Mädchenband t.A.T.u: Lolitasex und Lesbenmasche

Von Edgar Klüsener, Manchester

Das neueste Pop-Phänomen heißt t.A.T.u.: Zwei Mädchen aus Russland, die in ihrem Videoclip mit lesbischen Lolitaspielen Aufsehen erregen, erobern die Charts im Sturm. Dahinter steckt ein findiger Produzent, der sich mit Männerphantasien und Psychologie bestens auskennt.

Popduo t.A.T.u.: Lesbische Lolitas erobern die Charts

Popduo t.A.T.u.: Lesbische Lolitas erobern die Charts

Ivan Shapovalovs war einst im Hauptberuf Kinderpsychologe. Der Mann versteht also ein bisschen was vom Unterbewusstsein. Vor allem von dem, was unterbewusst bei seinen Geschlechtsgenossen so alles austreibt. Ein besonders gut entwickelter Trieb, so seine Erkenntnis, ist die lustvolle Phantasie um lesbische kleine Schulmädchen in küssender Umarmung. Zu dieser Einsicht gelangte Shapovalov zumindest beim intensiven Studium von Kinderporno-Seiten im Internet. Ein kleiner Pädophiler, so seine Erkenntnis, steckt eigentlich in fast jedem Mann. Diese Einsicht verwandelte er flugs in klingende Münze. Nun staunt die Welt: Shapovalov kassiert, russische Parlamentarier sind empört und redliche britische Retorten-Popstars sind sauer. Nun aber der Reihe nach...

Ivan Shapovalov ist der Produzent des russischen Mädchen-Duos t.A.T.u. Der Name an sich ist schon eindeutig. Tatu ist nicht etwa die russische Verbalhornung von Tattoo (Tätowierung), sondern steht übersetzt für "this girl loves that girl". "This girl" ist die 17-jährige Volkova Yulia Olegovna, hinter "that girl" verbirgt sich die 18-jährige Katina Elena Sergeevna. Im heimischen Russland sind die beiden seit längerem Superstars. Entdeckt wurden sie von Shapovalov, der bis dahin hauptsächlich als Produzent von TV-Werbefilmchen aufgefallen war. Er formte das Pärchen strikt nach seinen Vorstellungen. Der Masterplan verlangte möglichst jung wirkende Mädchen mit Lolita-Appeal und lesbischem Sex, genau das also, was gemäß Shapovalovs Internet-Recherche lüsterne alte Männer wünschen. Dazu ein peppiger Pop-Song mit zweideutig-eindeutigem Text und ein freches Video - nicht zu explizit, aber anzüglich genug -, fertig war die Mischung, die zunächst MTV-Russland, dann die russischen Charts im Sturm nahm und schließlich sogar für Aufregung im Parlament sorgte, weil etliche Parlamentarier die öffentliche Moral endgültig den Bach hinunter gehen sahen.

Umstrittene Kuss-Szene: 176 Plätze, von ganz unten auf Rang Eins

Umstrittene Kuss-Szene: 176 Plätze, von ganz unten auf Rang Eins

Shapvalov freilich dachte da längst schon über Russlands Grenzen hinaus. Er sicherte sich die Dienste des britischen Produzenten Trevor Horn, der in der Vergangenheit für etliche Hits von den Pet Shop Boys, Frankie Goes To Hollywood und den Simple Minds verantwortlich war, und nahm dann mit den beiden englischen Songs "Not Gonna Get Us" und "All the Things She Said" den Westen ins Visier. Der schien nur auf t.A.T.u. gewartet zu haben. Mit der ersten Single "All the Things She Said" hat das Duo die Hitlisten des Vereinigten Königreichs der Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren in Blitzkriegmanier erobert. Innerhalb einer Woche sprang der Somg um 176 Plätze von ganz unten auf Rang Eins der Charts.

Der Grund? Nicht etwa der - je nach Wohlwollen der Kritiker - eher mäßige bis grottenschlechte Song, sondern natürlich das perfekt kalkulierte Video, dessen Höhepunkt ein intensiver Kuss zwischen den beiden Mädels ist. Die Mischung macht's in Großbritannien: Exotische Herkunft, die bewusst inszenierte Jugendlichkeit der beiden Sängerinnen und der noch immer tabuisierte gleichgeschlechtliche Sex - ein garantierter Superhit. Das Nachsehen haben die ebenso sorgfältig geplanten, aber in aufwändigen TV-Serien fabrizierten Popstars aus eigener Produktion: Sowohl der "Fame Academy"-Gewinner (das britische Äquivalent zu DSDS) David Sneddon, als auch die "Pop Star Rivals"-Siegerinnen Girls Aloud fanden sich leicht angesäuert auf anderen als den schon sicher gebucht geglaubten ersten Plätzen wieder.

Shapvalov registriert den UK-Erfolg gelassen und nimmt derweil den US-Markt aufs Korn. Auch dort sorgt t.A.T.u. seit einigen Tagen für Furore. Die Mädchen können inzwischen übrigens gefahrlos eingestehen, dass sie in Wirklichkeit beide durch und durch heterosexuell sind, im heimischen Russland Boyfriends auf sie warten und dass sie die Regeln des Popstar-Spiels ebenso gut begreifen wie ihr cleverer Producer. In dessen Fußstapfen scheint Katina Elena Sergeevna sowieso treten zu wollen: Seit 2001 studiert sie nebenbei an der Universität Moskau Psychologie.

In Deutschland ist die erste Single von t.A.T.u. übrigens am 27. Januar erschienen, das vermeintliche Skandalvideo läuft bei MTV und Viva in hoher Rotation...

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback