Kultur

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Feministische Punk-Ikone Lydia Lunch

Die Mutter aller Schlachten

Diebin, Domina und gefährlichste weibliche Stimme des Punk: Lydia Lunch zeigte bei einem wundervoll rabiaten Konzert in Hamburg, dass sie noch immer tonangebend in Sachen Körperpolitik ist.

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Samstag, 25.08.2018   13:42 Uhr

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Ein junger Mann mit Bart schüttelt in der ersten Reihe glücklich seine langen Haare. Die Sängerin auf der Bühne, die seine Mutter sein könnte, beugt sich mit dem Mikro zu ihm herunter - und fragt ihn unvermittelt, weshalb sie sich die ihre Vagina rasieren sollte, wenn er nicht mal das Gesicht anständig rasiert bekommt. Körperpolitik à la Lydia Lunch.

Gerade singt Lunch, 59, auf der Bühne des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel ihren Blues-Song "Your Love Don't Pay My Rent", ein grimmiges, von schweren Riffs vorangetriebenes Rollenspiel, in dem sie ihr Gegenüber ermahnt, er solle mal schön die Hose zugeknöpft lassen, weil das bisschen Spaß, das er ihr mit heruntergelassener Büx bereiten könnte, auch nicht die Miete zahlt. Der junge Mann mit dem Bart im Publikum wurde in das Rollenspiel einbezogen, die Künstlerin schüttet ihm dafür später ein große Glas Wein aus der stets zu ihren Füßen stehenden Flasche ein. Ein unfairer Deal; der junge Bartträger spült das Glas trotzdem ganz zufrieden in einem Schluck herunter.

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Wer auf ein Lydia-Lunch-Konzert geht, darf sich nicht beschweren. "Konfrontationistin" hat die Künstlerin einmal die Rolle genannt, die sie auf der Bühne und auch im Leben angenommen hat. Alle Ängste, alle Lüste, sämtliche psychischen Verwüstungen und materiellen Verwerfungen des eigenen Daseins werden rausgelassen. Mal sehen, wie das Gegenüber reagiert.

Dass das in Hamburg so gut funktioniert, hat auch mit Lunchs Begleitmusikern zu tun, dem Schlagzeuger Ian White und dem Gitarristen James Johnston, die in jaulenden Improvisationen auf die Ein- und Ausfälle der Chefin reagieren. Die beiden spielen sonst in der sagenhaft guten Betonblues-Band Gallon Drunk zusammen, Johnston ist zudem Mitglied in den Ensembles von PJ Harvey und Nick Cave.

Cave, der olle Schnulzensänger

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Mit Nick Cave hat auch Lydia Lunch früher oft auf der Bühne gestanden, damals in den frühen Achtzigern, als die beiden mit ihrem elektrisch vom Kopf abstehenden schwarzen Haar die schönsten Zombies des Punk waren. In den Neunzigern verhöhnte Lunch ihren alten Bekannten Cave dann schon als Schnulzensänger. Während viele andere charismatische Gestalten der Punk-Ära ihren Legendenstatus publictyträchtig vermarkten konnten, zog Lunch weiter ihre Runden durch die kleinen Clubs.

Ihre Musik, die sie in den vielen Jahrzehnten mit unterschiedlichen Begleitformationen gespielt hat, ist von einem erstaunlich widerstandkräftigen Purismus geprägt. Mit White und Johnston arbeitet sie schon seit fast zehn Jahren unter dem Namen Big Sexy Noise zusammen, eine Eingespieltheit, die sich auch auf Kampnagel zeigt. Lunch singt über Sex, Macht und Unterwerfungen, sie spielt dabei verschiedene Rollen durch, lechzt, grollt und schimpft. Sie dehnt launig ihre Flüche ins Laszive, steigert ihre Anklagen in Kaskaden. White bremst das Tempo, zieht es wieder an, so wie es die Chefin vorgibt. Johnston wirft die Gitarre in die Luft und lässt sie in süffige Wut-Dialoge mit Lunch treten.

Besonders drastisch zeigt sich das bei "Kill Your Sons", einer Coverversion von Lou Reed, die Lunch schon länger im Programm hat. Es geht in dem Song darum, wie einst der US-Mittelstand seine Kids bei von der Norm abweichendem Sozial- und Sexualverhalten mit Elektroschocks und anderen Gewalttherapien in die Geschlechternormativität trieb. In New Yorks früher Punk- und Undergroundszene fanden sich in den Sechzigern und Siebzigern einige versehrte Seelen zusammen, bei der die Umerziehungsmaßnahmen nicht die gewünschte Wirkung erzielt hatte.

Drogendealerin, Stripperin und Prostituierte

Lunch war im Alter von 15 Jahren vor ihrem Vater, der sie systematisch missbraucht haben soll, in die Stadt geflüchtet. Sie hat sich dann erstmal, so erzählt sie jedenfalls selbst, als Drogendealerin, Diebin, Stripperin und Prostituierte über die Runden gebracht. Später war sie in semi-pornographischen Experimentalfilmen zu sehen, in "Black Box" trat sie zum Beispiel 1978 als Domina auf. Sie spielte verschiedene Rollen durch, weichte Geschlechterbilder auf. Ein sehr ernstes Spiel, mit dem sie ihrer Zeit weit voraus war.

Viele feierten sie dafür als Feministin, ein Wort, das ihr selbst selten über die Lippen kommt. Sie selbst nannte sich oft "Macho".

Wie nachhaltig Lunchs Punk-Entwurf der variierbaren Persönlichkeit gewirkt hat und weiterhin wirkt, zeigt sich daran, welch zentrale Rolle die Künstlerin in Virginie Despentes "Vernon-Subutex"-Büchern spielt. Die Trilogie ist wohl das zur Zeit populärste Romanwerk zum Thema Identitätspolitik. Die Drogendealer, Pornostars und Undergroundkünstler darin wirken zum Teil wie Varianten der Punk-Ikone. Und immer wieder versammeln sich die Figuren bei Despentes bei Lydia-Lunch-Konzerten.

Wenig verwunderlich, Lunchs Auftritte entfachen den Glauben an das Mögliche. Hinter der stabilen, unzugänglichen und fast feindlichen Punk-Anmutung liegt die Utopie. So auch in Hamburg, wo Bluestiraden wie "Trust The Witch" oder "Baby-Faced Killer" das Publikum in einen Glücksrausch versetzen. Die Bude tobt, viele fordern eine Zugabe. Lunch, die Mutter aller Schlachten, zeigt den Finger, nimmt die Handtasche und geht von der Bühne. Ihre letzten Worte darf man auch als ihr Lebensmotto begreifen: "Ihr sagt mir nicht, was ich zu tun habe."

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