Sängerin Lykke Li Als Frau eine Versagerin

Über ihr neues Album verlor die schwedische Sängerin Lykke Li sowohl ihren Freund als auch ihre Nerven. Es erzählt von der Sehnsucht, als total unmöglicher Mensch trotzdem akzeptiert zu werden.

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Ihre Haut und ihre Haare sind hell, fast weiß, aber trotzdem ist da etwas sehr Dunkles an Lykke Li. "so sad so sexy", ganz kleingeschrieben, heißt ihr erstes Album nach vier Jahren. Es klingt sehr viel mehr nach R&B als sein getragener Pop-Vorgänger "I Never Learn", aber es handelt doch wieder von der Liebe. Es ist eben ihr Thema, das Thema, was sie am allermeisten interessiert, weil sie am allermeisten daran scheitert.

Im Internet kann man nachlesen, dass Lykke Li, der ewige Transit, die Rastlose, nun endlich angekommen sei. Sie, die sie mit ihren schwedischen Künstlereltern als Kind in Nepal, Marokko und Portugal lebte und mit 19 nach New York ging, um dort hochstapelnd zu behaupten, sie sei ein Superstar in Europa, nur um von den Bühnen gebuht zu werden. Sie, die 2011 weltweit mit einem Remix ("I Follow Rivers") bekannt wurde, der in all seiner arglosen Strandhousigkeit ihre Stimme wie einen Witz hochnimmt. In Los Angeles lebt sie nun, 31 Jahre alt, mit einem zweijährigen Sohn und einem Ehemann, dem Produzenten Jeff Bhasker (Rihanna, Kanye West).

Sie lacht trocken. Verheiratet? "Ich glaube nicht an die Ehe", sagt sie, "nie würde ich heiraten." Ihr Album erzählt vom Alleinsein in den Canyons von L.A. von einem Mann, der nicht nach Hause kommt, von Gefühlen, Sex und Geld, alles vergänglich. Es erzählt von einer Trennung. Mit Bhasker habe sie begonnen, ihr Album zu produzieren, aber es habe nicht funktioniert. Jeder von ihnen habe eine zu starke Meinung und einen zu starken Willen gehabt. Sie hätten sich gestritten, jeden Tag. "Ich glaube, für die Toningenieure war das sehr unterhaltsam", sagt sie. "Oder eben sehr anstrengend."

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Lykke Li: Good Girl? Geht nicht

Weibliche Perspektive auf die Dinge

Statt mit Bhasker arbeitete sie dann mit vielen anderen Produzenten zusammen, dem EDM-DJ Skrillex unter anderen, mit Emile Haynie (Lana Del Rey) und Rostam (Vampire Weekend). Sie alle hatten die Weisung, Lykke Li mehr nach der R&B-Band Vogue klingen zu lassen, so wie sie eben unter der Dusche klinge, und wie sie eben schon immer habe klingen wollen. Am meisten geholfen habe ihr am Ende der US-Produzent Malay, der zuletzt für Frank Ocean und Sam Smith tätig war.

"Das Album war ein einziges Durcheinander, wie mein Leben. Ich war raus aus meinen alten Plattenvertrag, ich hatte keine richtige Karriere mehr", sagt sie, "meine Mutter war gestorben, dann habe ich meinen Sohn bekommen. Dann die Trennung. Ich war nichts mehr, alles hat sich aufgelöst. Und das Album, das waren unendliche viele nicht zueinander passende Teile, und, verdammt noch mal, niemand ist ans Telefon gegangen."

Mit Malay habe sie Wein getrunken und das Album gekocht, erzählt sie. Auch die Songwriterin Ilsey Juber (u.a. Camila Cabello, Dua Lipa), habe ihr sehr geholfen. "Wenn du eine Frau als Co-Schreiberin hast, ist das einfach besser" Warum? "Ich bin einfach mehr an der weiblichen Perspektive interessiert. Männer nehmen so einen riesengroßem Platz in Literatur und Kunst ein. Es ist genug."

In früheren Interviews hatte Lykke Li mal gesagt, sie wolle sein wie Leonard Cohen, Männer insgesamt seien ihre Musen. Sie wischt mit der Hand durch die Hotelzimmerluft. "Männer sind immer nur eine Szene. Nie wird einer in deinem Leben die Hauptrolle spielen. Du spielst die Hauptrolle. Es ist dein Leben, dein Film." Und wie sie das so sagt, weiß man, sie will es auch glauben. Eigentlich aber ist sie doch noch da, diese Sehnsucht, den einen zu finden. Mit dem man sich den Atem teilt, in dem man aufgehoben ist, warm, und alles andere nur noch fernes Rauschen ist.

Nicht ruhig, brav, nett

Warum nur klappt das nicht? Sie singt, sie sei eben eine "bad woman", der Gegenentwurf zu Popmusik-Trope des "good girls". Als Archetyp Frau sei sie eine Versagerin, also eben keine liebevolle, brave Umsorgerin, nicht ruhig, brav, nett. Sie sagt, "ich bin der Typ Frau, von dem Männer am Anfang immer unfassbar angezogen sind, weil wir so intensiv sind, und dann ist es genau diese Intensität, die die Männer wieder wegtreibt."

