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Lou Reed und Metallica: Die Rocky Horror Lulu Show

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In Lou Reed finden die härtesten Burschen ihren Meister, sogar Metallica. Zusammen hat diese schräge Rockmusik-Paarung ein unerhörtes Album mit Songs über Frank Wedekinds Mordsoper "Lulu" aufgenommen - ein Erlebnis, das alle Beteiligten traumatisiert hat.

"Lulu" als Rockalbum: Horrorshow mit Onkel Lou Fotos
Anton Corbijn

Wie man von Lou Reed gedemütigt wird, darüber kann jeder erzählen, der den sagenumwoben knurrigen New Yorker einmal getroffen hat. Meine erste Begegnung mit Reed liegt fast genau 20 Jahre zurück. Es war ein Gruppengespräch im Hamburger Atlantic-Hotel. Reed, damals mit seinem Album "Magic And Loss" unterwegs, hatte sich vom Personal eine kleine Empore bauen lassen, damit er beim Interview über uns thronen konnte. Wir also zu viert auf einem komfortablen Sofa, in dessen Polster man tief einsank; Reed saß an einem hübschen, fein ziselierten Jugendstiltischchen, gefühlte fünf Meter über uns.

Fragen nach etwas anderem als seinen aktuellen Verstärkereinstellungen wurden mit einem Blick absoluter Verachtung oder der schnarrenden Bemerkung "I don't talk about personal things" - "Über Persönliches spreche ich nicht" - abgestraft. Es war zum Heulen. Andererseits: Viele, auch schwierige Interviews, die ich in den Jahren führte, kamen mir im Vergleich dazu wie nette Plaudereien mit guten Freunden vor. Eine Begegnung mit "Onkel Lou", wie er von vielen Kollegen mit einer großen Portion Sarkasmus genannt wird, ist Abreibung und Abhärtung zugleich. Man wächst an Lou Reed.

Seit kurzem können auch ein paar richtig harte Burschen in diesen Kanon einfallen. Metallica, eine der erfolgreichsten und lautesten Rockbands, hat zusammen mit Lou Reed ein Album aufgenommen. Es enthält Songs, die Reed auf Basis der blutrünstigen Opern-Tragödie "Lulu" geschrieben hat, die wiederum auf den beiden Theaterstücken "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora" beruht, die der deutsche Dramatiker Frank Wedekind zwischen 1895 und 1904 schrieb und veröffentlichte. Reeds vor Jahren verfasste Lieder dienten im Frühjahr als musikalische Grundlage für eine Neubearbeitung, die Robert Wilson in Berlin auf die Bühne brachte. Allerdings gelten bis heute fast alle Umsetzungen des schweren Wedekind-Stoffes als gescheitert, anders erging es auch dem amerikanischen Theater-Genius Wilson nicht, mit dem Reed in der Vergangenheit öfter gearbeitet hatte, unter anderem beim "Timerocker" in Hamburg.

Kräftiger Fußtritt des Schicksals

Reed, einst lederstarrender Anführer der Pop-Art-Pinups The Velvet Underground, dann legendärer Drogenjunkie, jetzt Songpoet mit weitreichendem Verständnis für die allertiefsten Abgründe des Menschen, wusste: Die schicksalhafte, im Blutbad endende Geschichte des zur Unzeit emanzipierten Lebemädchens Lulu brauchte keine kunstsinnige, sondern eine martialische Umsetzung. Und als er schließlich 2009 gemeinsam mit Metallica beim Jubiläumskonzert der Rock'n'Roll Hall of Fame auftrat, muss es ihm so vorgekommen sein, als hätte ihm das Schicksal einen kräftigen Fußtritt verpasst. Glaubt man den Beteiligten, muss es ein geradezu magischer Moment gewesen sein, als die Rocker aus Kalifornien, berühmt für ihren fast mathematisch präzisen Thrash Metal, den Velvet-Underground-Klassiker "White Light/ White Heat" spielten, angeführt vom zerlebten, zerknitterten Avantgardisten Reed und seinem unheimlichen Sprechgesang. "Ecstasy" ist das einzige Wort, das Reed einfällt, wenn man ihn fragt, was er damals auf der Bühne im New Yorker Madison Square Garden gefühlt hat.

