Mittelmeer-Modernist Luigi Dallapiccola Zwölf Töne müsst ihr sein

Der Komponist Luigi Dallapiccola ist ein Meister der konzentrierten Orchesterform. Sein südländischer Aufbruch in die Zwölftonmusik klingt wie Schönberg in der Sommerfrische.

Von

Frank Vinken

Eintauchen in die Wiener Schule, inspirieren lassen von Schönberg und Webern, dann von Ferruccio Busoni, schließlich mit entschlossenem Zugriff die Zwölftontechnik gegen den Strich bürsten: So hat der Komponist Luigi Dallapiccola (1904-1975) der spröden Avantgarde aus Mitteleuropa einen freundlich südlichen Anstrich verpasst. Zwar gilt der in Pisino, Istrien, geborene Musiker auch als innovativer Schöpfer von Opern, doch seine filigranen Orchesterwerke überraschen ebenso. Wie man schlüssig mit Dallapiccolas Feinsinn umgeht, das zeigt der Dirigent Karl-Heinz Steffens mit einem inhaltsreichen Dallapiccola-Paket, das er mit seiner Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz geschnürt hat (Capriccio/Naxos). Und was so leicht klingt, ist - natürlich - künstlerische Schwerarbeit.

"Die zarte Durchsichtigkeit besonders der späteren Werke erfordern schon eine besondere Konzentration", sagt Steffens. "Nicht ein einziger Spieler kann sich zurücklehnen oder mitschwimmen. Immer liegt jeder einzelne Ton, jede Linie auf der Goldwaage." Die Begeisterung für diese Arbeit wird in jedem einzelnen der fünf hier eingespielten Werke hörbar. "Man gerät zunehmend in den Sog dieser filigranen Tonsprache", findet Steffens.

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In der "Partita" (zwischen 1930 und 1932 komponiert) pirscht sich Dallapiccola durch strenge drei Sätze wie Passacaglia und Burlesca zu einer gänzlich anders gearteten abschließenden Pastorale. Ein Sopransolo krönt das knapp achtminütige Stück: Die junge Spanierin und Bayreuth-Stipendiatin Arantza Ezenarro glänzt mit Kraft und Elastizität. Schon in dieser ersten Arbeit für Orchester zeigte Dallapiccola seinen Weitblick über die verehrten Vorbilder hinaus, wenn auch hier noch keine kreativen Bäume ausgerissen werden.

Jeder Ton liegt auf der Goldwaage

Die enge Verbindung von vokalem und orchestralem Ausdruck in vielen Werken Dallapiccolas wird hier bereits deutlich. "Sie wirken immer von der Stimme, dem Gesang kommend", erklärt Karl-Heinz Steffens, "sind also im besten Sinne human, nicht verintellektualisiert und in ihrer Fragilität sehr reizvoll."

Dallapiccolas konsequente künstlerische Entwicklung verdeutlicht sich in "Three Questions with Two Answers", seinem letzten Orchesterwerk von 1962. Große, knappe philosophische Fragen nach dem Ich, dem Männlich/Weiblichen verdichtet der Orchestriervirtuose in kurze, fein gesponnene Arrangements voller Gegensätze. Interessant auch als Vorstudie zu Dallapiccolas Opern-Hauptwerk "Ulisse", in das er Anklänge an Homers "Odyssee", Joyce, Dante und die ganze Menschheitsentwicklung packte, humanistisch und freiheitsliebend, ein Opus-Magnum, das einige Grenzen sprengte und keinen Zweifel am Anspruch ließ, den Dallapiccola an sich selbst stellte. 1968 wurde "Ulisse" in Berlin uraufgeführt, dann in Düsseldorf und Mailand inszeniert. Seither wurde die Oper ein wenig vergessen, obwohl sie an Bestes von Alban Berg erinnert.

Raus aus dem Klassik-Tempel

Eventuell nimmt sich ja Karl-Heinz Steffens, der Dirigent dieser CD, ihrer noch an. Steffens war Solo-Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern, bevor er erfolgreich ins Dirigentenfach wechselte und bald von Daniel Barenboim entdeckt wurde, der ihn nach Berlin holte, wo er heute auch an der Hanns-Eisler-Hochschule lehrt. Neben dem klassischen Pflichtrepertoire von Mozart bis Wagner beschäftigte ihn stets auch die Musik des 20. Jahrhunderts.

Daher begründeten er und sein Orchester, die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, die ambitionierte Alben- und Konzertreihe "modern times", die sich Werken des 20. Jahrhunderts widmet. Auf einer weiteren CD präsentieren sie vier Werke von Bernd Alois Zimmermann, den von Dallapiccola nicht gar so viele Welten trennen. "Der Erfolg beim Publikum zeigt uns aber, dass die Auseinandersetzung mit allen Facetten von Modernität den Menschen auf den Nägeln brennt", sagt Steffens und freut sich über die positive Resonanz auf sein Unternehmen. "Ein Sinfonieorchester heutzutage kann sich nicht mehr in den Tempel klassischer Musikausübung zurückziehen, sondern muss immer wieder den Nerv der Zeit finden und herausstellen."


CD-Angaben:
Luigi Dallapiccola: Three Questions with Two Answers u.a. Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Leitung: Karl-Heinz Steffens; Capriccio/Naxos; 16,99 Euro.

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ogonoi 21.09.2014
1. Solche Dirigenten braucht das Land
Wunderbar, mal nicht die 237. Einspielung von Beethoven-Sinfonien zu verewigen sondern interessante und wertvolle Orchestermusik von Klassikern des 20. Jh. aufzunehmen, deren Aufnahme mehr als fällig waren. Bravo Steffens, bravo Capriccio!! Dazu gehört Mut und Courage. Weiter so!
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