Lou Reeds Velvet Underground Königreich aus Müll

Trieb, Tod und tiefergelegte Gitarren: Mit Velvet Underground erhob Lou Reed die Rockmusik zur Kunstform. Aus einer Truppe von Verzweifelten und Versprengten formierte er die geheimnisvollste Band aller Zeiten und inspirierte Legionen von Musikern - von den Sex Pistols bis Radiohead.

Von


"A spooky tone on a Fender bass
Played less notes and left more space
Stayed kind of still, looked kinda shy
Kinda far away, kinda dignified.
How in the world were they making that sound?
Velvet Underground"
("Velvet Underground", Jonathan Richman)

Geliebt haben sie sich nie. Die Musiker von Velvet Underground stolperten Mitte der sechziger Jahre in New York einfach zum richtigen Zeitpunkt ineinander - und glücklicherweise hatten sie mit "The Velvet Underground & Nico" eine epochale Schallplatte aufgenommen, bevor ihnen aufging, dass sie sich gegenseitig unerträglich finden.

Mit Andy Warhols berühmter Banane auf dem Cover wurde die Platte zu einem der einflussreichsten Werke der Rockgeschichte, da sie jedem verzweifelten Teenager in den letzten 50 Jahren gezeigt hat, dass sich mit einer Mischung aus Weltekel und Größenwahn, aus Selbstbeschränkung und Kunstbeflissenheit eine eigene Welt schaffen lässt.

Ohne Lou Reeds Velvet Underground, so einfach ist das, keine Sex Pistols. Keine Nirvana. Keine Radiohead.

Wer hätte denn gedacht, dass aus diesem New Yorker Haufen von Verzweifelten und Versprengten, von Gestrandeten und Getriebenen mal etwas wird: Gitarrist Sterling Morrison lungerte am College in Literaturvorlesungen rum, ohne eingeschrieben zu sein. Schlagzeugerin Maureen Tucker fütterte tagsüber Großcomputer mit Lochkarten und hörte abends Platten von afrikanischen Trommlern. Sängerin Christa Päffgen, genannt "Nico", war ein deutsches Model, das nach einem Miniauftritt in Federico Fellinis "La Dolce Vita" auf Künstlerpartys zwischen London-Soho und New Yorks East Village herumgereicht wurde. Bassist und Viola-Spieler John Cale, geboren und aufgewachsen in Wales, kam von der modernen Klassik und führte mit La Monte Young Marathonkonzerte auf. Und Lou Reed schließlich war ein Doo-Wop-Fan, der seine geliebte amerikanische Underground-Literatur in die Musik übersetzen wollte.

Fluxus meets Moderne Klassik

Mit dem Doo-Wop ist es dann erstmal doch nichts geworden. Mit der Literatur in der Musik schon. Das Debüt "The Velvet Underground & Nico", finanziert mit ein paar hundert Dollar aus Andy Warhols Privatschatulle, wimmelt von entsprechenden Verweisen. Der Song "Venus in Furs" bezieht sich auf Leopold von Sacher-Masochs gleichnamige Sadomaso-Novelle, "Heroin" fußt auf den Junkie-Berichten von William S. Burroughs, "European Son" war eine Verbeugung vor Reeds Mentor, dem Beat-Poeten Delmore Schwartz, und in sämtlichen triebhaft aufgeladenen Songs schwingt der Einfluss von Hubert Selbys Werken über Libido und Selbstzerstörung mit.

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Lou Reed ist tot: Ein unbarmherzig Unbequemer
Lou Reed und Velvet Underground brachten den Intellektualismus in die Rockmusik. Das Erstaunliche: Sie loteten das Genre dafür von seiner primitivsten Seite aus. Ein Akkord pro Song war optimal, zwei Akkorde waren gerade noch okay, drei wurden von Reed schon als Jazz verhöhnt.

Das größte Rätsel der Rockmusik

Der wichtigste musikalische Einfluss war der Blues von Bo Diddley, grummelnde Ein-Akkord-auf-zwei-Minuten-Kracher, in denen sich der Künstler zur selbstgebauten Gitarre in Lobpreisungen seiner selbst erging. Velvet Underground fuhren das Tempo für ihre oft episch langen Improvisationen drastisch herunter, auch tonal ging es in den Keller. Die Gitarren wurden tiefer gestimmt, Cale zog auf seine Viola dickere Gitarrenseiten auf, und Schlagzeugerin Tucker wurde von Reed gezwungen, ganz auf Becken zu verzichten. Sie spielte lediglich auf Bassdrum und Stand-Tom. Angeblich war Reed der Klang der Becken zu hell, sie drohten so, seine Gitarre zu übertönen.

Gelegentlich wurde bei Velvet Underground auch auf Eisenstühle geschlagen - Einflüsse der damals sehr erfolgreichen Fluxus-Bewegung, deren Vertreter aus Schrott und Zivilisationsrückständen neue Welten schufen.

