"Live 8" in Berlin Caipi trinken für Afrika

Picknick, Pop und Partnerwahl: Mehr als 200.000 Menschen strömten am Samstag in Berlin auf die Straße des 17. Juni, wo sie zwar wenig sehen, aber deutsche Rockgrößen hören konnten. Früher verstopften Techno-Jünger der Love-Parade die Strasse - nun sonnten sich Weltverbesserer im Tiergarten.

Von Ulf Lippitz


Ein Cocktail 4,50 Euro: "Ziemlich geil"
Henryk M. Broder

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Die Wassersprinkler sind schuld. Deshalb dürfen 200.000 Menschen "Live 8" nicht vor dem Berliner Reichstag erleben, sondern müssen auf die Strasse des 17. Juni ausweichen - einen langen Schlauch, den rechts und links der grüne Tiergarten säumt. Veranstalter Marek Lieberberg schäumt noch kurz vor dem Konzert. Zehn Konzerte in neun Ländern, das größte Spektakel gegen die Armut in Afrika - und die richtige Berieselung des satten Reichstags-Rasen hat Vorrang. Lieberberg gibt der Politik die Schuld. Bundestagspräsident Thierse habe den Platz partout nicht freigeben wollen.

Die Folge: Die Toten Hosen berieseln pünktlich drei Minuten nach zwei ein Publikum, das sich seit Stunden aufstaut. Wer jetzt aus Richtung Brandenburger Tor eintrifft, hat Glück, wenn er soweit vorrobbt, dass er die Bühne am Horizont erkennt - und einen Video-Monitor in seiner Nähe findet. Der Auftakt mit der Düsseldorfer Band ist kraftvoll, Campino singt "Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft", die Besucher donnern Applaus zurück, jeder scheint gewillt, für die gute Sache Einschränkungen in Kauf zu nehmen.

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Live-8-Konzerte: Picknick, Pop und Partnerwahl
Aber was ist die gute Sache? Da sind sich alle seltsam einig. Wie aus der Pistole geschossen ertönt es: "Afrika." Punkt. Dass Initiator Bob Geldof einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder anstrebt, davon hat Gisela aus Berlin-Neukölln vage etwas gehört. Sie ist wegen der Musik hier, der vielen Leute, sagt die Mutter zweier Kinder, die sich mit silberner Iso-Matte, Butterbroten und einer Promenadenmischung an den Bordstein setzt. Ihr Mann schaut prüfend hinüber, seinen dunkelblauen Ballonseide-Jogginganzug zieren zwei dunkle Flecken.

Judith findet das Konzert "ziemlich geil". Die Studentin wundert sich nur, dass die Ärzte gar nicht auftreten. Die Politik sei wichtig, glaubt sie, aber sie macht sich nichts vor: Ohne die großen Namen wäre keiner hier.

Tagesthemen-Moderatorin Anne Will unterrichtet das Publikum in den Umbaupausen, warum sich überall auf der Welt Menschen versammeln, Musik hören und danach ein reines Gewissen vorweisen. "Live 8" soll ein Zeichen setzen, damit die acht größten Industriestaaten ihre Haltung gegenüber den Schuldner-Ländern in Afrika ändern. Die Staatschefs treffen sich kommenden Mittwoch im schottischen Gleneagles. Ausdrücklich betonen Will und Campino, dass man dabei auch auf den ungeliebten US-Präsidenten George W. Bush setzen müsse.

Weiter hinten verschwimmen solche diplomatischen Feinheiten. Die Aktivisten vom Linksruck-Stand werben mit einem Plakat von Bush, auf dem steht: Terrorist Nummer Eins. Auf dem gleichen Tisch liegen Flyer der neuen Linkspartei WASG, Aufkleber der PDS und Petitionen zum Schuldenerlass. "Das ist kein Rock-Konzert, das ist eine Demonstration!", sagt Campino. Für die Linken ist es vor allem Wahlkampf - und ihnen ist es genauso wichtig wie den Promo-Teams ihr Speed-Dating-Angebot, das sie tausenden Menschen in die Hand drücken. Für fünf Euro soll man sich an der modernen Form des Kennenlernens beteiligen.

