Pop-Newcomerin Lianne La Havas Süße mit Seele

Niedlich ist sie, klar. Aber um als nächster großer Star zu gelten, reicht das nicht. Also packt Lianne La Havas viel stolzen Soul dazu und mischt auf unerhörte Weise Folk, Pop und Rock darunter.

Von Jürgen Ziemer

Alex Lake/ Warner Music

Muss es wirklich immer ein junger Typ sein? Oder fährt man nicht mit einem älteren Liebhaber mindestens genauso gut? Lianne La Havas kleidet ihre Antwort in eine Gegenfrage: "Ist es wirklich so schlimm, dass er alt ist, solange er tut, was man ihm sagt?" Das klingt hübsch kokett und provokant - und aus dem Mund einer 22-Jährigen besonders charmant. Vor allem, wenn die behauptet, aus eigener Erfahrung sehr genau zu wissen, wovon sie da singt.

Der Song, in dem La Havas sich der Altersfrage widmet, heißt schlicht "Age"; eines von drei Liedern, die sie im Oktober 2011 in der weltweit einflussreichen BBC-Musik-Show "Later with Jools Holland" vorgetragen hat. Ganz allein, die akustische Gitarre wie einen Schutzschild an sich gepresst, stand sie da, in einem schneeweißen Glockenkleid, die langen Beine in pechschwarzen Strümpfen, dazu Schuhe so hoch wie der Eiffelturm. Eine Mischung aus heiterer Unschuld und selbstbewusster Soul-Queen, die weiß, was sie kann und was sie will.

Seitdem tobt vor allem das Internet vor Begeisterung - und freudiger Erwartung. Zumindest das Warten hat nun ein Ende, denn Lianne La Havas' Debüt "Is Your Love Big Enough?" erscheint. Ihre Stimme dreht darauf vergnügte Kapriolen, ohne je in die Hochseilakrobatik amerikanischer R&B-Sängerinnen zu verfallen. Und Soul ist hier kein klischeehaftes Format aus Versatzstücken der Sechziger, sondern lässt sich wortwörtlich mit Seele übersetzen.

Zittern, schwitzen - überwältigen

La Havas vermischt Genres wie Folk, Soul, Pop und Rock zu etwas ganz und gar Eigenem: "Das Storytelling von Folk hat mich ebenso beeinflusst wie der Blues. Ich glaube, das ist alles ein Teil von dem, was ich Soul Music nenne: Wenn jemand von Herzen singt und es wie ein Bewusstseinsstrom ist. Soul, das ist für mich mehr als ein paar Diven, die sehr laut singen".

Sie wird wissen, wovon sie redet. Als Kind mopst sie ihrer jamaikanischstämmigen Mutter ständig CDs von Größen des Genres wie Mary J. Blige und Jill Scott - und ist von deren Musik noch heute begeistert. Ihr Vater schenkt ihr mit sieben ein billiges Plastik-Keyboard, und sie erlebt, "wie glücklich es macht, wenn man ein Instrument beherrscht". Und in der Schule kümmert sich die Musiklehrerin und Leiterin des Chors um den Nachwuchs - der damals noch unter enormen Lampenfieber litt.

"Zum ersten Mal vor Publikum zu singen, war das Schrecklichste was ich je erlebt habe! Ich zitterte und schwitzte, mein Herz dröhnte wie eine Kesselpauke", sagt La Havas. Dabei reißt sie dramatisch die tiefbraunen Augen auf und wackelt so amüsiert mit dem Kopf, dass ihr wirklich bemerkenswert üppiger Dutt auf und ab hüpft. Sogar nach einem Tag voller Interviews in gleich zwei Städten sprüht La Havas vor Energie. Sie rollt mit den Augen, ihre Leidenschaft ist so ansteckend wie ihr Wortschwall überwältigend.

Die Lehrerin ist noch immer ihr Gesangscoach, denn "sie hat mir Selbstvertrauen gegeben und den Glauben an meine Stimme". Doch das Lampenfieber hat die Londonerin inzwischen im Griff. "Ich habe es einfach immer wieder getan: Zuerst öffentlich Singen, dann dazu Gitarre spielen - und schließlich Spaß dabei haben. Ich lief kreuz und quer durch London, trat in Bars auf, bei Open-Mic-Konzerten. Irgendwann spürte ich, dass meine Leidenschaft zu groß geworden war, um die Musik nur als Hobby zu betreiben".

Würde? Keine Frage des Geldes

Nach anderthalb Jahren als Backing-Sängerin beschließt La Havas Ende 2009, selbst eine Karriere zu starten. Zusammen mit dem britischen Singer-Songwriter Matt Hales - besser bekannt unter dem Künstlernamen Aqualung - beginnt sie, Songs für ein eigenes Album zu schreiben. Als erstes Stück gelingt den beiden "Lost & Found", eine von Piano und Gitarre getragene Ballade, die sich sacht anschmiegt. La Havas Gesang wächst darin von Takt zu Takt, wird selbstbewusster, rauer: "Wir haben 'Lost & Found' noch am gleichen Tag aufgenommen - und genau so ist das Stück auf dem Album", sagt sie.

