Loreens Triumph in Baku: Premiumpop aus Schwedens Hitfabrik

Von Felix Bayer

Loreen aus Schweden hat den Eurovision Song Contest gewonnen - eine würdige Siegerin, mit Charisma und eigenem Kopf. Ihr Titel "Euphoria" dürfte nun ein Radiohit werden.

dapd

Ihr erster Dank galt ihrem Team, das immer an sie geglaubt habe. Dann sang Loreen noch einmal "Euphoria", den Song, der sie zur fünften Siegerin für Schweden beim Eurovision Song Contest gemacht hatte - nach Charlotte Nilsson, Carola, den Herreys und natürlich Abba. Der Dank ans Team mag nach einem Klischee klingen, aber Loreens Triumph ist das Ergebnis einer Musikherstellungsmethode, die vom Teamwork lebt und in der Schweden Weltklasse ist.

Aber der Sieg gehört natürlich auch Lorine Zineb Noka Talhaoui - unter diesem Namen kam die Sängerin 1983 als Tochter marokkanischer Einwanderer in Stockholm zur Welt - ganz persönlich.

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Eurovision Song Contest 2012: Schweden feiert Loreen

Denn es war Loreens intensiver Blick und ihre an den Ausdruckstanz der frühen Kate Bush erinnernden Bewegungen, die den europäischen Fernsehzuschauern nach zweieinhalb Stunden Pop-Show im Gedächtnis geblieben waren, als es an die Abstimmung ging. Am Ende gewann sie mit riesigem Vorsprung, bekam 372 Punkte, aus 18 Ländern die Höchstwertung, wie das SPIEGEL-ONLINE-Abstimmungs-Flash zeigt.

Loreen begann ihre öffentliche Gesangskarriere 2004 in der Castingshow "Idol", der schwedischen Entsprechung zu "Deutschland sucht den Superstar", wo sie allerdings im Viertelfinale ausschied. Doch ihr Durchbruch kam beim Melodifestivalen, der ungemein populären schwedischen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest, die dort über Monate viele TV-Zuschauer fesselt. 2011 scheiterte sie dort zwar, aber ihr Song "My Heart Is Refusing Me" schaffte es trotzdem in die Top Ten der schwedischen Singlecharts.

Treffen mit Menschenrechtsaktivisten

Mit "Euphoria" erging es ihr 2012 noch viel besser. Sie gewann beim Melodifestivalen, die Single ist seit Wochen die Nummer eins in Schweden, auch in Finnland und Norwegen erreichte der Song hohe Hitparadenränge. Bei den Buchmachern war Loreen schnell die große Favoritin auf den Sieg beim ESC. Oft gab es schon Favoritenstürze - die 28-Jährige konnte die Erwartungen erfüllen.

Ihr Triumph ist allerdings beinahe logisch, wenn man bedenkt, dass in diesem Jahr insgesamt zehn der 26 Finaltitel von schwedischen Songwritern zumindest mitgeschrieben wurden. Die Autoren von "Euphoria" hatten dabei beide noch ein zweites Eisen im Feuer: Thomas G:son war auch am spanischen Beitrag beteiligt und Peter Boström produzierte den norwegischen Titel, der allerdings auf dem letzten Platz landete.

Thomas Gustafsson, der sich als Künstler nur G:son nennt, ist so etwas wie der schwedische Ralph Siegel, er hat 58 Titel für nationale ESC-Vorentscheide geschrieben, sieben davon kamen ins Finale. Doch er ist eben der schwedische Ralph Siegel, und das bedeutet, dass er Kontakt hat zur Crème de la Crème der internationalen Pop-Songwriter. Da sind Schweden spätestens seit den Hits, die die Backstreet Boys und Britney Spears mit Songs des Schweden Max Martin hatten, führend.

Der Siegertitel des Eurovision Song Contest ist denn auch ein Lied, das einfach so auch im Radio laufen könnte - was man über wenige ESC-Titel sagen kann. Der Euro-Trance-Sound ist bei Stars wie Rihanna ebenfalls beliebt, ihr Stottergesang in den Strophen könnte auch von Lady Gaga sein. Es ist ein Premiumprodukt aus der schwedischen Pop-Songwriting-Fabrik.

Loreen hat aber definitiv einen eigenen Kopf. In der Probenwoche von Baku gab es beinahe einen Eklat, als bekannt wurde, dass sie sich mit Oppositionellen und Menschenrechtsgruppen in Baku getroffen hatte. Die schwedische Delegation sagte, dies habe sie als Privatperson getan und wendeten so einen möglichen Protest Aserbaidschans bei der European Broadcasting Union EBU ab. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist Loreen also: eine würdige Siegerin.

