Popsängerin Lorde "Ich habe gemerkt, dass ich gar nichts weiß"

Und dann blieb sie doch etwas länger auf der Party: Vier Jahre nach ihrem Welterfolg "Royals" kehrt Lorde mit einem neuen Album zurück. Eine Begegnung.

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Lorde ist auf Promo-Tour durch Europa, um ihr neues Album "Melodrama" zu bewerben, vier Jahre, nachdem sie mit ihrem Debüt zum globalen Popstar wurde. London, Paris, Berlin, dann zurück nach Los Angeles. Am Tag vor unserem Interview schreibt sie auf Twitter: "Wenn du feststellst, dass du die Person, zu der du dich entwickelst, und die Richtung, in die es für dich geht, ziemlich gerne magst, dann scheint alles einen goldenen Anstrich zu bekommen."

Die Botschaft wird von ihren 4,93 Millionen Followern 16.000 Mal geteilt und erhält 40.000 Likes. Am nächsten Tag, im Interview, sagt Lorde: "Ich bin ein wirklich introvertierter Mensch. Es liegt nicht in meiner Natur, dauernd mit vielen Leuten zu reden und neue Leute kennenzulernen, überhaupt, mich zu öffnen."

Man muss mit vielen Widersprüchlichkeiten klar kommen, wenn man sich dieser Tage mit Lorde und "Melodrama" beschäftigt. 2013 wurde die Sängerin, bürgerlich Ella Yelich-O'Connor, mit ihrer Debütsingle weltberühmt und belegte acht Wochen lang die Spitze der Billboard Hot 100. "Royals" hob sich vom damaligen Pop-Mainstream durch die lässig-minimalistische Produktion und die abgeklärte Botschaft ab: "Alle machen auf Cristal, Maybach, Diamanten auf der Uhr/ Privatjets, Inseln, Tiger an goldenen Leinen/ Das ist uns egal, wir sind nicht in eure Liebesaffäre verstrickt"

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Lorde: Weltstar der Widersprüche

Ein Abgesang auf Celebrity Culture und Bling Bling, aber auch ein bisschen auf schwarze Popkultur von einer unbekannten 16-jährigen Neuseeländerin: Die Popwelt war geplättet. Fast zeitgleich zum Start von Lena Dunhams Comedy-Serie "Girls", in der sich die schriftstellerisch ambitionierte Hauptfigur Gedanken darüber macht, inwiefern sie die Stimme ihrer Generation sein könnte, bot sich Lorde als eben eine solche Stimme an. Nicht für ihre gesamte Generation, aber für die, die sich in ihrer Abgrenzung von der Mehrheit verstanden und aufgehoben fühlen wollen. "Seit dem Tag, an dem ich geboren wurde, war ich immer die, die eine Stunde auf der Party bleibt und dann nach oben geht, um zu lesen", sagte Lorde damals dem "Time"-Magazin.

Im Zuge des Erfolgs von "Royals" und anschließend auch ihres Debütalbums "Pure Heroine" schien sich Lorde dann aber darauf zu verlagern, doch etwas länger auf der Party zu bleiben: Sie wurde Teil von Taylor Swifts Vorzeige-Clique und tauchte plötzlich in diversen Instagram-Feeds neben Topmodels und Star-Produzenten auf, war auf dem Cover der "Vogue" zu sehen und lief über den roten Teppich der New Yorker Met Gala.

Und dann gab es, abgesehen von einem Song für den dritten Teil der "Tribute von Panem"-Reihe, erst einmal keine Musik von ihr mehr zu hören.

"Ich hatte erst Anfang, Mitte 2016 eine echte Vorstellung davon, was für Musik ich auf meinem zweiten Album machen wollte", sagt Lorde beim Interview in Berlin. Nicht der große Erfolg und die berühmten Freunde hätten sie eine andere Perspektive aufs Leben einnehmen lassen, sondern schlicht das Älterwerden. "Teenager denken, sie wüssten alles, was es über die menschliche Existenz zu wissen gibt", versucht sich Lorde von ihrem altklugen Teenager-Ich zu distanzieren. "Als ich 20 wurde, habe ich gemerkt, dass ich gar nichts weiß."

Herausforderung Singledasein

Ausschließlich innerlich, gibt Lorde zu, waren die Veränderungen in ihrem Leben nicht. Sie schloss ihre Welttournee ab, zog von Zuhause aus und trennte sich von ihrem langjährigen Freund. Vor allem das Singledasein empfand sie als Herausforderung: "Ich habe nie gedatet. Als Single habe ich erst einmal jeden Freitag und Samstag in meinem neuen Haus eine Party geschmissen und mir das Geschehen mit neuen Augen, als eine Art Puzzle mit vielen Bestandteilen angeschaut."

