Liederabend mit Trifonov und Goerne Im besten Sinne traumwandlerisch

Liederabende können anstrengend sein - es sei denn, Weltstars wie Pianist Daniil Trifonov und Bariton Matthias Goerne treten an. Ihre Zusammenarbeit sorgte im Bremer Konzertsaal für eine Sternstunde.

Dario Acosta/ DG/ Musikfest Bremen

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90 Minuten ohne Pause. Texte über Tod, Verlust, Enttäuschung, Vergänglichkeit und letzte Dinge, verpackt in Lieder von Zwölftöner Alban Berg, Hugo Wolf, Dmitri Schostakowitsch und Robert Schumann. Dass dieses ambitionierte Unternehmen im Bremer Konzertsaal "Die Glocke" eine lebendige Performance wurde, lag an dem Bariton Matthias Goerne und dem Pianisten Daniil Trifonov.

Matthias Goerne, Wunsch-Wotan von Bayreuth-Chefin Katharina Wagner für die nächste "Ring"-Inszenierung der Festspiele, gehört zu den interessantesten Lieder- und inzwischen auch Opernsängern der Klassikszene. Trotzdem war es eine kleine Sensation, dass ihn ausgerechnet der momentan am heißesten gehandelte Klavier-Weltstar Daniil Trifonov begleitete. Eine Paarung der Superlative, die man nur bei zwei Konzerten erleben konnte: bei den Salzburger Festspielen und beim stets interessant besetzten Bremer Musikfest, das sich zu einer Top-Festivaladresse in Deutschland gemausert hat.

Trifonov liebt die akribische Arbeit am Dialog zwischen dichterischem Text und hochkomplexen Notentexten, die in diesem Programm den roten Faden vom Schönberg-Schüler Alban Berg über den intellektuellen Romantiker Robert Schumann bis hin zu Hugo Wolf, Dmitri Schostakowitsch und Johannes Brahms ("Vier ernste Gesänge") spannen.

Matthias Goerne nahm diese atmende Struktur des musikalischen Gesamtkunstwerks auf der Bühne mit Bewegung auf. Ganz buchstäblich, denn der Sänger stieg körperlich in den Text ein, stellte mit sparsamen, dennoch spontan wirkenden Ausdrucksformen Emotionen und Inhalte dar, sodass das Publikum sich mitunter mehr in einer Inszenierung als einer kammermusikalischen Weihestunde wähnte. Genau dafür war Daniil Trifonov der ideale Partner.

Die Wucht der Worte

Seine gezügelte Dramatik, die die noch sanft aufgesprengte Tonalität in Alban Bergs Frühwerk mit zärtlichem Zugriff um Goernes Phrasierungen drapierte, setzte von Beginn an dezente, aber sichere Akzente. Da hatte selbst die Düsternis der Texte von Alfred Mombert ("Stirb! Der Eine stirbt, der Andere lebt: Das macht die Welt so tiefschön.") keine Chance, nur Trübsinn zu verbreiten. Denn diese Kontraste gehörten zum Programm des Abends: Die Wucht der Worte gegen die Sublimierung durch Musik, aufgelöst ein einer totalen Symbiose von Klavier und Stimme.

Wenn Heinrich Heines vitriolisch durchträufelten Liebestexte ("Im wunderschönen Monat Mai"), die Robert Schumann in seinem Zyklus "Dichterliebe" op. 48 verarbeitete, in diesem Zusammenhang nur melancholisch-nachdenklich wirken, so kann man ermessen, wie herb die Dichtungen des Renaissance-Universalkünstlers Michelangelo Buonarroti dagegen stehen.

Hugo Wolfs Bestreben, aus Dichtung und Musik eine gänzlich neue Gattung zu schaffen, fand hier ihren schlüssigen Ausdruck. Mit fließendem Führungswechsel spielen sich Trifonov und Goerne die Bälle zu, mit unglaublich prägnanter Diktion arbeitet Goerne die Sinnbögen heraus, während Trifonov mit harten Akzenten die Untiefen klar und biegsam ausleuchtet. Gegensätze als Ergänzung von Tod und Werden: zwei Künstler, die in tiefen Verständnis kommunizieren und Hugo Wolfs Ideal vom neuen Kunstwerk betörend nahekommen.

Überragende Akustik im Bremer Konzertsaal

Schostakowitschs drei Versionen von Buonarrotis Gedichten, die Goerne und Trifonov jetzt folgen lassen, schwirren in "Dante" und "Nacht" emotional in ganz andere Gefilde. Russisch gesungen, wirkt Goernes "Dante"-Vision mit Trifonovs mächtiger Klavier-Umrahmung fast wie die Krönungsszene aus "Boris Godunow". Goernes Stimme füllt mühelos den Saal, ein sinnliches Erlebnis der makellosen Art.

Dieses perlende Grauen führten die beiden dann über die Bibelvertonungen in Johannes Brahms' "Vier erste Gesänge" op. 123, die zwar mit "Glaube, Hoffnung, Liebe" aus dem 13. Korintherbrief versöhnlich enden, aber vorher "Das Böse unter der Sonne" (Prediger Salomo) erwähnt haben. Die wahre Erlösung kam nur von der Kunst des Sängers und des begnadeten Klavierspielers. Da über Daniil Trifonovs unfehlbares technisches Können keinerlei Zweifel bestehen und der 26-jährige Russe derzeit nichts beweisen muss, zielte sein Interesse vor allem auf dramaturgische Kompetenz, wofür Matthias Goerne der ideale Partner ist.

Goernes kraftvolle stimmliche Statur, in der überragenden Akustik der "Glocke" bestens präsentiert, bot den mächtigen Widerpart zu Trifonovs wandlungsfähiger Eleganz. Eine Sternstunde mit zwei starken Individualisten, die im besten Sinne traumwandlerisch interagierten.

Demnächst erscheint Daniil Trifonovs Chopin-CD, mit der er wieder für ihn musikalisches Neuland betritt. Und man kann nur hoffen, dass Matthias Goernes Bayreuth-Engagement tatsächlich realisiert wird.



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