Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Rapper Macklemore in Köln: Sorry, dass ich weiß und reich bin

Von , Köln

Macklemore in Köln Zur Großansicht
imago

Macklemore in Köln

Mit Produzent Ryan Lewis feierte Macklemore viele Erfolge. Doch statt dazu zu stehen, ertrinkt der Rapper auf seinem neuen Album im Selbstmitleid. Beim Tour-Auftakt überwog zum Glück der Unterhaltungsfaktor.

Scheine, Scheine, Scheine. Eine Ein-Dollar-Note im Höschen der Stripperin, eine Badewanne voller Cash: Wer jemals ein Rap-Video gesehen hat, könnte meinen, dass sich im Hip-Hop alles ums Geld dreht. Dabei hat die wahre Währung des Hip-Hops nichts mit Dollar oder Euro zu tun. Sie heißt Glaubwürdigkeit. Während Macklemore, einer der erfolgreichsten Hip-Hopper der jüngeren Geschichte, mehr als genug Geld auf dem Konto verbucht, droht ihm in Sachen Glaubwürdigkeit die Pleite.

Es könnte alles so einfach sein. Dank seines musikalischen Partners Ryan Lewis und dem gemeinsamen Album "The Heist" spielt Macklemore, der eigentlich Ben Haggerty heißt, seit 2012 in der Hip-Hop-Oberliga. Platin-Auszeichnungen bis zum Abwinken, eine Reihe Grammys im Regal: Die Karriere läuft. Gerade erst hat das Duo sein jüngstes Album "This Unruly Mess I've Made" auf den Markt geschmissen. Am Samstag feierten sie den Auftakt ihrer Deutschlandtournee in der Kölner Lanxess-Arena.

Macklemore könnte angekommen sein - im Ruhm, im Hip-Hip. Das Problem ist aber: Er gehört einfach nicht dazu. Zu viel Pop, um wirklich zum Rap zu zählen, zu gesellschaftskritisch für Spaßmusik, zu oberflächlich für eine musikalische Revolution. Das wäre alles überhaupt kein Problem, wäre Macklemore obendrein nicht vor allem eines: das Paradebeispiel für den privilegierten weißen Mann, der mit der eigenen Rolle nicht zurechtkommt.

Der Gebrauchtwarenliebhaber als Luxuswarenbesitzer

Wie sehr der Pop-Rapper mit sich selbst hadert, wird gleich beim ersten Song der Show in Köln deutlich. In "Light Tunnel", auch das erste Lied auf dem neuen Album, erinnert sich Macklemore an eine seiner Auszeichnungen bei den Grammys: Nervosität, Drogen, das Gefühl, in eine unechte Welt einzutauchen, die sich als Kunst verkauft, obwohl sie eigentlich reiner Kommerz ist. Während Bilder von Kanye West und Co. die Bühnenleinwände flackern, versucht Macklemore sich abzugrenzen. Mit den Kardashians dieser Welt und ihrer Scheinrealität will er eigentlich nichts zu tun haben. Dazugehören will er trotzdem.

Es war der Mega-Hit "Thrift Shop", die Ode ans Second-Hand-Shopping und eine Parodie auf die Statussymbole des Hip-Hops (Scheine, Scheine, Scheine), die das Duo vor vier Jahren berühmt machte. Damals war Macklemore noch der sympathische Neuling, der Junge aus Seattle, der sich ganz allein hochgearbeitet hatte, ohne sich an ein riesiges Label zu binden. Seine Musik: tanzbar, lustig, mit Augenzwinkern.

Dass Macklemore sich auch heute noch so sehen möchte, wird deutlich, wenn er dem Publikum erzählt, er kaufe in Köln gern gebrauchte Klamotten. Das mag sein. Dass der Musiker jedoch nach der Show seine Rolex überstreift und Rasierer für 200 Dollar kauft, wie er kürzlich dem "Rolling Stone" verriet, bringt das Bild des einfachen Jungen von nebenan in Schieflage. Macklemore der Gebrauchtwarenliebhaber ist eben auch Macklemore der Luxuswarenbesitzer.

