Abgehört - neue Musik Wie man dem hasserfüllten Zischen begegnet

Die genderfluiden Techno-Künstler Lotic finden auf "Power" zur Selbstermächtigung. Außerdem: RP Boo verzahnt Funk mit Footwork, Ebony Bones orchestriert gegen Rassismus und Mikaela Davis spielt Pop mit Harfe.

Von , und


Lotic - "Power"
(TriAngle Records, seit 13. Juli)

Die Welt könnte ein so wunderschöner Ort sein. So hell, erhaben und kristallin wie die in sakrale Höhen schwebenden Cembalo-Sounds und Choräle von "Love And Light", mit dem Lotic sein Debüt-Album "Power" eröffnet. Aber die Welt ist - leider - oft hässlich und feindselig. So bedrohlich und niederträchtig wie der geflüsterte Hass, der gleich danach, in "Hunted", zum Ausdruck kommt: "Brown skin, masculine frame/ Head's a target/ Actin' real feminine/ Make 'em vomit". Ein enervierendes Zischen der Ignoranz, das die hart erkämpfte Freiheit der Selbstbehauptung immer wieder durchschneidet - und tiefe Wunden hinterlässt.

Gleich nach seinem Studium der Computer-Musik und -Komposition in Austin, beschloss J'Kerian Morgan, seine Heimat Texas zu verlassen: Ihm war klar, dass er als homosexueller schwarzer Mann nicht im bigotten Süden der USA leben wollte. Seit 2011 lebt er in Berlin, betreibt zusammen mit anderen Expats das erfolgreiche Label Janus - und wurde als Lotic zum festen Bestandteil der experimentellen elektronischen Musik in der Hauptstadt. Vor kurzem wurde Morgan 30 - und entschied, dass er fortan nicht mehr mit maskulinen Pronomen angesprochen werden möchte, sondern im Plural. Er sei nie "h.o.t." gewesen - him over there, und ganz sicher niemandes "Bro". Man könne "sie" sagen, aber nur wenn man frech ("nasty") ist.

Andreas Borcholtes Playlist KW 29
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Lotic: Love And Light

 2 Tirzah: Affection

 3 Ariana Grande: God Is A Woman

 4 Ella Mai: Boo’d Up (feat. Nicki Minaj & Quavo)

 5 Louis Cole: When You’re Ugly (feat. Genevieve Artadi)

 6 Mikaela Davis: In My Groove

 7 Sigrid: Schedules

 8 Channel Tres: Jet Black

 9 Wiz Khalifa: Rolling Papers 2

10 RP Boo: No Body

"Power" ist also ein Ermächtigungsalbum, inhaltlich und klanglich ganz ähnlich wie Arcas Meisterwerk aus dem vergangenen Jahr oder Sophies "Oil Of Every Pearl's Un-Insides" . Inspiriert von Ta-Nehisi Coates bahnbrechendem Essay "Between The World And Me" über den schwarzen Körper in einer repressiven, rassistischen Gesellschaft, bilden Lotic die Zerrissenheit zwischen Integrität und Erniedrigung in ihrer beständig disruptiven Musik ab: Keine Melodie darf sich ausformulieren, jede Harmonie, jeder transzendente Moment wird gestört oder zerhackt, bis ein spannungsreicher, sehniger Techno-Jazz entsteht, der aus dem privaten turmoil weit ins aktuelle politische Geschehen drängt. Mehrmals bedienen sich Lotic dabei erstmals ihrer Stimme, wo vormals, auf einigen EPs und Tracks nur instrumentales herrschte.

Der Sound ist auch weiterhin das eigentliche Ereignis: In "Bulletproof" ist nur ein lethargisches Mantra-artiges Murmeln zu hören ("I'm still alive/ So I'm gon thrive"), während die Musik mit stilisierten Afro-Drums und diversen Alarm-Geräuschen eine harte Actionfilm-Atmosphäre erzeugt, die den "Refrain" mit Nachdruck festigt: "I'm a bulletproof nigga".