"You used to love even the bad, my crazy" singt sie in "Bad Woman". Der Text steht im Präteritum. Auf Dauer ist der anstrengende Mensch anderen Menschen zu anstrengend.

Aber Lykke Li liebt es auch, allein zu sein. Deshalb ist sie in Los Angeles geblieben, der Stadt, in der alle nur zerfasert existieren, Kilometer voneinander entfernt in riesigen Häusern wohnen, einzig verbunden durch Highways, die die Menschen alleine bereisen, in Millionen von klimakalten Autos. In "Jaguars in the Sky" singt sie vom gedanklichen Wegfahren in die Luft, vom Verschwinden in alten, warmen Autos. Kann man Träumer sein und trotzdem Elternteil?

Lykke Li
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Lykke Li

Lykke lacht. "Eltern zu sein, ist fucking real", sagt sie. "Sie kotzen dich an, also wörtlich. Realer geht es nicht." Wenn man auf der Suche sei nach einer neuen Erfahrung, etwas das wirklich next level sei, dann könne sie nur empfehlen ein Kind zu bekommen. Es klingt, als sei das Kind ein Kick, eine Option unter vielen. "Manchmal weiß man all seine Zeit nicht zu schätzen, dann wird man schwermütig, weil alles so leicht ist. Mit einem Kind weiß man seine freie Zeit, also Zeit zum Träumen oder zum Lesen, mehr zu schätzen." Das Kind als Korrektiv. Was sie gerade liest? Oh, "Sex at Dawn", das Sachbuch von Christopher Ryan und Cacilda Jetha, das erklärt warum wir uns Liebe, Treue und all das wünschen, auch wenn wir wissen, dass es nicht funktionieren kann.

"Utopia" heißt das letzte Stück der neuen Platte. Utopia, sagt Lykke Li, ist das Gefühl, wenn du jemanden triffst, in seine Augen schaust, und alles vergisst, was bis dahin passiert ist. Es ist diese ewige Täuschung, die uns alle morgens aufstehen lässt. "We could be the most transcendent/go deep like Dylan", singt sie. Es ist Konjunktiv. Wird Utopia denn irgendwann wahr? Lykke Li beugt sich vor, das schwarze Leder ihrer als Bluse getragenen Jacke knistert, ihr Blick ist kühl. "Du wirst alleine sterben", sagt sie.



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amitié 08.06.2018
1.
Der Artikel ist wirklich äusserst interessant, man darf gespannt sein auf das neue Album. Bei dem Song «I follow rivers» handelt es sich jedoch in der Version von Lykke Li um das Original und nicht um einen Remix.
TaramTaram 08.06.2018
2.
Zitat von amitiéDer Artikel ist wirklich äusserst interessant, man darf gespannt sein auf das neue Album. Bei dem Song «I follow rivers» handelt es sich jedoch in der Version von Lykke Li um das Original und nicht um einen Remix.
Schreibe nicht sowas, das läßt sich schließlich auch unter https://de.wikipedia.org/wiki/I_Follow_Rivers nachlesen. Aber da man Wiki grundsätzlich nicht trauen kann, ist das dort geschriebene wahrscheinlich erstmal grundlegend falsch, bis nicht das Gegenteil bewiesen wurde. Anscheinend kann man nicht mal mehr den eigenen Ohren trauen, welche Version zuerst erschien - klar, Lykke Li, aber scließlich steht das ja auch bhei Wiki; ein Teufelskreis. Also doch ein Remix, klingt professionell, egal ob da Wissen hinter steckt.
Mesi0013 09.06.2018
3. Naja
Vermutlich werden Männer nicht wegen einer gewissen und festgestellten 'Intensität' von ihr weggetrieben (wie sie sagt) sondern weil diese möglicherweise bei ihr ein gewisses Problem zwischen den Ohren feststellen. Das dauert eben etwas...
Mardor 11.06.2018
4. Gähn...
Als dieses larmoyant-quälige "I follow Rivers" seinerzeit in der Heavy Rotation lief, war ich davon spätestens nach dem dritten Hören so angenervt, dass ich dann jedes Mal blitzartig den Sender gewechselt habe, sobald der Song angesagt wurde. Ich glaube nicht, dass ich von der Frau noch einmal etwas hören will, nach der Lektüre dieses Artikels noch weniger. Manch großer Künstler ist ja verrückt, aber deshalb ist längst nicht jede(r) Verrückte(r) auch ein(e) große(r) Künstler(in)...
mirroroffline 13.06.2018
5. Danke
Ich glaube, die meisten Menschen können sich nicht mal ansatzweise vorstellen, was es bedeutet, ein Künstler zu sein. Das ist eben nicht wie ein Büroangestellter. Das kann man nicht planen und man ist ständig Abgrund: was kommt morgen. Schaffe ich es, mich Neubau erfinden, den Menschen, die mich gestern noch gehupt haben morgen noch zu gefallen. Ich mag ihre Musik nicht, aber ich habe Respekt vor allen Menschen, die alles auf eine Karte setzen. Oder man hört halt Helene Fischer, die klingt wie dreißig weitere Jahre Merkel. Künstler sind keine weichgespülten, angepassten Deutschrocker. Wir bauen halt gute Maschinen. Punkt
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