Eigentlich sollte sie lächeln. Oder die Lippen schürzen und treuherzig schauen. Das tun die Sängerinnen der umschwärmten japanischen Popgruppe AKB48 meistens, wenn sie vor der Kamera stehen, jedes der Mädchen beherrscht das Flirten perfekt. Doch dieser Auftritt war anders: Minami Minegishi, 20 Jahre alt, saß in weißem Büßerhemd vor einer mausgrauen Wand, die Wangen tränenbedeckt, die Stirn in Falten, die Augen gesenkt. Von ihrem dichten, dunklen Haar waren nur noch Stoppel übrig. Keine Glitzersterne, Tanzkostüme, Seifenblasen. Minegishi hatte etwas zu beichten.
Ein Wochenmagazin hatte Minegishi dabei ertappt, wie sie Ende Januar die Wohnung eines jungen Mannes verließ. 19 soll er sein und Tänzer in einer Boygroup. Minegishi habe die Nacht bei ihm verbracht, berichtete das Magazin. Auf den Fotos versteckt die Sängerin ihr Gesicht unter Baseballmütze und Mundschutz.
Minegishi hatte offenbar mal wieder geflirtet, vielleicht mehr als das. Doch diesmal war es nicht vom Management orchestriert, es geschah heimlich, auf eigenen Wunsch. Die 20-Jährige verstieß damit gegen die Regeln von AKB48. Einige Stunden später kroch sie zu Kreuze.
Idole zum Anfassen
"Es tut mir so leid, dass ich solchen Kummer verursacht habe", sagte sie in ihrem Entschuldigungsvideo. Sie wollte eigentlich ein gutes Vorbild für die jüngeren Mädchen in der Band sein, aber sie habe unreif und gedankenlos gehandelt. Es sei ihr sehnlichster Wunsch, dennoch bei AKB48 bleiben zu dürfen. Doch sie lege ihr Schicksal in die Hände des Managements.
Die Band präsentiert Idole zum Anfassen. Viele Fans sind männlich, sie besuchen in Massen die regelmäßigen Events, bei denen die Sängerinnen ihren Verehrern die Hände schütteln. Die Stars kokettieren unschuldig aufreizend in knappen Röcken und engen Oberteilen mit den Sehnsüchten ihres Publikums, und das Ganze funktioniert so gut, weil zumindest die Hoffnung besteht, die Mädchen seien noch zu haben. Liebesbeziehungen sind unerwünscht, denn sie kratzen an diesem Image.
"Sogar ein angeklagter Verbrecher muss sich nicht den Kopf rasieren"
Dass sich Minegishi so theatralisch für ihr Vergehen entschuldigte, ist nicht ungewöhnlich. In Japan ist Selbsterniedrigung ein akzeptiertes Ritual, um Scham zu bekunden. Auch das Rasieren des Kopfes ist ein traditionelles Zeichen der Demut und Reue. Auf Japanisch gibt es sogar einen eigenen Ausdruck dafür: "Mönch werden".
Minegishi beteuert, dass es allein ihre Idee war, sich die Haare abzuschneiden, niemand habe sie dazu gedrängt. Das Management von AKB48 wollte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht dazu äußern. Dass in der Band solch ein medienwirksamer Akt allerdings ohne die Billigung des allmächtigen Produzenten geschieht, ist schwer vorstellbar.
Die Zeichen stehen auf Versöhnung
Dafür war der Auftritt zu perfekt inszeniert: Das weiße Hemd, der graue Hintergrund, die im Nacken und an den Ohren unsauber geschorenen Haare - das ist zu durchdacht, um wie die spontane Verzweiflungstat einer 20-Jährigen zu wirken.
Nun soll die Sängerin tätige Reue beweisen. Das Management hat das Entschuldigungsvideo von seiner Seite gelöscht - offiziell auf Wunsch vieler Fans. Minegishi wurde auf den Rang einer Nachwuchssängerin degradiert und hat jetzt Zeit, sich wieder hochzuarbeiten, bis ihr Haar nachgewachsen ist.
Sie hat gelobt, sich anzustrengen, angefeuert von unzähligen Fans. Im Internet postete sie ein Foto. Es zeigt eine strahlende Minegishi, die zwei Hände zu Peace-Zeichen erhoben hat, umringt von vier lächelnden Bandkolleginnen. Eine streichelt ihren stoppeligen Schädel.
Ob Minegishi den 19-jährigen Tänzer vermisst, mit dem sie sich heimlich traf, spielt bei alledem keine Rolle.
Mit Material von AP
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