Alterswerk. Das ist ein Begriff, der gemeinhin für mild gewordene Knurrhähne wie Van Morrison und Bob Dylan gilt und kürzlich erstmals für Udo Lindenberg benutzt wurde. Den kann man vielleicht auch schon auf Madonna anwenden - und das ist natürlich eine Provokation. Denn wie keine andere Künstlerin, Künstler schon gar nicht, reflektiert Madonna die Sehnsucht nach ewiger Jugend und der Macht, die Zeit anzuhalten. "When the lights go down / And there is no one left / I can go on and on and on", singt sie folgerichtig auf ihrem neuen Album im Song "Give it to Me".
Man muss sich dazu einen kleinen New Yorker Nachtclub vorstellen, an einem Wochentag morgens um vier, nur noch die zähesten Großstadtnomaden sind auf der Tanzfläche, und irgendwann tobt nur noch eine Gestalt auf dem abgewetzten Dancefloor herum, sehnig, muskulös, schwitzend, mit präzisen Moves, perfekter Choreografie. Einsam, aber spitze. Das Licht ist gedimmt und gnädig zu Falten und anderen Alterserscheinungen, aber wenn niemand anderes mehr tanzt, dann gibt es auch niemanden, mit dem man sie vergleichen kann: Madonna – getrieben, die Beste, die Einzige, the one and only zu sein: sexy und clever, Hure und Heilige, Fetisch und Mutter, Spielzeug und Trost.
"Hard Candy", der Titel ihres neuen, elften Albums, bringt diese widersprüchliche Persona, die Madonna inzwischen in der öffentlichen Wahrnehmung ist, ganz gut auf den Punkt: Der mit dem Ruch des Pädophilen-Slang behaftete Begriff meint ganz harmlos einen Lutscher, aber der ist eben nicht nur süß, sondern auch hart, man muss sich den Genuss erarbeiten, und mit Arbeit kennt sich Madonna aus: Ihre Karriere hat sie gestählt wie ihren Körper und ihr Privatleben. Und nun wird sie im August 50. Was kommt dann?
Vielleicht tatsächlich die große Milde, die neue Sanftheit. Obwohl: Hatten wir das nicht schon längst, als Madonna in den Neunzigern erst züchtig mit "Bedside Stories", dann staatstragend als "Evita" und letztlich esoterisch vom "Ray of Light" sang? Been there, done that, könnte sie sagen und den Kritikern erneut ein Schnippchen schlagen, man wird sehen. "Hard Candy" jedenfalls ist der Vorbote einer Zäsur, ein deutliches Aufbäumen und Bilanz ziehen der vergangenen Jahre, und dazu kehrt Madonna mit einem topmodernen Album zu ihren Anfängen zurück.
"Everybody get up and do your thing / Come on, take a chance / Get up and dance / Let the DJ shake you". Mit dieser Zeile fing damals, 1982, alles an, sie stammt aus "Everybody", dem ersten Song, den Madonna Louise Ciccone nach ihrer Flucht aus Bay City, Michigan und ihrer Entscheidung, die Welt zu erobern, aufnahm. Das war in New York, wo sie den bis dato eher erfolglosen DJ und Produzenten John "Jellybean" Benitez kennenlernte und mit ihm eine heiße Affäre begann. Zwei Jahre waren die beiden zusammen, das Ergebnis waren Hits wie "Lucky Star", "Borderline" und "Holiday", die Madonnas Weltkarriere initiierten. Der Sound, den Benitez seiner jungen Freundin auf den Leib schneiderte, speiste sich aus dem Zeitgeist der Stunde: Die letzten Ausläufer von Funk und Disco, gepaart mit dem puckernden Italo-Pop von hippen Produzenten wie Giorgio Moroder und den ersten Anklängen von harten HipHop-Beats.
Ausgerechnet diese Ursuppe aller modernen Dancefloor-Stilformen wird 2008 wieder sehr heiß gekocht. Untergrundige New Yorker Tanzprojekte wie Hercules and Love Affair oder The Ones berauschen sich und ein begeistertes Publikum ganz ungeniert dem vor kurzem noch uncoolen Achtziger-Gebräu, selbst Techno-Pionier Moby verfiel auf seinem jüngsten Album in Hi-NRG-Nostalgie. Und natürlich war es Madonna selbst, die den Ansporn zu dieser Entwicklung gab – 2005 mit einem ABBA-Sample und ihrem Disco-Album "Confessions on a Dancefloor".
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