Extrem-Pianist Lubomyr Melnyk "Klaviere sind wie alte Tiere"

Er gilt als schnellster Pianist der Welt. Ein Gespräch mit Lubomyr Melnyk über lebendige Instrumente, verdammte Keyboards und den Tod der Schönheit in der Musik.

Extrem-Pianist Lubomyr Melnyk
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Extrem-Pianist Lubomyr Melnyk

Ein Interview von


Zur Person
  • Aleksandra Kawka
    Lubomyr Melnyk, 1948 in München als Sohn ukrainischer Eltern geboren, kann auf dem Klavier bis zu 19 Noten pro Sekunde spielen, eine Hochfrequenz, die seine zwischen Klassik und Minimal-Musik oszillierende "continuous Music" zu einer fast körperlichen Erfahrung macht. Der selbsternannte Hippie-Komponist lebte nach Stationen in Kanada und Paris in Schweden. In Europa lange als obskur belächelt, entdeckt ihn nun eine neue Generation klassischer und experimenteller Musiker für sich. Sein aktuelles Album "Illirion" (Sony Classical) ist am 6. Mai erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Melnyk, vor einigen Wochen endete in Köln das Konzert eines iranischen Cembalisten im Tumult, weil das Publikum von einem mehr als 40 Jahre alten Stück von Steve Reich überfordert war und aggressiv reagierte. Gibt es bei Ihren Auftritten auch solche Reaktionen?

Melnyk: Traditionelle Konzertgänger sind manchmal enttäuscht. Nicht aggressiv, nur enttäuscht. Es tut mir weh, wenn ich das merke, denn was ich mache, ist im Grunde doch sehr einfach. Aber dann kommen Leute, deren Gehör an Rachmaninow oder sogar Prokofjew geschult ist. In meinem längsten und kompliziertesten Stück "Windmills" arbeite ich auch mit zwei Pianos. Da kommt es durchaus zu Interferenzen, die klassische Hörer irritieren können. Das ist zu hart für sie.

SPIEGEL ONLINE: Warum reisen Sie eigentlich nie mit Ihrem eigenen Instrument?

Melnyk: Weil ich nicht daran hänge. Zu Hause in Schweden habe ich einen alten deutschen Flügel, wir kennen uns sehr gut. Aber er ist nichts Besonderes, und darauf kommt es auch nicht an.

SPIEGEL ONLINE: Worauf kommt es Ihnen denn an?

Melnyk: Darauf, neue Klaviere kennenzulernen. Manchmal klappt es mit einem Klavier sofort, und da rede ich nicht vom Klang, eher von der Mechanik. Diese Instrumente fallen mir förmlich in die Hand. Andere sind schwieriger, reagieren nicht gut. Leute verstehen das nicht, aber Klaviere sind auf ihre seltsame Weise lebendige Wesen, wie alte Tiere. Sie können sich ein wenig auf den Spieler einstellen, aber der Spieler muss sich umgekehrt sehr auf das Klavier einlassen. Ich nehme es als sportliche Herausforderung, meine Muskeln auf die Mechanik des Gerätes einzustellen. So lange, bis das zuerst schwierige Klavier einfach wird. Und freundlich.

SPIEGEL ONLINE: Das geschieht bei den Proben vor dem Konzert?

Melnyk: Proben würde ich das nicht nennen. Neunzig Prozent des Konzerts finden noch vor dem Einlass statt, wenn ich mich mit dem Instrument vertraut mache, mich ihm annähere. Das eigentliche Konzert ist nur das späteste Stadium dieser Bekanntschaft zwischen mir und dem Klavier. Das gilt vor allem für die schwierigen Instrumente. Es ist unglaublich, wie sie nach ein paar Stunden zu singen beginnen. Es ist, als wäre mein Spiel, als wäre meine "continuous music", für sie wie eine Wellness-Kur.

Melnyk in seinem Studio in Toronto (in den Sechzigerjahren)
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Melnyk in seinem Studio in Toronto (in den Sechzigerjahren)

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten, mit "continuous music" einen eigenen Stil erfunden zu haben. Wie würden Sie ihn definieren?

Melnyk: Es ist eher eine Sprache als ein Stil, es ist die Sprache des Instruments selbst. Ich habe diese Sprache vor etwa 40 Jahren gefunden, als ich Haydn mit Terry Riley verbunden habe. Es geht darum, in teilweise sehr schnellem Spiel - bis zu 19 Anschläge per Hand in der Sekunde - ununterbrochene Klangwellen auszusenden. Diese Wellen überlagern sich und erzeugen einen Zustand, der nur schwer zu erklären ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Melnyk: Weil es gleich so verstiegen klingt, von Metaphysik und Meditation zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Für die Möglichkeiten eines Synthesizers oder andere elektronische Instrumente interessierten Sie sich nicht? Darunter gibt es doch auch sehr alte Tiere.