Was schuldet ein weißer Rapper dem Hip-Hop?

Dass Macklemore nicht zu beidem gleichzeitig stehen will, verhindert, dass "This Unruly Mess I've Made" qualitativ mit "The Heist" gleichzieht. Wie schwer das Erbe der vergangenen vier Jahre, die Kritik am seichten Pop-Rap und an Macklemore selbst auf den Schultern des Rappers liegt, wird besonders im neun Minuten langen Track "White Privilege II" deutlich. In ihm widmet sich Macklemore der schwarzen "Black Lives Matter"-Bewegung.

Das Lied hätte das Herzstück des neuen Albums werden können, die klare Positionierung eines privilegierten weißen Mannes mit einer mächtigen Stimme für eine Sache, die größer und wichtiger ist als er selbst. Doch statt des Leids anderer stellt Macklemore das eigene Leid in den Vordergrund: Darf er, soll er, muss er für das einstehen, an was er glaubt? Wem muss er seine Stimme leihen? Was erwartet die Welt von ihm? Und was schuldet er dem Hip-Hop als weißer Rapper?

Es ist bewundernswert, dass Macklemore sich mit diesen Fragen auseinandersetzt. Doch hätte er die richtige Antwort darauf gefunden, wäre die Botschaft des Songs eine deutlichere gewesen. So aber verhallt sie nicht nur auf "This Unruly Mess I've Made", sondern auch in der Lanxess-Arena. Das Problem ist, das Macklemore nicht nur sich selbst, sondern auch dem Genre zu wenig zutraut.

Indem er Hip-Hop zur schwarzen Domäne und sich selbst zum Eindringling stilisiert, spricht er der Bewegung ihre Kernstärke ab: die zur Wandlung. Im Hip-Hop ist längst jeder willkommen, der sonst nicht weiß wohin mit sich. Das heißt noch lange nicht, dass auch jeder Song ein Treffer sein muss. So what?

Dass Macklemore dort, wo er ist, eigentlich genau richtig ist, zeigen am Ende vor allem die weniger selbstreferenziellen Töne. So bleiben wie auch auf "The Heist" die stärksten Stücke die, in denen Macklemore sich und die Welt ein bisschen weniger ernst nimmt: "Brad Pitt's Cousin", "Dance off" und allen voran "Downtown". Der Tagebucheintrag "This Unruly Mess I've Made" ist nicht das zweite Album, das man sich von Macklemore und Ryan Lewis gewünscht hätte. Aber es könnte zu einem führen, das "The Heist" in den Schatten stellt. Mit etwas Glück hat das Duo beim nächsten Besuch in Deutschland mehr Antworten als Fragen im Gepäck.


Info: Noch bis zum 7. April touren Macklemore und Ryan Lewis durch Deutschland. Weitere Stopps sind Berlin, Stuttgart, Hamburg, Dortmund und München. Tickets sind noch erhältlich.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. wunderschön
fuffel 13.03.2016
zu diesem Themenkomplex gefragt zu werden. RAP sollte also nicht durch die eigenen Texte sprechen, sondern wir sollten die Leute danach noch befragen, was sie da eigentlich gesagt hätten haben wollen? Die Festellung, das dieser Künstler keinerlei politische Außenwirkung erreichen wollte reicht doch, oder? Damit darf er dann Geld verdienen, aber auf einer Metaebene müssen wir dann auch keine Kalorien verbrennen. PoP lohnt keine Diskussion. Ist halt einfach gefällige Musik oder nicht. Außer wir schenken Frisuren, Bühnengehampel oder Beziehungsdingens von anderen Menschen echt Aufmerksamkeit. Und sollten wir das? Also, solange wir noch selbst das Haus verlassen könnten? Ich finde: wir dürfen den Gefallen erwidern. Der Typ will uns nichts mitteilen. Geht mir ähnlich :)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: