Lordi und der Grand Prix Die wollen nur spielen!

Der Grand-Prix-Sieg von Lordi lässt Schockwellen durch Europas Musiklandschaft gehen. Sind die Europäer kollektiv dem Wahn verfallen? Mögen sie balladesken Schmalz nicht mehr? Die finnischen Monster haben bewiesen: Harter Rock ist endgültig im Mainstream angekommen.

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Da war sie wieder, die hässliche Fratze des Heavy Metals. Und sie schockte aufs Schrecklichste. Lordi, die finnischen Rocker in den lustigen Geisterbahn-Kostümen, hatten beim Eurovision Song Contest noch keinen Ton gespielt, da rollten schon die Wellen der Empörung durch Europa. Grand-Prix-Fossil Nicole ereiferte sich in der "Bild"-Zeitung über "ekelerregende Horrormasken", Kulturpessimisten waren in heller Aufregung, und in Griechenland drohten konservative Gruppen den Veranstaltern des Grand Prix gar eine Klage an, sollten sie den Lordi-Auftritt nicht verbieten. Die Finnen, so die Begründung, "kultivieren den Satanismus".

Fragt sich nur, ob man Satanismus kultivieren kann und, wenn ja, welcher echte Satanist allen Ernstes zu singenden Baisers aus Norwegen, Discopop-Nudistinnen aus der Ukraine oder Folkloretruppen vom Balkan auf die Bühne steigen würde.

Die größte Überraschung des Abends aber war, dass auch volle 30 Jahre nach den ersten Auftritten von Kiss und Alice Cooper eine Rockband eine solche Entrüstung auslösen kann, nur weil sie in Grusel-Kostümen auftritt und ansonsten - ja, was eigentlich getan hat? Nichts. Die Lordi-Truppe hat auf der Bühne keinem Kleintier den Kopf abgebissen, keine Babypuppen aufgespießt und nicht einmal verbal versucht, sich den Anstrich von Wochenend-Satanisten, geschweige denn echten Teufelsanbetern zu geben.

"Gigantisches Kraftwerk auf Hufen"

Sänger Tom Putaansuu alias "Lordi" bezeichnete die immer wieder erhobenen Satanismus-Vorwürfe in einem Interview als "totalen Quatsch". Wer sich jemals die Mühe gemacht hat, einen Blick auf die Internetseite der Band zu werfen, kann kaum anders, als dem Mann zu glauben. Nicht nur, weil die Band einen Song namens "Devil is a Loser" im Programm hat.

Putaansuu bezeichnet sich selbst als "Bastardsohn von tausend Größenwahnsinnigen" und "unheiliger Herr der Beben". Bassist Ox, das gehörnte Huftier der Band, nennt sich unter anderem "Smashquatch, das gigantische Kraftwerk auf Hufen" - eine kleine Anspielung auf das amerikanische Sasquatch-Phantom, besser bekannt als pelziger "Bigfoot". Schlagzeuger Kita beschreibt sich als "Ork-Soldat" und fragt rhetorisch "Wer, zum Teufel, ist der Predator?"

Das komplette Drumherum - die einen mögen vom Gesamtkunstwerk, prosaischere Gemüter von der "corporate identity" sprechen - schreit: Ironie! Das wird noch deutlicher, wenn man Lordi vor dem Hintergrund ihres Musikgenres beurteilt: Innerhalb des Heavy Metals, des finnischen erst Recht, ist Lordi auf der Skala der musikalischen Brutalität am äußersten seicht-melodiösen Rand anzusiedeln. Am anderen Ende gibt es Bands, die von den Grand-Prix-Gewinnern mindestens genauso weit entfernt sind wie die kroatische Volkstanz-Hupfdohle Severina. "Für viele jugendliche Metal-Fans in Finnland sind wir eigentlich Pop", klagte Lordi-Sänger Putaansuu im Interview mit dem "Hamburger Abendblatt".

Jeder Eingeweihte erkennt auf den ersten Blick, dass der Auftritt der Maskenträger als augenzwinkernde Hommage an gealterte Schockrocker wie Alice Cooper, Kiss und Wasp zu verstehen ist - musikalisch wie bildhaft. Nur hat der Heavy Metal seit rund 30 Jahren ein Problem: Die bürgerliche Kritik hält ihn und seine Akteure schlicht für zu dumm, der Ironie überhaupt fähig zu sein. Deshalb geht sie auch immer wieder den eigentlich leicht erkennbaren Provokationen von Musikern wie Slipknot, Marilyn Manson oder - besonders in Deutschland - Rammstein auf den Leim.

Gruseln im Scheinwerferlicht

Man mag an dieser Stelle kaum noch wiederholen, dass Heavy Metal als Überbegriff ein Genre bezeichnet, das zahllose extrem unterschiedliche Strömungen in sich vereint, über virtuose Musiker verfügt und thematische Tiefen kennt, die den meisten anderen Bereichen der Populärmusik fremd sind.

Die Hysteriker verlieren angesichts der martialischen Show von Bands wie Lordi gerne eines aus den Augen: Die wollen nur spielen. Und das können Lordi überraschend gut. Man muss kein Freund des einfach gestrickten Geradeaus-Hardrocks sein, um zu erkennen, dass die Finnen ihr Genre perfekt beherrschen und in Athen eine hochprofessionelle Bühnenshow abgeliefert haben. Das ist bei weitem mehr, als man von vielen Teilnehmern des diesjährigen Sangeswettstreits selbst mit viel Wohlwollen behaupten kann.

Dennoch entblödete sich Grand-Prix-Kommentator Peter Urban nicht, Kindern und sensiblen Gemütern vor dem "Lordi"-Auftritt zu empfehlen, die Augen zu schließen oder den Fernseher auszuschalten. Man muss während der letzten Fernsehjahre wohl hauptsächlich Trällerwettbewerbe verfolgt haben, um zu glauben, man könne die TV-Kids von heute mit fünf Gummimasken schocken.

Nicht, dass man sich beim Grand Prix nicht wieder hätte gruseln können. Man denke da nur an die Siebziger-Jahre-Disconummer von Sibel Tüzün, dem wasserstoffblonden Cher-Abziehbild aus der Türkei. Oder an den Auftritt von LT United aus Litauen, die sich mit ihrem Stadion-Prollgesang gleich zu den "Winners of Eurovision" erklärt hatten. Da fühlte man sich an einen Titel der Toten Hosen erinnert: "Vorhang auf für ein kleines bisschen Horrorshow".

Andererseits darf man diesen Sangeskünstlern dankbar sein - dafür, dass sie uns gezeigt haben, wer hier der Untote ist. Und dafür, dass sie es dem europäischen Publikum ermöglicht haben, Reife zu beweisen. Wenn überhaupt etwas an diesem Grand Prix fassungslos machen konnte, dann war es die Urteilskraft der Zuschauer. Sie haben den Auftritt von Lordi als das verstanden, was er war: prima Unterhaltung, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Manchmal ist das Volk eben weiter als mancher Feuilletonist.



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