Melnyk: Das Problem mit Synthesizern ist ihre Langsamkeit. Ich kann sie maximal mit dem Viertel der Geschwindigkeit bespielen, die ein Klavier aushält. Synthesizer bekommen das nicht verarbeitet und werden von der Fülle der Impulse förmlich verrückt. Auch beim Klavier erzeugen aber die Frequenzen seltsame Effekte, die fast elektronisch klingen. Dann gibt es dieses Stillstehen, das ich auch als Spieler empfinde. Es ist eine transzendente Erfahrung.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich das?

Melnyk: Ich verliere die Haftung. Als wäre das Klavier eine Erweiterung meines Körpers, ein Teil meiner Seele.

SPIEGEL ONLINE: Eine Trance?

Melnyk: Nein, so würde ich das nicht nennen. Ich kann beim Spiel auch an andere Sachen denken, dann ist es wie Spazierengehen. Es ist sogar schon passiert, dass ich beim Spielen eingeschlafen bin. Ich bin eingenickt, und als ich wieder erwachte, spielte ich noch immer.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie beim Schlafen geträumt?

Melnyk: Vielleicht davon, dass es nach meinem Tod keine "continuous music" mehr geben wird. Das macht mich traurig.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten unterrichten.

Melnyk: In gewisser Weise schon, aber den Leuten fehlt die Geduld, diese Technik zu erlernen. Und die philosophischen oder transzendenten Elemente müssen persönlich vermittelt werden. Der klassische Pianist ist mit den Noten verheiratet, mit dem niedergeschriebenen Stück. Der "continuous" Pianist ist mit dem Klavier verheiratet. Die Freude am Klang soll der Grund sein, Klavier zu spielen - und nicht die Freude, ein wundervolles Stück von Mozart oder Bach zu spielen. In der klassischen Musik sind die schönsten Melodien vor 1950 geschrieben worden.

SPIEGEL ONLINE: Also vor der Neuen Musik?

Melnyk: Ja. Damit kam uns die Schönheit abhanden. Erst neulich hörte ich im Autoradio zufällig wieder die Jupiter-Sinfonie von Mozart, und da gibt es eine Stelle kurz vor Schluss, ein Adagio: Es klingt, als enthülle sich das ganze Universum. An dieser Stelle ist Mozart nicht mehr er selbst. Es ist, als ob Gott ihn an die Hand genommen und zu sich erhoben hätte, auf die andere Seite von Zeit und Raum, um zu sagen: "Wolfgang, sieh! Ich werde dir den Kosmos enthüllen! Und du sollst es notieren!" Und Mozart kam von dieser Reise zurück und schrieb es auf. Da war er kein Genie...

SPIEGEL ONLINE: ...sondern Medium für etwas Göttliches?

Melnyk: So ist es. Er leuchtete und es leuchtete durch ihn. In diesem Sinne sollte sich die moderne Klassik wieder der Schönheit öffnen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich auch als Medium?

Melnyk: Ja.

Schläft beim Spielen schon mal ein: Pianist Melnyk
Aleksandra Kawka

Schläft beim Spielen schon mal ein: Pianist Melnyk

SPIEGEL ONLINE: Und Ihre Mission wäre?

Melnyk:… Den Menschen die Freude an der Schönheit auch in moderner Musik zu geben. Andernfalls wird diese Freude - und damit auch Beethoven - verschwinden. Ich sehe es als Ironie, dass Gott mich zu einem Zeitpunkt auf die Erde schickt, an dem die Dämmerung des Klaviers angebrochen ist. Manchmal denke ich, das Klavier hat 300 Jahre darauf gewartet, so gespielt zu werden wie von mir. Aber nun ist es vorbei. Es wird, bis auf ein paar Überlebende in Konservatorien oder Museen, keine Klaviere mehr geben.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Melnyk:… Weil in der westlichen Welt das Klavier nicht mehr geachtet wird. Die Kinder lernen es nicht mehr, die Eltern schaffen keines an. Du kannst auf einem verdammten Keyboard kein Klavier lernen. Der Klang eines echten Instruments ist ein Wunder, der kommt nicht aus Lautsprechern. Der Stahl, der in den alten Klavieren verbaut wurde, war die größte Errungenschaft der Metallurgie dieser Zeit. Es ist der Stahl, der den Klang macht. Es sind nicht die Saiten. Die Saite ist nur eine Stimme, der Stahl übersetzt den Klang in einen Chor. Und keiner weiß mehr, wie man diesen Stahl herstellt. Heutige Klaviere sind im Vergleich dazu ziemlich dumm.

