erwachsenen.

Die damaligen Fans wurden älter und beruhigten sich mit der Zeit naturgemäß wieder. Trent Reznor wurde älter und machte immer weiter. "Bad Witch", der letzte Teil einer auf drei Jahre verteilten EP-Trilogie, hätte auch 1998 erscheinen können. Die beiden ersten Songs, "Shit Mirror" und "Ahead of Ourselves", möchten wild sein und wirken doch nur wie verbissene Wiederaufführungen von etwas Vergangenem. Man hört dieser Musik ihre Ambitioniertheit durchweg an: Hier noch ein Percussion-Gedengel oben drauf, da noch ein Verzerrer auf die Stimme. Einst klang bei dieser Band noch die tristeste Männerphantasie existenziell verzweifelt, das Leiden an sich selbst wurde punktgenau beschrieben: "I hurt myself today/ To see if I still feel".

Auf "Bad Witch" aber wird es unüberhörbar indifferent: "Did you ever get that feeling?/ Man, I can't seem to shake it/ Not quite as clever as we think we are". Je nun. Im Resultat dokumentiert "Bad Witch" ein emotionales Vakuum, verborgen hinter großem technischen Aufwand. Dass man auch ein Projekt wie Nine Inch Nails würdevoll weiterführen kann, zeigen Reznors Instrumentalarbeiten der letzten Jahre. Das Album "Ghosts I-IV" etwa hatte einige wunderschöne Momente. Tatsächlich sind die einzigen Stücke auf "Bad Witch", die einen nicht ratlos zurücklassen, die zwei ohne Gesang: "Play the Godamned Part" legt ein verhangenes Saxofon über polternden Industrial-Dub. Und "I'm not from this World" ist ein schön pulsierender Schmirgel-Ambient. Ansonsten soll es rund gehen. Aber wo der wütende junge Mann sich einst auf der Bühne theatralisch im Matsch gewunden hat, steht der Mittfünfziger heute starr im Licht und zetert. (5.0) Benjamin Moldenhauer

Teyana Taylor - "K.T.S.E."
(Getting Out Our Dreams Inc. (G.O.O.D.) Music / IDJ, seit 22. Juni)

Und hier ist der letzte Streich in Kanye Wests fünfteiliger Frühsommer-Okkupation (die frecherweise von den Carters unterbrochen und empfindlich gestört wurde. Zugegeben, man ist nachPusha T (sehr gut), Kanyes eigenem "Ye" (mittelmäßig und verstörend), der Kid-Cudi-Kollaboration "Kids See Ghosts" (hervorragend) und Nas (interessant, aber weird) ein wenig West-müde. Das ist Pech für Teyana Taylor, die als einzige Frau im aktuellen G.O.O.D.-Music-Portfolio den undankbaren letzten Platz in der Showcase-Albumreihe bekommen hat. "K.T.S.E" (steht für "Keep That Same Energy") ist die erste reguläre Veröffentlichung der ehemaligen Pharrell-Entdeckung, die 2014 mit ihrem Debüt "VII" und gediegenem Neunziger-R&B nicht so nachhaltig punkten konnte wie zum Beispiel die energischere Konkurrentin Tinashe. Nachdem sich Taylor zunächst zwecks Geburt ihres Babys und einer Karriere als Reality-TV-Sternchen (u.a. "Teyana & Iman") aus dem Pop-Business zurückgezogen hatte, kehrt sie nun für 8 Songs und 22 Minuten zurück.

Andreas Borcholtes Playlist KW 26
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

01 Kamasi Washington: Street Fighter Mas

02 Martyn: Try To Love You

03 Let's Eat Grandma: Ava

04 Teyana Taylor: Gonna Love Me

05 Charli XCX: 5 In The Morning

06 Bülow: Sad And Bored (feat. Duckwrth)

07 RIN: Swoosh

08 Kinnie Star: Big World

09 Say Lou Lou: Ana

10 Sofia Portanet: Freier Geist

Vorweg: Den Durchbruch zum Star wird ihr auch dieses Album nicht bescheren, aber einige ihrer zusammen mit West geschriebenen Songs gehören zu den ästhetisch schöneren der neuen Kanye-Kompositionen. Die Midtempo-Ballade "Gonna Love Me", garniert mit einem schönen Delfonics-Sample, macht deutlich, warum Taylor kurzzeitig als Lauryn-Hill-Erbin galt (und dann ein frühes Mixtape "The Misunderstanding of Teyana Taylor" nannte). Auch "Issues/Hold On" knüpft mit süßem Motown-Swing, warmen Gitarren-Sounds und Billy-Stewart-Sample an diesen Soul-Vibe an.

