Madonna wird 50: Mach den Abtanz, Disco-Queen!

Sie ist die erfolgreichste Frau im Musikbusiness, jetzt wird Madonna 50 - und sollte endlich aufhören. Carola Padtberg wünscht der Ikone, der sie einst erlegen war, nur noch eines: Happy Abgang!

Als ich Madonna zum ersten Mal begegnete, trug sie ihre Haare wasserstoffblond, dazu Korsage und Bolero-Jäckchen. Das war vor zwei Jahrzehnten, Madonna war bereits eine Stilikone, der Marilyn-Monroe-Stil ihr neuester Coup. Ich fand sie unglaublich cool. Es schien mir unmöglich, dass sich ihr jemand jemals so verbunden fühlen könnte wie ich. Heute hoffe ich, dass sie sich möglichst bald zur Ruhe setzt.

1985 reiste Madonna zum ersten Mal auf Tournee durch Nordamerika, mit drei New Yorker Jungs im Vorprogramm, die sich Beastie Boys nannten. Das "Time"-Magazin titelte "Madonna Rocks the Land" - und riet allen Eltern angesichts der unerklärlichen Madonna-Hysterie ihrer Töchter, Ruhe zu bewahren.

Scharen von Mädchen im Alter von 10 bis 20 Jahren trugen T-Shirts mit dem Aufdruck "Virgin", dazu weiße Netzstrumpfhosen, Miniröcke und toupierte Frisuren. Alle wollten sein wie der neue Star - trashig, selbstbewusst, sexy. Madonna hatte einen Trend gesetzt.

Niemand ahnte, dass sie vorhatte, dies die nächsten 25 Jahre zu tun.

Als ich der Hysterie verfiel, war ich elf Jahre alt und Madonna 29. Ihre Stimme beeindruckte mich kaum, ihr musikalisches Talent schien mir durchschnittlich. Doch sie war stark und aggressiv und wusste genau, was sie wollte - Weltruhm. Sie schien unglaublich frei zu sein, sie sang und sagte, was sie wollte.

Wenn ich unglücklich verliebt war, erteilte mir Madonna Lektionen in Selbstbewusstsein. Fühlte ich mich klein, richtete mich Madonna per Walkman wieder auf.

In den Neunzigern verebbte die Bewunderung

Jeden Schnipsel aus "Bravo "und "Popcorn" schnitt ich damals aus, um ihren Look zu studieren. Als das "Like a Prayer"-Album erschien, hängte ich mir schwarze Kruzifixe an die Ohren und Perlenketten um den Hals. Vor dem Fernseher tanzte ich die Choreografien ihrer Videos nach. Mein Kinderzimmer war tapeziert mit Postern von ihr, das größte davon - vier Quadratmeter! - zeigte ihr Konterfei mit Teddybär und Micky Maus. Ihre Titelrolle in der Komödie "Susan - verzweifelt gesucht" konnte ich auswendig mitsprechen.

Doch schon in den Neunzigern verebbte meine uneingeschränkte Bewunderung. Die Single mit dem irgendwie passenden Titel "Justify My Love" kaufte ich noch, doch ich musste mir eingestehen, dass Madonna meine Liebe zu ihr nicht mehr rechtfertigen konnte - wir trennten uns. Denn Madonna, Anfang 30, setzte nur noch auf schiere Provokation.

Sie nannte ihre Alben "Erotica" und "Bedtime Stories", brachte einen Bildband mit dem Titel "Sex" heraus und ließ sich von einem Fitnesstrainer schwängern. Dann besang sie ihr Mutterglück und die jüdische Mystik, schrieb Kinderbücher und drehte scheußliche Filme.

Trotzdem: Ich las weiter ihre Interviews, verfolgte ihre Imagewechsel, schaute mir ihre Videos an. Sie gab die SM-Göre und die Geisha, machte House-Musik in Cowboyhut und Chaps und gerierte sich als Antikriegsaktivistin mit Klampfe. Privat zeigte sie sich als elegante Lady und dozierte über fernsehfreie Kindererziehung und makrobiotische Ernährung. Jede ihrer Inszenierungen saß perfekt. Sie war die reine Präsenz. Niemals verlor sie die Kontrolle. Michael Jackson? Längst eine Karikatur seiner selbst. Prince? Lange Zeit verschollen. Madonna ließ ihre Popgeneration weit hinter sich.