Ja, ich habe meinen Angstgegner tatsächlich erneut zum Interview getroffen. Es war im Spätsommer in London, und es lief besser als erwartet. Aber dazu später. Erst wollen Sie sicher wissen, wie denn nun das Album geworden ist, das aus dieser unwahrscheinlichen Paarung unterschiedlichster Rock-Legenden entstanden ist.

Sagen wir mal so: Metallica-Fans, die sich wünschten, ihre Lieblingsband würde immer und immer wieder das epochal-brutale Meisterwerk "Master Of Puppets" neu aufnehmen, werden "Lulu" hassen. Anhänger von Lou Reed, die sich daran gewöhnt haben, ihre generelle Misanthropie in den ausgemergelten Rock-Skizzen des prototypischen Schlechte-Laune-New-Yorkers zu spiegeln, werden "Lulu" hassen. Und alle anderen? Werden nur sehr schwer einen Zugang zu diesem auf zwei CDs verteilten Wahnsinn aus Gitarrenlärm, Geraune, Geschrei und Getrommel finden.

Und dennoch, unhörbar oder unerhört, ist es eine der interessantesten Rock-Platten, die in diesem Jahr erschienen ist. Denn Reeds Instinkt war richtig: Die Abscheulichkeiten seiner "Lulu"-Texte entfalten ihren ganzen Horror tatsächlich erst, wenn eine Band, die mit ihren ganz eigenen Abgründen aus Alkoholsucht und unterdrückter Aggressivität zu kämpfen hatte, mit all ihrer Kraft darauf losgelassen wird.

Hammett und Hetfield, das heulende Elend

Und zwar losgelassen im wahrsten Sinne des Wortes. Vermutlich hat "Onkel Lou" bei Metallica mehr aufgewühlt als jener Psychiater, den sich die Band einst ins Haus holte, um nicht irgendwann mit Hackebeilen übereinander herzufallen. Kirk Hammett, passionierter Surfer, Gitarrist und eines der sonnigeren Gemüter im Metallica-Clan, erklärt das so: "Wir waren noch ganz am Anfang, und Lou spielte uns die Skizzen vor, die er zu den Songs entworfen hatte. Bei 'Junior Dad' konnte ich plötzlich nicht mehr: Ein paar Wochen zuvor war mein Vater gestorben, und diese Lyrics von Lou bewegten mich mit so einer Wucht, dass ich aus dem Raum rannte und in der Küche weinend zusammenbrach. Ehrlich: das heulende Elend."

Angesichts der persönlichen Tragödie, die Hammett gerade erlebt hatte, eine vielleicht sogar verständliche Reaktion. "Junior Dad" ist das finstere Endstück des Albums, voll mit Bildern vom Ertrinken, psychischem Wahn. Doch damit nicht genug: "Zwei Minuten später geht die Tür auf und James (Hetfield, d. Red.) kommt reingestürmt, ebenfalls tränenüberströmt. Stellen Sie sich das mal vor: Die Gitarristen von Metallica! Wir gelten da draußen als die allerhärtesten Kerle! Und Lou Reed knüppelt uns einfach so mit seinem Text nieder. Was hatte der Typ da gerade mit uns gemacht?" Peinlich berührte Stille im Interviewraum. Doch Hammett hat noch eine Pointe parat: "Und dann kommt Lou in die Küche geschlendert. Und lacht. Und sagt: 'Der ist ganz gut, oder?'"

Szenenwechsel: Ich lasse Hammett und Bassist Rob Trujillo zurück und gehe ein Zimmer weiter, um James Hetfield, Drummer Lars Ulrich und schließlich Lou Reed zu treffen. Alle sind nervös: Die Plattenfirmen-Armada, die herumwuselt und sich alle drei Minuten gegenseitig abfragt, wie Lous Gemütszustand ist, ob er sich wohl fühlt, ob er müde ist, schon Journalisten gefressen hat. Reed ist 69 Jahre alt und zuckerkrank. Er muss ständig ein paar Kleinigkeiten essen, sonst wird er noch grantiger, noch ungnädiger. Aber hey, sagt einer der englischen Angestellten von Universal Music tröstend zu mir, keine Sorge, bisher lief alles glatt - und dirigiert mich in die enge Suite.

