"Lullaby of Birdland" Jazzpianist George Shearing gestorben

Fluch und Segen eines Jahrhunderthits: Mit "Lullaby of Birdland" schuf George Shearing 1952 einen Song, der von sämtlichen großen Jazz-Diven gesungen wurde. Nun starb der britische Pianist und Komponist im Alter von 91 Jahren in seiner amerikanischen Wahlheimat.

George Shearing: ein Mann, ein Hit und 299 "Lala"-Songs
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George Shearing: ein Mann, ein Hit und 299 "Lala"-Songs


Hamburg/New York - Ella Fitzgerald hat ihn gesungen - und Amy Winehouse auch: Der so melancholische wie melodieselige Song "Lullaby of Birdland" ist einer dieser Jazzstandards, dem die Jahre nichts anhaben können. Geschrieben wurde er vom Jazzpianisten George Shearing im Jahr 1952. Da war der Brite schon fünf Jahre in die USA übergesiedelt und wurde dort als Superstar seines Fachs gefeiert.

Shearings bekanntester Song ist eine Hommage an den New Yorker Club, der in den fünfziger Jahren die Hochburg des modernen Jazz darstellte und später zum mythischen Ort wurde. Nicht unschuldig daran dürfte eben auch Shearings populäre Komposition gewesen sein, in die der Musiker seine ganze eigene Sehnsucht hineingelegt hat: Der Jazz war für den seit Geburt blinden Shearing immer eine Art Heilsbotschaft.

Als jüngstes von neun Kindern einer Arbeiterfamilie kam er am 13. August 1919 im Londoner Stadtteil Battersea zur Welt. Schon früh feierte er in den Sendungen der BBC Erfolge, unter anderem mit Harry Parrys Band. Nach seiner Ausreise in die USA waren Oscar Pettiford und Buddy DeFranco seine musikalischen Partner. 1956 nahm Shearing die US-Staatsbürgerschaft an.

Nicht nur mit seinen Kompositionen hatte er Erfolg, er entwickelte auch einen ganz eigenen Vortragsstil, den sogenannten "Shearing Sound", bei dem die Klaviermelodie als Akkord von Vibraphon und Gitarre eine Oktave unterhalb der eigentlichen Melodiestimme wiederholt wird. Zudem bewegte er sich - Dave Brubeck nicht unähnlich - leichthändig zwischen Swing, Bop und Klassik.

Shearings Erfolg hielt über Jahrzehnte an, und erst Anfang dieses Jahrzehnts zog er sich, hoch dekoriert und 2007 von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben, aus dem Rampenlicht zurück. Seinen 80. Geburtstag hatte er 1999 noch festlich in der Carnegie Hall in New York begangen. Zu diesem Anlass präsentierte er "Lullaby of Birdland" mit einem Scherz über Fluch und Segen eines Jahrhunderthits: "Ich habe 300 Songs geschrieben. 299 davon liefen so lala, von ziemlicher Belanglosigkeit bis zum völligen Vergessen. Hier ist der andere."

Am Montag starb George Shearing im Alter von 91 Jahren in seiner Wahlheimat Manhattan.

cbu/dadp



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