Denn auch wenn Lotic ihre Bühnenshows inzwischen in Donna-Summer-Glamouroutfits zelebrieren, sich also in genderfluider Pracht zeigen, so gehören ein anarchischer Humor ("Psycho"-Streicher in "Resilience" oder der Party-Sarkasmus in "Nerve") ebenso zu Morgans Markenzeichen wie ein Hang zum machohaften Industrial-Lärm. Erst ganz zum Schluss, in "Solace", finden Lotic in einem verschliffenen Gospel zu Trost und Selbstgewissheit: "Nothing scares me/ Just gon' be me for me", singen sie mit jetzt ganz klarer Stimme, die zur fragilen Utopie des Anfangsstücks passt: "It's gon be ok". Aber sowas von. (9.0) Andreas Borcholte

ANZEIGE

Ebony Bones - "Nephilim"
(1984 Records, ab 20. Juli)

Seit fast 15 Jahren wandelt Ebony Thomas alias Ebony Bones als eine Art Gesamtkunstwerk durch die britische Musikszene. Dass es trotz immer mal wieder aufkommender Hype-Tendenzen mit dem großen Durchbruch nicht geklappt hat, ist eigentlich nur mit dem ausgeprägten Eigensinn der Künstlerin zu erklären. Das Debüt "Bone Of My Bones" von 2009 war eine pralle Wundertüte hochtouriger Songs, die Afrobeat, New Wave, Postpunk und selbstgeschneiderte, quietschbunte Kostümierungen enthielt. Das neue, dritte Album erscheint nun auf ihrem eigenen Label, und wieder ist die Musik schwer definierbar. Genregrenzen seien ihr egal, hat Thomas kürzlich erklärt. Und dass sie niemals zwei ähnlich klingende Songs schreiben wolle. Da droht schnell der Eklektizismus-Vorwurf.

Folglich klingt "Nephilim" wieder ganz anders als der nicht so überzeugende Vorgänger "Behold, A Pale Horse". Thomas hat das Beijing Symphony Orchestra rekrutiert und die Musiker bei einigen Songs loopartige Partituren über lustig stampfende und stolpernde Beats spielen lassen. Das Album beginnt mit großer, orchestraler Geste, mit "Nephilim MK01" und "Ghrelin Games". Es folgt eine schön verschleppte Version von Junior Murvins "Police And Thieves", das durch das Cover von The Clash kanonisch geworden ist.

Es ist auch ein programmatisches Zitat: Ebony Bones erinnert vielfach an den politisch informierten Punk der späten Siebzigerjahre und hat mit "Nephilim" eines der klarsten musikalischen Statements zum Zustand ihrer Brexit-geplagten Heimat veröffentlicht. "No Black In The Union Jack" sampelt die notorische "Rivers of Blood"- Rede des Konservativen Enoch Powell von 1968, eine auch für damalige Verhältnisse überdurchschnittlich rassistische Rede- Thomas rappt frohsinnig über einen aufgekratzten Beat: "Red, white and blue/ Let 'em in to smash the system/ Now the country is screwed".

"Nephilim" ist also britischer Pop, wie er im besten Fall sein kann: Politischer, glamouröser und vor allem lebendiger als die rockistische Illusion von Authentizität. Stattdessen gibt es Konzepte und Kostüme. (7.0) Benjamin Moldenhauer

ANZEIGE

RP Boo - "I'll Tell You What"
(Planet Mu Records, seit 6. Juli)

Rückblickend wirkt es logisch, dass Chicago Footwork durch einen Zufall entstanden ist. Wie sonst sollte jemand auf eine ähnlich rasante Mischung aus Backpfeifen verteilenden Snare-Drums und hyperventilierendem Bass kommen?

Irgendwann in den Neunzigerjahren kaufte sich der DJ Kavain Space alias RP Boo einen alten "Roland R70"-Drum-Computer, so geht die Legende. Zu Hause angekommen wunderte er sich: Kann der Kasten etwa nur kurze, nervös flackernde Synkopen? Eine Gebrauchsanweisung fehlte, also produzierte er trotzdem weiter - nur eben in doppelter Geschwindigkeit.