Was wird Lou tun?

Lou ist noch nicht da. Sein Platz zwischen den Metallica-Chefs ist leer. Links sitzt Hetfield und grinst hämisch, als denke er: Warte nur, Bürschchen, gleich kommt Lou und frisst dich. Rechts Ulrich, freundlich und zuvorkommend wie immer. Der Schlagzeuger mit den dänischen Wurzeln ist ein kleiner Diktator in seiner Band, aber Journalisten behandelt er meistens wie Menschen. Wir plaudern, tauschen Belanglosigkeiten aus: Lou ist so "great", alles war ganz "fantastic", es sei erstaunlich, wie gut man zusammenpassen würde, wer hätte das gedacht. Aber man merkt: Selbst diese beiden Profis sind angespannt. Was wird Lou tun? Dann kommt er reingeschlurft, setzt sich hin, sagt nichts, mustert mich, gibt mir die Hand, findet mich uninteressant, lehnt sich zurück.

Und plötzlich werde ich ganz ruhig. Wenn Reed selbst Metallica zum Heulen bringt, muss ich mich hier, in meinem plüschigen Londoner Hotelsessel, nicht wie ein kleiner Schuljunge fühlen, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Tollkühn höre ich mich fragen, ob denn Hetfield und Ulrich eigentlich mit dem "Lulu"-Stoff vertraut gewesen seien. Ulrich windet sich: "Nun ja, es gab ein gewisses Bewusstsein..." Hetfield, keck: "In Wahrheit haben wir uns mit Google geschult." Reed, überlegen lachend, mit bedächtiger Stimme intonierend: "Es war egal, ob sie das Stück kennen. Es war mir sogar lieber, dass sie es nicht kennen, so konnten die Texte viel besser auf sie wirken. Die Lieder hatten einen Kopf und einen Schwanz, was fehlte, war der Körper."

Und diesen Klangkörper lieferten Metallica, indem sie etwas taten, was ihnen normalerweise zuwider ist: Sie improvisierten, ließen alle Strenge und Kontrolle fahren. Vielleicht war es genau das Richtige für eine Band, die sich mit ihren letzten Alben ein wenig in die Ecke des Immergleichen manövriert hat: "Wir hüpften auf und ab wie Kinder auf dem Spielplatz, so intensiv war das", erklärt Ulrich die besondere Magie, die ihnen ihr neuer Frontmann vorgeführt hat. "Sie wussten alles, was sie wissen mussten", sagt der, und Hetfield ergänzt, dass die über hundert Jahre alte Leidensgeschichte von Lulu sich ihm sofort erschlossen hat: "Wirkte wie eine Story von heute: Missbrauch, der immer wieder recycelt wird." Reed ist begeistert: "The recycling of abuse? I like that!"

Wedekinds Stück handelt von einer Frau, die sich gegen die gesellschaftlichen Zwänge der wilhelminischen Zeit auflehnt, ihre Sinnlichkeit auslebt und -spielt, aber die festgefügten Frauenbilder in den Köpfen der Männer letztlich nicht überwinden kann. Ein Freier, oft als Frauenhasser Jack the Ripper gedeutet, bringt sie und ihre lesbische Freundin am Ende um, zerfetzt Lulus Selbstermächtigung mit seinem Messer. Und wenn James Hetfield, der wenig von den Verhältnissen im Europa der vorletzten Jahrhundertwende weiß, aber alles über die scheinheiligen Moralvorstellungen in Kleinstadt-Amerika, im Song "Brandenburg Gate" aus voller Kehle immer wieder "Smalltown Girl" brüllt, dann schließt sich der Kreis von ganz alleine. Es ist diese Entintellektualisierung, die Reduktion auf Trieb, Lärm und Horrorbilder, die diese "Lulu" zu etwas Besonderem macht.

In Metallica, sagt Reed, habe er Leute gefunden, die ähnlich wie er auf ihre Intuition hören, die einfühlsam sind, sich auf unbekanntes Terrain trauen. "Heavy chops alone wouldn't have done it". Nur draufzudreschen, das wäre es nicht gewesen.