West (als Feature und als Produzent) macht auch auf "Hurry" eine sehr gute Figur, indem er mit verknurpseltem Funk einen elektrisierenden Country-Soul-Teppich bastelt, auf dem sich Taylor lasziv stöhnend räkeln darf. "Rose In Harlem" (mit Stylistics-Sample) erinnert dann vom Pathos her angenehm an Taylors ersten Auftritt im West-Reich, als Gastsängerin auf dem Meisterwerk "My Beautiful Dark Twisted Fantasy". Das einzige, was den sehr angenehm unaufgeregten Flow dieser seelenvoll gesungenen Song-Sammlung über Privates, Liebes- und Kinderglück stört, ist der Quasi-Bonustrack "WTP" (steht für: Work This Pussy), der zwar über ein schickes Mykki-Blanco-Feature verfügt, die stolze Harlem-Mama Taylor aber in eine Dirty-Dance-Richtung drängt, in der sie wenig verloren und nichts zu gewinnen hat. Aber geschenkt. Nach dem nervösen Testosteron-Geblubber der letzten vier Wochen tut Taylors selbstgewiss entspannte Weiblichkeit ziemlich gut. (7.3) Andreas Borcholte

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Martyn - "Voids"
(Ostgut Ton, seit 22. Juni)

"Deep deep talent/ And we've lost a big one", wiederholt eine verfremdete Stimme mehrmals in "Manchester". Den exzellent und elegant produzierten House-Track widmet der DJ und Musiker Martijn Deykers alias Martyn seinem im letzten Jahr verstorbenen Kollegen und Wegbegleiter Marcus Intalex. Ein bisschen Selbstgespräch ist diese huldigende Zeile jedoch auch, denn etwa zur selben Zeit, als Drum'n'Bass-Pionier Intalex in Manchester unter immer noch unklaren Umständen verstarb (er wurde 45 Jahre alt), erlitt Deykers einen Herzinfarkt.

Der gesundheitliche Schock und der Verlust des Freundes brachten Martyn dazu, seinen bisherigen Schaffensprozess grundsätzlich zu überdenken. Inspiriert von Max Roachs Percussion-Meisterwerk "M'Boom", das er während der Rekonvaleszenz hörte, erfand er seinen von Detroit House geprägten UK Garage- und Post-Dubstep-Sound neu. Das Ergebnis ist nun auf dem insgesamt vierten Album des Niederländers zu hören, sein erstes beim geschmackssicheren Label Ostgut Ton des Berliner Techno-Clubs Berghain, wo Martyn ohnehin als Resident DJ Stammgast ist. "Voids" forscht nicht nur mit berührender Melancholie in den titelgebenden Leerstellen den Echos von Schmerz und Verlust nach (so gut das eben mit grundsätzlich energetischer, zum Tanzen antreibender Clubmusik geht), er lässt seiner Musik im Gegensatz zu früheren Alben wie "Great Lengths" (2009) und dem bei Brainfeeder veröffentlichten "Ghost People" auch tatsächlich mehr Raum und klangliche Transparenz, es gibt weniger "Distortion", weniger "Popgun", weniger Rasanz, dafür mehr Tiefe.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

"Mind Rain" erinnert mit seinen polyrhythmisch unterfütterten Beats tatsächlich an "Caravanserei" von Roachs fast 40 Jahre altem "M'Boom"-Album, Deykers fügt seine üblichen Sirenen und Science-Fiction-Moods hinzu, bis ein apokalyptischer Dancetrack entsteht. "Why" leitet mit sanften Dancehall-Anklängen über schnellen Tribal-Beats zum verblüffenden Album-Höhepunkt "Try To Love You" über, einer geloopten Piano-Ballade, in der sich die Grenzen zwischen Club und Jazz vollends auflösen. Man denkt wiederum an Klassiker, zum Beispiel an Ahmad Jamals "Awakening"; und eine Art Erwachen symbolisieren diese neun klarsichtigen Tracks, in denen jedes Geräusch, jeder Sound sorgsam gesetzt wurde, ja auch für Martyn, dem mit seinen aus Sorge und Pein geborenen "Voids" eines der besten Elektronik-Alben des Jahres gelang. Deep, deep Talent. (9.0) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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