Erst Jahre später entdeckte er am normal funktionierenden "R70" eines Freundes dann seinen: Jemand musste die Einstellungen so verhunzt haben, so dass sich Boos Gerät sozusagen im Autopilot befand, das Beats-Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt.

Gut 20 Jahre später klingt sein drittes Album nun, als würde er immer noch am verstellten Instrument arbeiten. "I'll Tell You What!" ist puristisch und streng formalistisch, behält mit jedem Zitteraal-Ton seine Rolle als Anheizer für fußverknotende Tanz-Battles im Blick. Ein Footwork-Album mit Crossover-Appeal wie etwa JLins "Black Origami", das 2017 Teil aller wichtigen Bestenlisten war? Nicht mit dem alten Pionier Boo.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Umso erstaunlicher, dass er in diesem Korsett dennoch Platz findet, seinen Stil zu erneuern. Das passiert zwar subtil, dafür aber umso effektiver: In "Earth's Dance Battle" etwa, das in der Mitte fast vollständig auf die charakteristischen Snares verzichtet und sich zu einer melancholischen Meditation wandelt.

Boos größte Leistung ist jedoch, dass er seine abenteuerlich geschichteten Samples nicht nur als Gimmicks verwendet, sondern mit ihnen eine Geschichte erzählt. Die zwölf Tracks des Albums greifen hauptsächlich auf den Soul und Funk der Siebzigerjahre zurück: Jenifer Lewis wirft "Nobody fuckin' with me in these streets" ein, und Millie Jackson beschwört in "At War": "We keep the fire burning, baby".

Das ruft die Aufbruchsstimmung dieser Zeit in Erinnerung, den Sex, den Kampf, die Selbstbehauptung. Allerdings lässt Boo offen, um welche Art der Rückschau es sich dabei handelt: um ein nachdrückliches Memento Mori, wie die zerschossenen, zerhackenden Beats suggerieren? Oder um eine Anleitung zur Wiederauflage, wie die spürbare Energie hinter Boos Sound nahelegt?

Wichtiger ist ja ohnehin, was am Ende dabei rauskommt. Bei Boo zumindest folgt auf den musikalischen Crash mit"Deep Sole" die Heilung: Versöhnliche Soul-Loops ziehen auf, dazu eine Männerstimme am Rande des Befehlstons: "It's always beautiful at the end." (8.7) Dennis Pohl

Mikaela Davis - "Delivery"
(Rounder Records, seit 13. Juli)

In den Neunzigerjahren, zur Hochzeit von Alanis Morissette und Sheryl Crow, wären Alben wie das Debüt der US-Musikerin Mikaela Davis mit großem Tamtam bei einem Majorlabel erschienen. Heute veröffentlichen Künstlerinnen mit ähnlichem Ansatz und Anspruch bei Indies wie dem zwar ehrwürdigen, aber doch auf Roots- und Folk spezialisierten Firmen wie Rounder Records.

2012 hatte es die ausgebildete Harfenistin und Studentin klassischer Musik aus Rochester, NY schon einmal mit einem eigenvertriebenen Album versucht, jetzt erhielt sie Unterstützung von Top-Produzent John Congleton (u.a. St. Vincent, Angel Olsen, Anna Calvi), der ihren Song jene edelglänzende Politur verlieh, die zum Beispiel bei "In My Groove" vor allem an Crows entspanntes Hybrid aus Country und Pop erinnert. Irritierenderweise auch stimmlich.

Stilistisch festlegen lässt sich Davis indes nicht, sie nutzt ihr Debüt vor allem dazu, ihr prinzipiell ja popuntaugliches Instrument in möglichst diverse Rock- und Pop-Genres einzubauen - und zwar ganz anders als Kolleginnen wie Joanna Newsom oder Natalie Lurie. In "Get Gone" entlockt sie der Harfe gewarpte Töne für einen satten Southern Funk, für "Emily", einer Joni-Mitchell-artigen Ballade, wird sie zur akustischen Gitarre - und in "Little Bird" und "Pure Divine Love" demonstriert Davis, dass ihr altes Chordophon auch für Neil-Young-Feedback oder Sitar-Sounds taugt.

