Klassiker B&B, top renoviert

Die Symphonien von Brahms und Beethoven kennt fast jeder. Wenn zwei Dirigenten bei den alten Meistern nach neuen Wegen suchen, muss sich das lohnen.

Johannes Ifkovits

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Sie swingt und geht flugs ins Ohr: Ludwig van Beethovens vierte Symphonie, nicht ganz so populär wie die dritte und fünfte, kann mit eigenem Charme bezaubern. Zumindest wenn man das Werk so forsch und flink angeht wie der Dirigent Philippe Jordan mit seinen Wiener Symphonikern. Die tapferen Underdogs gegenüber den übermächtigen Philharmonikern an der Donau legen sich aktuell ins Zeug, um dank des neuen Chefs und viel Motivation ihre Klasse zu dokumentieren.

Ausgerechnet mit Beethoven, nicht mit exotischem Nischenprogramm. Aber wie aufregend ein frischer Blick auf vermeintlich bekanntes ausfallen kann, bewiesen 2011 und 2013 schon Riccardo Chailly und das Leipziger Gewandhausorchester mit ihren eruptiven Darstellungen der Symphonien und Beethoven und Brahms: Neue Leuchttürme in der Flut der Interpretationen. An dieser Klarheit und Präzision orientierte sich Philippe Jordan mit Sicherheit, wenn sein Ergebnis auch komplett anders klingt.

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Frische Klassiker: Jordan und Ticciati erleuchten

Die lichteren Seiten der "Schicksalssymphonie"

Alles Schroffe und herbe Kontraste eliminierte Jordan bei seinem Beethoven: Sehr wienerisch und ein wenig nach Mozart klingt die Vierte, deren rhythmische Eleganz und melodischer Witz auch im Adagio und Menuetto greift. Nach dem kurzen, düsteren Beginn lichtet sich die Symphonie rasch auf eine optimistisch befeuerte Betriebstemperatur, die Beethovens lebensfrohe Stimmung der Zeit um 1806 reflektiert, als er heftig in die ungarische Gräfin Brunsvik verliebt war. Eine Stimmung, die Beethoven mit dem nächsten symphonischen ins heroische drehte.

Die allbekannte Fünfte pocht auch in der Lesart von Philippe Jordan kräftig, doch gemeinsam mit "seinen" Wienern beleuchtet er die "Schicksalssymphonie" von der lichten Seite. Tempo, Streicher und Stimmung, stets leuchtet ein Abglanz der Hoffnung durch die Wolken des Geschicks. Die Abmischung betont die Höhen und fördert diesen Eindruck, wirkt aber nicht künstlich geglättet, die Streicher klingen frisch und durchsichtig. Beim letzten Satz gibt Jordan noch einmal ordentlich Gas und zelebriert ein heroisches Finale - ein Gewinn, dieser neue Wiener Beethoven. Keine Revolution, aber eine fabelhafte aktuelle Deutung.

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Auf Erfolgskurs in Bayreuth

In Bayreuth hinterließ Philippe Jordan 2017 als Dirigent der "Meistersinger"-Premiere einen außerordentlichen Eindruck, seine Wirkung als Dirigent der Wiener Symphoniker (seit 2014) wurde positiv wahrgenommen, seine jüngsten Einspielungen von Mussorgskys "Bildern" und Prokofjews "Klassischer Symphonie" überzeugten - der Schweizer Maestro bewegt sich auf Erfolgskurs.

Auch eine Einspielung des symphonischen Brahms-Vierers markiert zunächst nicht gerade musikalisches Neuland. Umso mehr erfreut der Ansatz vom 34-jährigen englischen Pultstar Robin Ticciati, der sich das Scottish Chamber Orchestra als Partner für sein Unternehmen wählte. Wie Philippe Jordan geht er den Brahms nicht revolutionär an, vielmehr durchleuchtet er mit kammermusikalischer Akribie und Klangsinnlichkeit die vier Symphonien. Ein doppelter Erfolg mit vermeintlich Altbekanntem: Beethoven und Brahms top renoviert.

Auch Ticciati muss den Vergleich mit der mustergültigen Einspielung von Chailly und dem Gewandhausorchester aushalten, aber wieder besteht die klare Durchleuchtung des Brahms locker gegenüber der kraftvollen Energie Chaillys.

Temperamentvolle Schotten

Wenn man allerdings das auftrumpfende Finale der zweiten Symphonie oder den treibenden, romantisch überschwänglichen Einstieg bei der Ersten auf sich einströmen lässt, spürt man rasch den suggestiven Impetus, der Ticciati offenbar an Brahms' symphonischen Großwerken anzog. Das Scottish Chamber Orchestra erweist sich als optimal geeignet, dieses Temperament, das Ticciati herausarbeiten möchte, flüssig aufzudecken. Alles fließt, alles strömt, diese Fülle präparieren Ticciati und das Scottish Chamber Orchester detailfreudig und präzise heraus. Ohne Effekthascherei, dafür mit viel Gespür für Spannung und Dramaturgie. Gerade darum geriet die Einspielung aller Symphonien so erfrischend und mitreißend. Seit 2009 ist Robin Ticciati Chefdirigent des Ensembles aus Edinburgh, das erst 1974 gegründet wurde und durch Leiter wie Ivor Bolton und Jukka-Pekka Saraste schnell an Profil gewann.

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Robin Ticciatis erste Auftritte als neuer Leiter des Deutschen Symphonieorchesters Berlin festigten seinen Ruf als vielversprechender Chef. Hier folgt er sehr unterschiedlichen Chefs wie Ingo Metzmacher, Kent Nagano oder Vladimir Ashkenazy. Mit seiner ersten Einspielung in Diensten des DSO überzeugte Ticciati auch im französischen Fach: Ein Mann der offenbar Vieles kann, also eine gute Besetzung für das ambitionierte Hauptstadt-Ensemble.



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Suppenelse 25.03.2018
1. „Schicksalssinfonie“
Der unselige Begriff „Schicksalssinfonie“ wurde deutlich nach Beethovens Zeit geprägt und passt zu diversen schwülstigen, künstlich aufgeladenen Interpretationen vergangener Jahrzehnte, nicht aber zu den meisten aktuellen und schon gar nicht zu „historisch informierten“ Einspielungen. Würde man diesen Begriff doch endlich in die musikwissenschaftliche Mottenkiste packen, wo er hingehört...
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