Lyrik und Jazz: Der Groove von Heinrich Heine

Von Hans Hielscher

Donnernde Wortgewalt vor groovendem Beat, gehauchte Sätze vor einer klagenden Flöte: 1964 machten sich renommierte Jazz-Musiker und der Sprecher Gert Westphal einen Reim auf Heinrich Heine. Heraus kam eine furiose Platte, die jetzt wieder zu haben ist.

"Ich möchte als Jazzdichter betrachtet werden", wünschte sich Jack Kerouac. Wie ein improvisierender Instrumentalist wollte er seine Ideen "von Chorus zu Chorus rollen". Als Dichter der amerikanischen Beat Generation liebte er Auftritte mit Bands. Mit dem Pianisten Steve Allen und einer Combo nahm Kerouac 1957 in einem Club in San Francisco "Jazz & Lyrik"-Platten auf - offenbar die ersten ihrer Art.

Sprecher Westphal in den Sechzigern: Wortgewalt und Beats
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Sprecher Westphal in den Sechzigern: Wortgewalt und Beats

In Deutschland leitete zu jener Zeit Joachim-Ernst Berendt die Jazz-Redaktion des Südwestfunks (SWF) in Baden Baden. Der spätere "Jazz-Papst" hatte in jungen Jahren von einer Pianisten-Karriere geträumt, aber auch Gedichte geschrieben. Als Redakteur wollte er nun "Brücken schlagen zwischen Musik und Wort". Wenn er Verse las, fiel Berendt immer eine passende Musik ein: "Walt Whitman beispielsweise, da habe ich sofort gedacht: Mein Gott, das ist doch die Message von Lionel Hampton und Coleman Hawkins!"

Berendt begann "Jazz & Lyrik" fürs Radio zu produzieren - mit Schallplatten und Gert Westphal als Sprecher. Der Star unter den Vorlesern war von 1953 bis 1959 Leiter der Hörspielabteilung und Chefregisseur beim Südwestfunk. Berendt erinnerte sich: "Gert Westphal hinter der Scheibe, es läuft eine Platte, an einer geeigneten Stelle gebe ich ihm ein Zeichen, er spricht seine Sache, eine Tontechnikerin blendet auf - so primitiv war es zunächst."

Die Hörer waren von den "Jazz & Lyrik"-Sendungen begeistert. Kein Wunder, dass sich da die Plattenindustrie meldete. Philips übernahm 1960 die SWF-Produktion über Gottfried Benn (Sprecher: Gert Westphal, Musik: Jay Jay Johnson, Kai Winding und Dave Brubeck). Anschließend kamen LPs mit Werken von Hans Magnus Enzensberger (Musik: Max Roach, Miles Davis u.a.) und Peter Rühmkorf (Musik: Johnny Griffin) auf den Markt. Alle verkauften sich blendend.

Doch vor einer geplanten Heinrich-Heine-Platte 1964 gab es Schwierigkeiten: Bei Umorientierungen in der Branche hatte Philips den Zugriff auf den Jazz-Katalog der amerikanischen Firma Columbia verloren. Statt mit vorliegenden Platten musste Berendt nun direkt mit Musikern arbeiten. Er engagierte den aus Ungarn stammenden Gitarristen Attila Zoller, der nach etlichen Jahren in Frankfurt in die USA ausgewandert war. Zu Zoller kam der Saxofon, Flöte und Klarinette spielende Emil Mangelsdorff, der ältere Bruder des Posaunisten Albert. Bassist Peter Trunk gehörte zu den Besten auf seinem Instrument. Der damalige Doldinger-Schlagzeuger Klaus Weiss vervollständigte das Quartett, zu dem sich bei einem Titel die Sängerin Stella Banks gesellte, Trunks amerikanische Frau.

Im Nachhinein erwies sich als Segen, dass die kollagenartige Zusammenstellung von Sprache und Jazz nun live produziert wurde. Die von Berendt ausgewählten Heine-Texte inspirierten den Sprecher Westphal genau so wie die Musiker, die über Volkslieder, Jazzstandards und Bluesthemen improvisierten. Donnernde Wortgewalt vor groovendem Bass-Beat, gehauchte Sätze vor einer klagenden Flöte - die Platte wurde ein Meisterwerk. Wunderbar, dass sie im Heine-Jahr als CD wieder zu haben ist. Das Album erinnert an den vor 150 Jahren gestorbenen Dichter Heinrich Heine und vier Künstlerpersönlichkeiten aus unserer Zeit: Gert Westphal, Joachim-Ernst Berendt, Attila Zoller und Peter Trunk leben nicht mehr.

Der Sound der Veränderung

Die Heine-Platte trug in den sechziger Jahren dazu bei, dass eine regelrechte Volksbewegung entstand. Statt vor einer Handvoll Leseratten in einer Buchhandlung lasen Dichter und Schauspieler nun Lyrik und Prosa vor großem Publikum mit Jazzmusikern im Rücken. "Da war Zeitgeist in der Luft", erinnerte sich Peter Rühmkorf, "so bestimmte atmosphärische Veränderungen, die bereits auf einen Umbruch in der Großwetterlage hindeuteten, die Apo-Zeiten und die Jahre der Studentenrevolution."

Zusammen mit dem Pianisten Michael Naura hat Rühmkorf bis ins 21. Jahrhundert seinem Publikum "Jazz & Lyrik" geboten, auf Platten und vor allem live. Der Dichter beschrieb einmal, wie er mit Jazzmusikern zusammenarbeitet: "Ich vertraue mich euch an wie ein Segelflieger sich den jeweils herrschenden Auf- und Abwinden, ihr sorgt für die nötigen thermischen Bedingungen, und ich lass dann meine kleinen Papierdrachen steigen."

Freilich sind nicht alle Hörer bereit, die gemeinsamen Höhenflüge von Poeten und Musikern mitzumachen. Nach einem - wie sie meinten - besonders geglückten "Jazz & Lyrik"-Abend von Rühmkorf, Naura und dem Vibrafonisten Wolfgang Schlüter erschien eine Zeitungsrezension unter der Überschrift "Musik stört Dichterlesung".

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