Kultur

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Zu Madonnas 60. Geburtstag

Lang lebe die Queen of Pop!

Ob Klassenfahrt, WG-Party, Sex: Ihre Songs haben uns in jeder Situation unseres Leben begleitet. Wir gratulieren Madonna zum 60. Geburtstag - und feiern sie mit diesen Songs.

Donnerstag, 16.08.2018   09:58 Uhr

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"Crazy for You"

Balladen nutzt Madonna oft, um etwas zu beweisen. Nehmen wir nur "Live to Tell", das sie 1986 als erste Single aus ihrem Album "True Blue" auskoppelte, obwohl es bei Weitem nicht der größte Hit war. Aber sie wollte sich hochgeschlossen und seriös zeigen, emotionale Tiefe ausstrahlen. Das war bei ihrem ersten Balladen-Hit noch anders: In "Crazy for You" geht es um Begehren, darum, zu zweit "das Beste aus der Dunkelheit zu machen". Madonna war zu diesem Zeitpunkt als Partygirl bekannt geworden, und "Crazy for You" ist auch ein Partylied, nur eben über den Engtanzteil der Party. Und dennoch hatte Madonna damit etwas zu beweisen - nämlich als Sängerin. Die Komponisten des Songs, die Produzenten des Films, in dem er vorkommen sollte, sie alle hatten ihre Zweifel an ihren Fähigkeiten. Und natürlich ist Madonna nie eine Céline Dion oder Whitney Houston geworden. Aber dafür ist in ihr bis heute etwas drin von dieser Bar-Sängerin mit den Ketten und Kruzifixen, die sie in der Highschool-Romanze spielt, die ursprünglich "Vision Quest" hieß, aber dann im Ausland umbenannt wurde - in "Crazy for You", nach dem Song, der erstmals zeigte, dass Madonna auch Balladen kann. Felix Bayer


"Hung Up"

Als Madonna in den Achtzigerjahren ihre ersten Hits schrieb, spielten wir von der Generation Y noch sabbernd mit Bauklötzchen. Denkbar auch, dass sich unsere Eltern beim Turteln zu "Holiday" und "Borderline" erst kennenlernten. So oder so: Madonna war vor unserer Zeit, unsere "Queens of Pop" hießen Gwen Stefani oder Shakira. Das änderte sich 2005, als "Hung Up" die Charts stürmte und wir pubertierenden Millennials die Madonna-Begeisterung live miterlebten. Der Song hätte einen Nachhaltigkeitspreis verdient, so umfassend recycelt er die Achtziger: Zu Aerobic-Musikvideo und discotauglichem Abba-Sample verwertet die Sängerin Textzeilen aus ihrem 1989 mit Prince aufgenommenen "Love Song". Wir bestaunten den Zeitmaschinen-Effekt und stimmten ihr zu: "Time goes by so slowly". Katharina Koerth


"Vogue"

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2007 oder 2008 muss es gewesen sein. Jedenfalls zu einer Zeit, in der ich mich rituell jedes Wochenende in meine Röhrenjeans gequält, die speckige Lederjacke übergeworfen und eine halbe Stunde vorm Spiegel die Haare verwuschelt habe. Eine WG-Party in Saarbrücken stand an, und solche Dinge waren wichtig. Nach dem ersten Polizeibesuch lief dort natürlich der unvermeidliche "Trash". Sie wissen schon, Ace of Base, Backstreet Boys, solche Kaliber. Plötzlich etwas, das mich Indie-Betonkopf in Ausbildung verwirrte: Beats wie direkt aus Manchester, dazu -Pet-Shop-Boys-Appeal und ein Mutmacher von einem Text? Wer zum Henker war das? Madonna, wie ein Blick auf den MP3-Player verriet, ein Song namens "Vogue". Ernsthaft? Die aus dem Musikfernsehen? Mist, ich war angefixt. Wenig später fand ich "Like a Virgin" in der Billigkiste des örtlichen Plattenladens, links unten neben dem Hinterausgang. Ich schämte mich vor dem Verkäufer, kaufte das Teil aber trotzdem. Und heute? Halte ich die Platte für besser als - pssssst! - das meiste von den Smiths. Dennis Pohl


"Love Profusion"

Madonna ist definitiv keine Romantikerin. Trotzdem erklärt kein Song meine Haltung zu Romantik besser als ihr "Love Profusion." Im von Luc Besson gedrehten Video läuft sie allein durch eine windige Stadt und zweifelt: "There are too many questions/There is not one solution." Sie weiß, Romantik, das ist nichts als ein Gedanke - im Grunde also nichts. Sinnlosigkeit ist das Thema von "American Life" (2003), ihrem letzten guten Album. "Love Profusion" durchbricht die Desillusionierung mit riesigen Blumen. "You make feel/You make me shine" singt sie, nur um im nächsten Vers wieder zu verzweifeln. Es ist diese ewige Spannung zwischen Hoffen und Wissen, Begehren und es doch besser wissen. Im Song geht Madonna gen Ende vor Zuneigung zu Boden. Im wahren Leben aber ließ sie "Love Profusion" fallen, nachdem er nirgends ein Hit wurde. Nicht ein einziges Mal hat sie den Song bisher live gespielt. Madonna ist definitiv keine Romantikerin. Julia Friese


"Erotica"

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Es ist 1992, "50 Shades of Grey" noch nicht mal geplant, und Madonna veröffentlicht ein ganzes Album zu den Themen Sex, BDSM, Liebe, HIV mit dem Titel "Erotica". In der gleichnamigen Single stöhnt sie, übernimmt Kontrolle, spricht von ihrem Begehren. Der Track beginnt mit den Zeilen "My Name is Dita/ I'll be your mistress tonight/ I'd like to put you in a trance", es geht weiter mit "If I take you from behind / Push myself into your mind", und "If I'm in charge/ I treat you like a child/ Will you let yourself go wild/ Let my mouth go where it wants to?", dazu ein Sample von "El Yom 'Ulliqa 'Ala Khashaba" der libanesischen Sängerin Fairuz. In dem Video dann sitzt Madonna als ihre Alter-Ego-Dominatrix Dita mit Gerte und Maske auf halbnackten Männer, Zungenküsse zwischen ihr und Naomi Campbell, Bondage, auf Körper tropfende Kerzen, nackte Ärsche. Madonna zelebriert auf "Erotica" das Anderssein auf eine bis dahin noch nie gesehene Weise - schamlos, selbstbestimmt, aggressiv-lustvoll. Genauso sollte Sex sein, es hätte kein besseres Vorbild als Dita geben können. Enrico Ippolito


"Like a Prayer"

Schulausflug mit 13 zur Expo nach Hannover: ein Maskottchen, das aussah wie ein Handy aus eben diesem Jahr 2000. Infotafeln, überall Infotafeln. Das einzige Highlight: ein Chor, der auf einer kurortartigen Muschelbühne "Like a Prayer" performte. Bei der Zeile "In the midnight hour/ I can feel your power" tippten sich die Sänger armbanduhrmäßig mit dem Zeigefinger auf das Handgelenk, bei "I am down on my knees" wurde sich mit überkreuzten Unterarmen auf die Knie geklopft. Wir fanden diese In-Your-Face-Text-Gestikübertragung total panne und witzig zugleich und giggelten stundenlang (wie gesagt: Wir waren 13!). Dass das Musikvideo 1989 einen Skandal auslöste, weil Madonna hier unter anderem in einer Kirche ihre erotische Beziehung zu einem schwarzen Heiligen inszeniert und zwischen brennenden Kreuzen tanzt - das lernte ich erst später. Aber noch heute zuckt mein Zeigefinger Richtung Handgelenk, sobald sie beim TV-Achtziger-Countdown weichgezeichnet die midnight hour beschwört. Eva Thöne


"Frozen"

Lange bin ich mit Madonna nicht richtig warm geworden. Ich fand ihre verschwenderischen, permanenten Komplett-neu-Aufpudelungen interessant, aber ihre Lieder berührten mich nicht. Das Video zu "Frozen", das sie als schwarzwitwige, sonderbar hantierende Trümmerfrau am Strand zeigt, parodierte ich 1998 gerne mit meinem Freund, Text und Dramatik rauschten dabei immer an mir vorbei. Bis wir uns kurz darauf trennten und er nach unserer Finalbegegnung minutenlang genau diesen einsamen Schwarzvogeltanz auf dem Parkplatz vor meinem Schreibtischfenster performte, obwohl er nicht wusste, ob ich tatsächlich in diesem Moment aus dem Fenster schauen und ihm noch mal hinterhersehen würde, als er ins Auto stieg. Er trug dabei, wie fast immer, die lange, schwarze, ausgebeulte Strickjacke, die ihm seine Mutter handgearbeitet hatte, und sah aus wie ein trauriger Rabe. "If I could melt your heart, mm-hmm - we'd never be apart" - seitdem bekomme ich bei diesen Zeilen mindestens nasse Augen. Und habe mein Frostherz zumindest einen Spalt für Madonna aufgemacht. Anja Rützel


"La Isla Bonita"