Klar, ein Ego wie das von Reed war auf Dauer zu groß für eine Band. Die von Andy Warhol aufgezwungene Nico, mit der Reed eine der Bandarbeit eher schädliche Affäre hatte, wurde schon kurz nach den ersten Plattenaufnahmen abserviert, Cale verließ die Band nach heftigen Streitereien, Reed selbst stieg ein Jahr später aus. Tucker und Morrison machten noch ein bisschen weiter; sie wurde dann erstmal Hausfrau, er bekam endlich ein Literaturstipendium.

So oft das Phänomen Velvet Underground im letzten halben Jahrhundert in Büchern, Filmen und von anderen Bands untersucht wurde, das Geheimnis dieser grandiosen Dilettanten wurde nie wirklich gelüftet. Nico starb aufgrund ihrer jahrzehntelangen Heroinsucht schon 1988 auf Ibiza, Sterling Morrison folgte 1995. Maureen Tucker hat sich von ihren wüsten Underground-Tagen distanziert und engagiert sich heute für die Tea Party. Und Cale langt gerne mal mit seinen walisischen Pranken zu, wenn man die falsche Frage zu Velvet Underground stellt.

So bleibt nach dem Tod von Lou Reed am Sonntag eines der größten Rätsel der Rockmusik ungelöst. Wie verdammt noch mal ist er entstanden, dieser abgewrackte und doch auf magische Weise lebensspendende Sound von Velvet Underground?



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
nichzufassen 28.10.2013
1.
Ich weiss ja nicht genau, was der Autor unter `Intellektualismus´ versteht, aber, wenn er Intellekt oder Intelligenz oder Posie meint, gab´s da mindestens einen anderen, der den früher in die Rockmusik eingebracht hat. Falsch ist, nur immer die raue Seite von Reed zu betonen. Er hat auch wunderschöne, natürlich gebrochene (im Verdacht kitschig zu werden, war er wohl nie) Liebeslieder geschrieben/gesungen, etwa `Pale Blue Eyes´
dasbeau 28.10.2013
2. Schnell noch 'n Artikel zusammengekloppt...
"Nico starb aufgrund ihrer jahrzehntelangen Heroinsucht schon 1988 auf Ibiza, Sterling Morrison folgte 1995." Hierbei wird geflissentlich verschwiegen, dass Morrison an Krebs starb. So klingt es, als sei auch er Opfer des "wilden Lebens" geworden... "Und Cale langt gerne mal mit seinen walisischen Pranken zu, wenn man die falsche Frage zu Velvet Underground stellt." Stimmt, etwas anderes kann man über John Cale nun wirklich nicht sagen. Dass er seit Jahren äußerst anspruchsvolle Musik macht, quer durch alle Genres bis hin zur Klassik mit eigenen höchst komplizierten Partituren - geschenkt. Solange er bei "falschen VU-Fragen" mit der Pranke hinlangt. Nebenbei: John Cale als "grandiosen Dilettanten" zu bezeichnen, zeugt von äußerster Ignoranz. Grandios: ja. Dilettant: keinesfalls. Der einzige der Velvets, der ein exzellenter Musiker war (Lou Reed auf seine Weise auch, er hat immerhin das Kunststück fertig gebracht, ohne Singen zu können und mit beschränkten instrumentalen Fähigkeiten dennoch ein großer Musiker zu sein/werden...). "Sie fanden sich gegenseitig unerträglich". Trifft auf Tucker/Morrison keinesfalls zu. Insgesamt eigentlich nicht auf die Beziehungen zu Mo Tucker. Sie konnte mit allen Dreien gut. All die Jahre. "Gestrandet und getrieben": Nur, weil man un-eingeschrieben Vorlesungen hört oder nach der Arbeit Trommel-Musik hört? "Delmor Schwartz": Der Mann hieß Delmore Schwartz.
ambulans 28.10.2013
3. wovon
hat der autor des obigen artikels eigentlich ahnung? von velvet underground, lou reed, john cale, der damaligen zeit und kunst ("fluxus", "minimalismus" etc.) und anderen gleichgesinnten (darunter sehr viele, die solche, wie dieser schreiber, ansonsten bei jeder sich bietenden gelegenheit bis zum tode loben würden) jedenfalls nicht. mit googeln und listing bekommt man einfach keine gehaltvollen artikel hin - man müsste nämlich so einiges wissen, und das fehlt hier in jedem sinne. er möge einfach schweigen ...
Romiman 28.10.2013
4. Daß man alt wird...
...zeigt sich auch im Wegsterben der Interpreten der eigenen Plattensammlung. Nach Gerry Rafferty und Malcolm McLaren nun auch Lou Reed. :-( 1990 fand er sich nochmal mit John Cale zusammen, um ein neues Album posthum für den großen Mäzen (posthum) aufzunehmen: "Songs for Drella" ("Drella" = A. Warhol)
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