Gewinner und Verlierer beim ESC in Baku
Rang Land Punkte
1 Schweden 372
2 Russland 259
3 Serbien 214
4 Aserbaidschan 150
5 Albanien 146
6 Estland 120
7 Türkei 112
8 Deutschland 110
9 Italien 101
10 Spanien 97
11 Moldau 81
12 Rumänien 71
13 Mazedonien 71
14 Litauen 70
15 Ukraine 65
16 Zypern 65
17 Griechenland 64
18 Bosnien 55
19 Irland 46
20 Island 46
21 Malta 41
22 Frankreich 21
23 Dänemark 21
24 Ungarn 19
25 Großbritannien 12
26 Norwegen 7

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insgesamt 44 Beiträge
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1.
LeToubib 27.05.2012
Zitat von sysop[...] Es ist ein Premiumprodukt aus der schwedischen Pop-Songwriting-Fabrik [...]
Na, wenn dieses Gestottere Premiumpop sein soll, moechte ich bitte nicht Mittel- oder gar Unterklassepop hoeren muessen ...
2. Sagen Sie Ihre Meinung!
GSYBE 27.05.2012
Wie kann man nur so eine Hupfdohle mit Kate Bush vergleichen? Und über das würdig lässt sich trefflich streiten; genauso wie über Geschmack und nach dem meinen war das Lied Schrott. Aber unter den `Blinden ist der Einäugige König´...im übertragenen Sinne...
3. Leicht befremdlicher Siegertitel
martineden 27.05.2012
"Euphorie" heißt das Gewinnerlied, vorgetragen unter psychedelischem Scheinwerfergewitter zu tranceartigen Bewegungen bei stakkatoartiger Musik und dann fällt auch noch Schnee...was soll uns das wohl sagen? Ansonsten viel durchschnittliches, viel Nachbarschaftsvoting, viel leicht bekleidetes (na bei Griechenland muss man ein Auge zu drücken, die können sich nicht mehr Stoff leisten); aber doch auch einige positive Momente, etwa die Albanierin mit ihrem avantgardistischen Beitrag, stimmgewaltig vorgetragen, ebenso Spanien, ein mitreißender Song und eine Interpretin mit betörend ausdrucksstarkem Stimmvolumen. Auch Italien konnte punkten mit einem völlig unitalienischem, aber hervorragend vorgetragenen uptempo-Song. Nicht überraschend die hohe Wertung für Mütterchen Russland mit seinen schräg "singenden" Babushki, ach Gottchen, die waren ja so putzig-niedlich und sammelten auch noch für ein neues Gotteshaus. Da greift man schon mal zum Hörer und votet, auch die Juries haben sich offenbar erweichen lassen. Die Show als ganzes war gut und professionell gemacht, wenn man die antidemokratischen Tendenzen vor Ort einmal ausspart.
4. Lob für Lob
radio.engineer 27.05.2012
Zitat von sysopEine würdige Siegerin: Mit Loreen aus Schweden hat beim Eurovision Song Contest eine Sängerin mit Charisma und eigenem Kopf gewonnen. Ihr Triumph ist aber auch die Krönung eines ESC-Jahrgangs, der im Zeichen schwedischer Songwriter stand. Ihr Titel "Euphoria" dürfte nun ein Radiohit werden. Loreen gewinnt Eurovision Song Contest ESC 2012 für Schweden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,835462,00.html)
Sehr wohltuend der unspäktakuläre Auftritt von Roman Lob. Er brauchte keine albernen TänzerInnen und grelle Showeffekte sondern hat einfach nur mit seiner Stimme (im Halb-Playback, wie alle auch) einen guten Auftritt hingelegt. - An alle Kritiker wegen des Liedes: Es wurde nicht von ihm ausgewählt sondern vom deutschen TV Publikum schon Wochen vorher. Und Platz acht geht in Ordnung. Man stelle sich nur vor, Deutschland hätte schon wieder gewonnen und das auch noch jetzt in der Euro-Krise mit D. als Prügelknaben ? - Summa summarum: Dickes Lob für Roman Lob und sein Team. P.S. Gut, dass Schweden gewonnen hat, die sind wenigstens finanziell in der Lage den nächsten ESC auszurichten, sonst hätten wir Gebührenzahler in D. wieder blechen müssen, wie das so üblich ist wenn ein armes Land gewinnt.
5. Vergisses
Berg-neu 27.05.2012
Enttäuscht waren wir Zuschauer zuerst von uns selber. Sind wir schon so weit hinterher, dass uns dieses Lichter-Dauerfeuer so auf den Wecker geht? Die Schnitt-Chaoten in den Cutter-Studios tun ein übriges, damit wir wegen ihrer Sekundenbruchstücke die Augen schließen mussten. Und die Schreihälse und -hälsinnen verursachten immer wieder den Griff zur Ton-aus-Taste. Und dann die sogenannte Wertung, wo Fans offenbar in Nachbarländer reisen, um von dort aus doch noch für ihr eigenes Land zu punkten.Und warum nur gefiel uns Norwegen, das unter ferner liefen landete? Und der farblose deutsche Junge im Unterhemd fand immerhin 10er Punktwertungen - wofür denn nur? Und dann das altkluge deutsche Gehabe: ja, aaaber dort geht es nicht allen gut. Ach nee, was für eine Weisheit .....
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Bevölkerung: 9,188 Mio. Einwohner

Fläche: 86.600 km²

Hauptstadt: Baku

Staatsoberhaupt: Ilcham Alijew

Regierungschef: Artur Rasisade

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