SPIEGEL ONLINE: Sie mögen die moderne Welt nicht sonderlich, oder?

Melnyk:… Es ist eine Welt, in der Musik eine hässliche Droge geworden ist. Die Menschen sind angeschlossen an weiße Kabel, die irgendwie in ihre Taschen führen. Niemand erträgt es mehr, fünf Minuten ohne Berieselung zu sein. Das macht Musik bedeutungslos. Sie ist einfach da.

SPIEGEL ONLINE: Ihrem Stil sind Sie schon seit Jahrzehnten treu. Nun entdeckt eine neue Generation von Neominimalisten und jungen Popmusikern wie Ólafur Arnalds oder Peter Broderick von Efterklang Ihre Musik neu. Warum jetzt?

Melnyk: Warum erst jetzt? Meine Musik war schon immer neominimalistisch.

SPIEGEL ONLINE: Und neoromantisch?

Melnyk: Ich gebe es zu, ja.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie ein alter Hippie sind?

Melnyk: Warum nicht? Dieses Bedürfnis kommt ja gerade zurück. Vielleicht liegt es am Geist dieser neuen Generation, von der Sie sprechen. Dieser Geist ähnelt dem der Hippies vor 40 Jahren, nur ohne die langen Haare und den Zug zur Natur. Heute hat die Jugend eine andere, poetischere Philosophie. Sie schätzt die Kunst mehr. Und dieser Geist wird die Welt retten.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
wdiwdi 12.05.2016
1. Challenge
Wenn er meint, dass er so schnell ist, dann soll er in seinen Konzerten doch mal live ein paar Stücke von Conlon Nancarrow aufführen ;-). Der hat in späteren Jahren nur noch für mechanische Klaviere komponiert, weil ihm menschliche Pianisten viel zu langsam waren.
AndreHa 12.05.2016
2. Wunderbar
"Die Menschen sind angeschlossen an weiße Kabel, die irgendwie in ihre Taschen führen. Niemand erträgt es mehr, fünf Minuten ohne Berieselung zu sein. Das macht Musik bedeutungslos. Sie ist einfach da." Was für eine wunderbare präzise Beschreibung. Ich will sie mir Wort für Wort merken. Nicht, dass die Erkenntnis neu wäre - es ist aber wunderbar formuliert. "Das macht Musik bedeutungslos." Wunderbar. Es ist eben nicht unbedingt die Wertung der Musik, sondern die Tatsache, dass sie stets und ständig "da" ist. Man muss die Musik von Melnyk nicht mögen - ich selbst finde sie sehr anstrengend repetativ - aber er ist ein ganz ausgezeichneter Künstler und Musikversteher.
wind_stopper 12.05.2016
3. Bischen ueberheblich
ist er ja schon. Man kann sich ja mal auf Youtube umschauen, da tummeln sich so unverschaemt viele (ueberwiegend junge) Youtubler rum, die vielfach klasse Musik machen. Ich denke nicht, dass Musik zu einer "haesslichen Droge" verkommen ist. Die Zeiten aendern sich, so auch die Musik. Aber, ich denke Kids sind heute musikalischer denn je.
poeticjustice 12.05.2016
4.
Zitat von wdiwdiWenn er meint, dass er so schnell ist, dann soll er in seinen Konzerten doch mal live ein paar Stücke von Conlon Nancarrow aufführen ;-). Der hat in späteren Jahren nur noch für mechanische Klaviere komponiert, weil ihm menschliche Pianisten viel zu langsam waren.
Darum geht es bei der Musik von Melnyk nicht. Die Geschwindigkeit des Spielens ist bei ihm kein Selbstzweck, sondern lediglich das Mittel, um den von ihm beschriebenen Zustand zu erreichen, bei dem sich Frequenzen überlagern und die Musik in ihrer Wahrnehmung transzendent und meditativ wird.
zoon.politicon 12.05.2016
5. Vielleicht
Mich erstaunt immer wieder, wie Viele im fernen Osten klassische Musik auf dem Klavier spielen lernen, während bei uns, wie Herr Melnyk ja sagt, kaum ein Kind mehr auf nklassische Weise - auf einem mechanischen Instrument das Klavierspiel erlernt. Vielleicht konserviert ja nicht der Westen, sondern der ferne Osten unsere klasische (Klavier-)Musik
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