Wenn auch die kompetente "Delivery" stimmt, wäre der vorletzte Song "All I Do Is Disappear" ein passenderer Album-Titel gewesen, denn inmitten ihrer durchaus mitreißenden Ausprobiererei - und Texten, die sich etwas zu generisch mit Liebesdingen beschäftigen - bleibt der originäre Charakter von Mikaela Davis vorerst ein Fragezeichen. Aber ein Debüt darf ja gerne auch erstmal Showcase sein. (7.2) Andreas Borcholte

ANZEIGE

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
karl-wanninger 17.07.2018
1. Was hat SpOn gegen meine Frage?
Was muss ich eigentlich einwerfen, um solche nichtssagenden Geräuschkulissen, wie "Lotic", "Ebony Bones" und "RP Boo", für bemerkenswerte Musik zu halten?
popeypope 18.07.2018
2. Symptom
Die ersten drei Alben deuten für mich eher darauf hin, daß den Urhebern neuerer Musik nichts mehr einfällt, und die Rezipienten an Einfältigkeit zulegen. Die Arrangements werden immer sparsamer, die Beats immer beliebiger, die Sounds auch. Hatten wir sowas Ähnliches nicht alles schon bei Autechre oder Aphex Twin, mit BootyBass und SpeedGarage, Gqom und was weiß ich? Und das ist Jahre her.
ambulans 18.07.2018
3. >karl wanninger (#1, oben),
Zitat von karl-wanningerWas muss ich eigentlich einwerfen, um solche nichtssagenden Geräuschkulissen, wie "Lotic", "Ebony Bones" und "RP Boo", für bemerkenswerte Musik zu halten?
wenn sie alt genug sind, um noch tangerine dream, klaus schulze, ashra tempel, amon düül, popul vuh & konsorten kennen gelernt zu haben - nun, dann wissen sie doch wohl, was das mittel ihrer wahl ist und, wo sies (im fall der fälle) dann kriegen ... have fun, dr. ambulans (alle kassen)
karl-wanninger 18.07.2018
4.
Zitat von ambulanswenn sie alt genug sind, um noch tangerine dream, klaus schulze, ashra tempel, amon düül, popul vuh & konsorten kennen gelernt zu haben - nun, dann wissen sie doch wohl, was das mittel ihrer wahl ist und, wo sies (im fall der fälle) dann kriegen ... have fun, dr. ambulans (alle kassen)
Ich weiß nicht, wann ich alt genug bin, wozu auch immer; allerdings schwelge ich nicht so sehr in Nostalgie, sondern habe mehr Interesse an neuer Musik.
ambulans 20.07.2018
5. >karl-wanninger (#4, oben),
Zitat von karl-wanningerIch weiß nicht, wann ich alt genug bin, wozu auch immer; allerdings schwelge ich nicht so sehr in Nostalgie, sondern habe mehr Interesse an neuer Musik.
"nostalgie"(?) - o.k., vielleicht unterscheiden wir uns hier doch deutlicher. für mich ist das thema "musik" sowas ähnliches wie eine gut sortierte bibliothek, in der ziemlich viele fundstücke vorzufinden sind. sprich: da gibts z.b. irgendwo was reichlich altes, das einen eigenständigen sachverhalt eben gut genug auf den punkt bringt. genügt mir erst einmal; woanders finde ich vielleicht etwas, was (neue musik/avantgarde/experimentelles/weiß ich was) in völlig andere richtungen hinweisen könnte. wen sollte denn sowas schon stören; wichtig ist m.e. nach, dass auf beiden seiten (musiker wie zuhörer) genug sachkompetenz und interesse am gemeinsamen vorhanden ist ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.