Das aus dieser Zeit resultierende Album "Melodrama" bezeichnet sie deshalb auch mit einiger Selbstironie als "Oper über einen Abend in meinem Leben": "Du stehst mitten auf der Tanzfläche und feierst mit deinen Freunden. Dann bist du plötzlich im Bad und siehst im Spiegel, wie fertig du bist. Du weinst, aber irgendwann geht's dir dann wieder gut - all das kommt auf dem Album vor."

Tatsächlich geht "Melodrama" mit dem Höhepunkt der Party los: "Green Light", die erste Single, könnte nicht weiter entfernt sein von der Ansage, die Lorde noch 2013 in ihrem Song "Team" machte: "Ich hab's einigermaßen satt, dass mir jemand sagt, ich sollte meine Arme in die Luft werfen." "Green Light" ist nun ein einziges Hände-in-die-Luft: Zwar singt Lorde darüber, wie sehr sie sich von ihrem Ex getäuscht fühlt. Doch mit dem Chorus setzt ein Piano ein, das einem die gute Laune buchstäblich einhämmert. So euphorisch klang Lorde noch nie.

Doch es ist nur ein Ende des emotionalen, oder besser gesagt melodramatischen Spektrums, das das Album abdeckt. In der Piano-Ballade "Liability" übt sich Lorde in Selbstbezichtigung: Sie sei eine Belastung für ihre Freunde, singt sie, ihr Ruhm, die Aufmerksamkeit, die sie automatisch auf sich und alle in ihrer Nähe ziehe, all das sei für viele kaum zu ertragen. "Die Wahrheit ist, dass ich ein Spielzeug bin, mit dem die Leute gern spielen/Bis die ganzen Tricks nicht mehr funktionieren". So abgekämpft klang Lorde noch nie.

Wie es sich als Popstar mit Promi-Freunden so lebt

Mitverantwortlich für Lordes auch musikalisch neuen Sound ist Jack Antonoff, bekannt geworden mit seiner Band fun. und als Freund von Lena Dunham. Mittlerweile ist er als Produzent (u.a. Taylor Swift, Grimes) und als Solokünstler erfolgreich. Unter dem Namen Bleachers, aktuell auf dem Album "Gone Now", veröffentlicht er Musik, die ähnlich wie Lordes angelegt ist: Es ist großspuriger Pop ohne Angst vor Überschwang, dabei aber voller Nabelschau, wie es sich als Popstar mit Promi-Freunden so lebt.

Bei Antonoff kippt diese Mischung allzu oft in leeren, selbstmitleidigen Pomp. Umso mehr fällt deshalb auf, was Lorde auf "Melodrama" einzigartig gut gelingt: Mit ihrer Stimme, die fließend zwischen tief gepresst und schrill kieksend wechseln kann, verleiht sie jedem ihrer Songs eine Intensität, die unmittelbar und völlig unpeinlich ist. Sie kann, wie in "Green Light", Banalitäten singen ("Sie glaubt, dass du den Strand magst, du bist so ein verdammter Lügner") und sie wie hart erarbeitete Lebenserkenntnisse klingen lassen.

Das ist eine Qualität von Lorde, die nicht auf ihre Musik beschränkt bleibt. Nach einem sehr herzlichen und konzentrierten Interview finden sich auf der Aufzeichnung des Gesprächs bemerkenswert viel selbststilisierendes Eigenlob: "Ich mache Pop, aber total reichhaltig und komplex", "Meine Art zu produzieren, ist ganz eigenständig und abstrakt, weil ich nicht von einem vorgezeichneten Weg komme", "Für mich ist Produzieren wie Malen: Weil ich Synästhesie habe, ist es solch eine visuelle Erfahrung", "Ich bin so neugierig auf alles die ganze Zeit".

Spricht so jemand, der "gar nichts weiß"? Nein, aber bei einer Künstlerin wie Lorde nach inhaltlicher Konsistenz zu suchen, ist letztlich ein sinnloses Unterfangen. Das einzig Konstante bei ihr ist die Emphase, mit der sie sich, ihre Musik und ihre Sicht auf die Dinge präsentiert. Und so lange sich diese Intensität auch auf ihre Zuhörer überträgt, macht Lorde in all ihrer Widersprüchlichkeit dann doch alles richtig.



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