In der blütenweißen Bluse, die sie trägt, wirkt La Havas wie eines dieser Kinder aus Armenvierteln, die früher von ihren Eltern für die Schule feingemacht wurden. Weil kein Geld da war, um teure Kleidung zu kaufen, musste das Weiß ein bisschen weißer sein und der Gang etwas aufrechter. Nicht um etwas zu kaschieren, sondern um zu zeigen, dass Würde keine Frage des Geldes ist. Einen unbeugsamen, selbstverständlichen Stolz strahlt sie aus, der sich auch in Songs wie "Au Cinema" wiederfindet, wo der selbstbewusste Soul-Gesang an Erykah Badu erinnert, die Musik aber fast im Folk zu Hause ist.

Ein Teil der Aufnahmen entstand in New York, zusammen mit Hales, der das Album auch produziert hat: "Ich hatte ein Apartment in Brooklyn gemietet, dessen Esszimmer wir zum Studio umfunktionierten", sagt die Sängerin, die den griechischen Nachnamen ihres Vaters - Vlahavas - in das "jazzy" La Havas umgewandelt hat. Mit dem US-Singer-Songwriter Willy Mason nimmt sie in New York auch das zauberhafte Duett "No Room for Doubt" auf. Selten wurden die Probleme eines Paars in der Krise so zart und einfühlsam besungen. Und auch in diesem Song stecken La Havas' eigene Erfahrungen, das behauptet sie jedenfalls.

Übrigens ist auch Justin Vernon, der von Fans und Kritikern gleichsam geliebte Blockhütten-Barde, der als Kopf der US-Band Bon Iver mit zerbrechlichen Neo-Folk-Balladen weltweit große Erfolge feiert, ein Fan von Lianne La Havas. Begegnet sind sich die beiden während besagter Show von Jools Holland. Ein paar Worte wurden gewechselt, die jeweiligen Soundchecks begutachtet. Wenige Tage später meldet sich das Management von Bon Iver. Ob La Havas nicht mit auf Nordamerika-Tour gehen möchte?

Mutterseelenallein stand sie dann dort mit ihrer Gitarre auf der Bühne - in gigantischen Hallen, vor einem Publikum, das noch nie von dieser Engländerin mit dem lustigen wippenden Haar gehört hat. Lianne La Havas nicht zu kennen, das dürfte sehr bald schon unvorstellbar sein.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
buschheuer 10.07.2012
1. optional
Gähn!
kneumi 10.07.2012
2. Niedlich aus dem Photoshop
"Niedlich ist sie, klar." - und dazu ein maßlos gephotoshopptes Coverbild, das eines der 0815-Barbiegirls unserer Zeit zeigt. Wer's niedlich findet...
flynn10 10.07.2012
3. ....wie langweilig....
...und dabei haben wir aktuell mit dem Album von Y'akoto ein neues Produkt auf dem Markt, das dem hier um Lichtjahre voraus ist. Und vor allen Dingen eine Sängerin mit einer eigenständigen Stimme, die dieses Schnuckelchen hier ziemlich alt aussehen lässt.
herrrrausser 10.07.2012
4. Großartig und wunderbar
Tolle Frau, wunderbare Musik - einfach mal Augen und Ohren aufsperren und zuhören. Age, Lost & Found, No Room For Doubt, Is Your Love Big Enough, usw. mit das Beste was in den letzten Jahren erschienen ist. Hoffe mal, der Hype um Sie, der jetzt begonnen hat, geht nicht zu weit. Wäre schade.
molldur 10.07.2012
5. Haha, wie seid ihr denn drauf?
Zitat von flynn10...und dabei haben wir aktuell mit dem Album von Y'akoto ein neues Produkt auf dem Markt, das dem hier um Lichtjahre voraus ist. Und vor allen Dingen eine Sängerin mit einer eigenständigen Stimme, die dieses Schnuckelchen hier ziemlich alt aussehen lässt.
Wer sich ihre Auftritte mal angesehen hat und die Songs wirklich anhört merkt sofort, dass da was Großes auf der Bühne steht. Und wer das jetzt auch noch mit Y'akoto vergleicht, hat nicht gemerkt wie facettenreich "dieses Schnuckelchen" ist und zudem noch wunderbar Gitarre dazu spielt. Einfach mal anhörn und Klappe halten: Lianne La Havas - Age (Later with Jools Holland) - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=yYDhQdzo4Io) Kunstbanausen! ;P
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