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Konzertmarathon: Gegen den Hunger in Afrika
Picknick, Pop und Partnerwahl - je weiter der Nachmittag voran schreitet, umso deutlicher erinnert "Live 8" an die Love Parade. Auf der inzwischen eingestampften Parade tanzten Techno-Touristen für den Weltfrieden, auf der Strasse des 17. Juni grölt man für die Abschaffung der Armut. Nur die Rauschmittel variieren. Früher Ecstasy, heute Bier oder Caipirinha. Trinken für Afrika. Drei Stunden nach Show-Beginn liegen die ersten - meist männlichen - Kämpfernaturen im Gras.

Auf der Bühne setzen sich umjubelte Bands wie Wir sind Helden, Juli und Silbermond für Geldofs Sache ein. Xavier Naidoo schnurrt Slogans gegen die Armut, auf dem Kopf trägt er eine Designer-Mütze. Chris de Burgh darf aus der Gruft heraus, um seine "Lady In Red" zu besingen - und die ersten Besucher nutzen die Hängepartie, um einen Ausflug ins Shopping-Center am nahen Potsdamer Platz zu unternehmen.

Spielten gegen den Hunger in Afrika: U2 und Paul McCartney in London
AP

Spielten gegen den Hunger in Afrika: U2 und Paul McCartney in London

Die Umbaupausen dauern länger als geplant, die angesetzten sechs Stunden ziehen sich bis auf zehn, die Einspielungen aus London werden länger. Zum Glück! Während vor der Siegessäule die unverwüstlichen BAP, Schmuse-Sänger Sasha oder die völlig unbekannte Sängerin Renne Olstead ein Ständchen trällern, verfolgen Tausende Menschen gebannt, wie im Hyde Park Paul McCartney, U2 oder Madonna richtige Hits vortragen. Gemeinplätze wie "Wir setzen ein Zeichen" oder "Das ist eine politische Demonstration" werden aber mit jeder Wiederholung auch auf Englisch nicht eindrücklicher.

Wen wollen die Musiker damit beeindrucken? Es geht darum, eine emotionale Benommenheit zu erzeugen. So hat es vor dem Konzert Jaka Bizilj formuliert. Der Inhaber der Star Entertainment GmbH organisiert jährlich die "Cinema For Peace"-Gala während der Berlinale, am Sonntag ruft er zum "Langen Marsch der Gerechtigkeit" auf. Um 10 Uhr treffen sich die Überlebenden von "Live 8", veranstalten eine "kleine Love Parade" - so Bizilj - und fahren dann in Bussen oder Privatautos zum G8-Gipfel nach Schottland.

Hollywood-Star Tim Robbins unterstützt die Aktion in Berlin, wird von hier aus seinen Marsch antreten, wahrscheinlich im Flugzeug. Der Schauspieler hofft auf eine "schöne Sommernacht" in Edinburgh. Kämpferischer zieht Bizilj ins Felde: "Die größte Völkerwanderung der Moderne" hat er vor Augen, sein Mitstreiter, Regisseur Ralf Schmerberg, spricht von "ghandi-esken Phantasien", die wir "Bob und Bono" verdanken. Am Ende sagt er einen sehr ehrlichen Satz: "Wir sind reine Dienstleister."

Das trifft "Live 8" am besten. Die Künstler stellen sich in den Dienst einer Idee, die gut gemeint ist, deren Umsetzung aber Kritik erzeugt. Die Massen in Berlin feiern um Mitternacht Herbert Grönemeyer als letzten Künstler, sich selbst als Teilnehmer und Geldof für seinen sympathischen Größenwahn. Armut wird damit nicht in die Geschichte verwiesen.



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