Verwirrung in der Sofaecke

Und dann passiert es: Lou Reed macht einen Scherz. Einfach so. Man bekommt es fast nicht mit, weil Reed dank einer Elektroschockbehandlung, die er als Kind wegen seines aufsässigen Verhaltens bekam, unter einer Gesichtslähmung leidet. Man sieht also nicht, wenn er lacht. Und sein Tonfall bleibt zu jeder Zeit monoton. Auch als er sagt, dass er "schon sein Leben lang" gebetet habe: "Bitte, lass mich Metallica treffen!" Verwirrung in der Sofaecke: Sein Leben lang? Metallica gibt es erst seit 1981, Reed wurde 1942 geboren, da stimmt doch was nicht.

Hetfield grinst, Ulrich zieht ein bisschen den Kopf ein. Ich fasse mir ein Herz: "Wirklich schon Ihr Leben lang, Mister Reed?" Wie konnte ich es wagen! Doch Reed zögert, fixiert mich mit diesen traurigen, müden Echsenaugen. Und lässt sich ein auf den Spaß: "Schon bevor es sie gab, habe ich dafür gebetet, dass sie diese musikalische Lücke füllen", deklamiert er. Harhar.

Alle atmen aus, nur Lou nicht, der war die ganze Zeit ganz ruhig. Ulrich spricht als erster, die Stimmung ist jetzt geradezu ausgelassen: "Lou hat uns herbeigewünscht, und wir sind aufgetaucht. Und wir haben viel von ihm gelernt." Und umgekehrt, sagt Lou Reed. Man staunt. So einfach ist das also. Dieses Mal.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels behaupteten wir, Metallica und Lou Reed wären gemeinsam in der Rock'n'Roll Hall of Fame in Cleveland, Ohio aufgetreten. Tatsächlich fand der Auftritt beim Jubiläums-Event der Hall of Fame in New York City statt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 50 Beiträge
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1. .
ratbag 02.11.2011
Höre mich da seit einer Stunde rein. Fesselnd!
2. Interessant!
Geisterkarle 02.11.2011
Also Metallicas letzte Alben als "Wiederholungen" von "Master of Puppets" zu bezeichnen, zeugt zwar von ein wenig Realitätsverlust, aber vielleicht bei dem Thema ja ganz recht; Lou wäre stolz darauf :P Klingt ganz interessant und das Projekt ist soweit erstmal an mir vorbei gegangen! Muss ich mir ja vielleicht doch mal wieder ein Metallica Album kaufen!
3. ...
deus-Lo-vult 02.11.2011
Zitat von sysopIn Lou Reed finden die härtesten Burschen*ihren Meister, sogar Metallica. Zusammen hat diese*schräge Rockmusik-Paarung ein unerhörtes Album mit Songs über Frank Wedekinds*Mordsoper "Lulu"*aufgenommen - ein Erlebnis, das alle Beteiligten*traumatisiert hat. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,795003,00.html
Diese 30 Sekunden Anspielzeit hier bei SPON sind so absolut nichtssagend!!! Von Metallica ist man ja einiges gewohnt (St. Anger, Re-Load, etc.). Das diese mittlerweile dem schnöden Mammon erlegen sind, ist einfach nur traurig. Ich werde mir das Album einmal anhören. Vlt ist es ja doch mal wieder ein brauchbares.
4. Metallica
Enfo, 02.11.2011
Zitat von sysopIn Lou Reed finden die härtesten Burschen*ihren Meister, sogar Metallica. Zusammen hat diese*schräge Rockmusik-Paarung ein unerhörtes Album mit Songs über Frank Wedekinds*Mordsoper "Lulu"*aufgenommen - ein Erlebnis, das alle Beteiligten*traumatisiert hat. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,795003,00.html
ich unterstelle Euch keine schlechte Recherche, sondern nur einen Vertipper: Metallica gibt es seit 1981, nicht 1991.
5. tadaa
jot-we, 02.11.2011
Dafür, dass die ganze Geschichte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur ein grosser Humbug ist (was ja hervorragend zum nahenden Weihnachtsgeschäft passen würde), ist das aber ein ganz schön langer Artikel ...
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