Madonna, das war immer "best music money can buy". 1986 war der Filmkomponist und Produzent Patrick Leonard ziemlich teuer, Kollege Bruce Gaitzsch nicht weniger. Leonard war ein Fan von Genesis, Pink Floyd und Jethro Tull. Gaitzsch schrieb Songs für Barbra Streisand, Agnetha Fälstkog und, um ein Haar, sogar für Michael Jackson. Dem war "La Isla Bonita" für sein Album "Bad" aber offenbar ein Tick zu herzig. Er lehnte ab, Madonna nahm an, kritzelte ein wenig am Text herum. Und landete ihren größten Hit aller Zeiten. Zumindest in Frankreich. Und bei mir, dem seinerzeit glühendsten Verehrer verblichener Bands wie, nun ja, Genesis, Pink Floyd und Jethro Tull. Na ja. Wie Fünfzehnjährige eben so sind. Ungewöhnlich an "La Isla Bonita" vor allem dem Umstand, dass es so gar nicht nach Madonna klingt. Keine Selbstermächtigungshymne. Sondern eine einschmeichelnde Melodie, die bis heute nicht totzukriegen ist. Nicht einmal von der Piepsstimme seiner Interpretin. Arno Frank


"Don't Cry For Me Argentina"

Eine politische Kundgebung ist auch nichts anderes als ein Popkonzert. Massen begeistern? Nähe suggerieren? Für die gerechte Sache sein? Kann ich! So sagte sich Madonna 1996, als sie die Rolle der argentinischen Volkheldin und Präsidentengattin Eva Perón annahm und dieser die mit allen Ergriffenheitstechniken eingespielte und alle Erzitterungsreflexe auslösende Power-Politballade "Don't Cry For Me Argentina" widmete. Das Stück stammt aus der Verfilmung des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals "Evita". Wer bei der Balkonszene, in der das italoamerikanische Arbeitermädchen Madonna als argentinisches Arbeitermädchen Eva das tränentrunkene Proletariat vor dem Präsidentenpalast mit zärtlichen Gesten für sich gewinnt, nicht sofort zum Sozialisten wird, kann kein Herz haben. Erstaunlich, dass Madonna, die in fast 40 Berufsjahren wirklich alle Karrieremöglichkeiten und Machtoptionen lustvoll ausgeschöpft hat, nie im großen Stil in den Polit-Betrieb gewechselt ist. Christian Buß


"Like a Virgin"

Jeder, der mal eine Dorfparty besucht hat, ein Schützenfest zum Beispiel oder eine Faschingsparty oder ein Besäufnis mit Musik, wird das kennen: Irgendwann, nach "Tainted Love", wenn es gut läuft, und "The Final Countdown", wenn es eher nicht so gut läuft, klirrt Madonnas frühe Mädchenstimme aus den Boxen. "You made me feel shiny and new", singt sie da, "you made me feel, I've nothing to hide." Hört man "Like a Virgin" mit 15 Jahren zum ersten Mal dort, fühlt man sich ein bisschen ertappt. Die singt da über mich, denkt man. Und ein bisschen stimmt das ja auch. Erst später, wenn Dorffeten zur guten alten Zeit und nicht mehr zu quälenden Gegenwart gehören, wird man den Song so richtig verstehen. Wie einfach und stimmig die Metaphern sind, wie herrlich naiv der Song. Wenn man verliebt ist, dann fühlt sich nämlich alles neu an, aufregend und man selbst eben like a virgin. Elisa von Hof


"Into the Groove"

Die Tanzfläche, das ist für viele Jungs zwischen 15 und 20 Jahren der Ort, an dem sie sich besonders verloren und ungeschickt und linkisch, kurz: besonders unwürdig der Aufmerksamkeit gleichaltriger Mädchen fühlen. Mir brach damals der Angstschweiß aus, wenn ich zum in der niederrheinischen Provinz "Schleicher" genannten Engtanz aufgefordert wurde. Das geschah ohnehin selten, was wiederum umso größere Enttäuschung zur Folge hatte. Vielleicht konnte ich damals deshalb wenig mit Tanzmusik anfangen, und darum auch mit Madonna. Bis 1985 der Song "Into the Groove" herauskam, ausgerechnet eine Hymne auf den Dancefloor. Aber eben auch auf dem Soundtrack des Madonna-Films "Susan… verzweifelt gesucht", den ich im heute längst abgerissenen "Palette"-Kino sah und sehr liebte. Darin ist Madonna beim Tanzen und beim Kaugummikauen zu sehen, beides macht sie ganz hervorragend. Vor allem überwog bei mir aber ein Gefühl der Erleichterung, dass ich nur zuschauen durfte. Und nicht selbst linkisch, verloren und ungeschickt mit ihr auf die Tanzfläche musste. Oliver Kaever


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