Spagat zwischen Disco-Queen und Übermutter

Früher setzte Madonna Trends, sie sprang nie auf fahrende Züge auf. Doch mit dem aktuellen Album "Hard Candy" ist das endgültig vorbei. Dort findet sich nichts Neues mehr. Im hoffnungslos überbuchten R'n'B-Express findet Madonna nicht einmal mehr einen guten Stehplatz.

Mein Verdacht erhärtete sich zur Gewissheit: Obwohl Madonna am Samstag ihren 50. Geburtstag feiert, ist sie als Künstlerin kaum gewachsen.

Ich hatte immer gehofft, Madonna würde die Sache mit dem Älterwerden so spielerisch packen wie alles andere. Hatte gedacht, dass die erfolgreichste Frau der Popgeschichte so intelligent sei zu wissen, wann es Zeit wäre, aufzuhören. Hatte geglaubt, dass sie ebenso cool altern würde, wie sie die Musikindustrie beherrscht hat.

Doch der Spagat zwischen Disco-Queen und Übermutter laugt sie zunehmend aus. Fast schon mitleiderregend ist es, wie sie auf Biegen und Brechen versucht, der Welt zu zeigen, wie heiß die große Madonna noch immer ist. In ihren neuen Videos wirkt sie neben Justin Timberlake und Pharrell Williams wie eine Mutti, die verbissen versucht, sich in Overknees an die Kids von heute heranzuwanzen. Die Zungenküsse mit Britney Spears und Christina Aguilera bei den MTV Music Awards ließen dieses Kalkül schon vor fünf Jahren erahnen.

Sogar Ehemann Guy Ritchie soll gesagt haben, sie werde zu alt für ihren "Sex-Fummel". Scheidungs- und Affärengerüchte machen die Runde. Ihr Bruder lässt in Talkshows kein gutes Haar an ihr, beschreibt sie als selbstverliebt und herrschsüchtig, zerfressen von Ehrgeiz. Vielleicht sind dies alles ja nur kalkulierte Risiken, und Madonna triumphiert. Vielleicht aber bröckelt der Thron der Pop-Queen. Paparazzi-Fotos zeigten sie in letzter Zeit, wie sie blass und ausgezehrt ihren Physiotherapeuten aufsucht - wenige Wochen, bevor ihre "Sticky & Sweet"-Welttournee beginnen soll.

Wie lange will sie noch das dauervitale Sexsymbol mimen? Wird der Leistungsdruck nicht irgendwann selbst für sie zu groß? Haarsträubend die Vorstellung, sie mit 60 auf der Bühne in Korsage Rodeo reiten zu sehen. Sie im Rentenalter zu "Like A Virgin" beim Masturbieren zu beobachten. Diese Szenarien sind wahrscheinlicher, als man es wahrhaben will: Vergangenes Jahr verließ Madonna ihre Plattenfirma Warner und verpflichtete sich bei Live Nation. Drei Studioalben und vier Tourneen sieht der Vertrag vor - in den nächsten zehn Jahren. Offizieller Grund für den Wechsel der Plattenfirma: Sie müsse mit der Zeit gehen.

Einige Freunde sagen zu mir: "Madonna kann doch auch mit 50 tun und lassen, was sie will. Schau dir Tina Turner an. Die geht noch mit fast 70 auf Tournee."

Das ist nicht dasselbe. Tina Turner hat nie versucht, jemand anderes zu sein als Tina Turner, ein Original mit großer Stimme. Solche Popstars altern problemlos und bleiben ihr Leben lang authentisch. Madonnas Image hatte nie viel mit ihrer Persönlichkeit zu tun, sie erfand sich ständig neu. Sie war ein Niemand, hat sich geschunden - und hat alles erreicht. Jetzt sollte sie das Leben lockerer nehmen.

Auf Madonnas erster "Virgin"-Tour 1985 endete jedes Konzert mit einer Selbstparodie. Wenn nach dem letzten Song die Lichter angingen, ertönte eine laute, missbilligende Männerstimme aus den Lautsprechern und befahl ihr, von der Bühne zu verschwinden: "Madonna, get down off that stage this instant!" Quengelnd antwortete Madonnas Stimme vom Band: "Daddy, do I hafta?"

Ja, Madonna. Es ist Zeit, auf Daddy zu hören - und für immer die Bühne zu verlassen.

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