Männergesangvereine Jede Stimme zählt

Einst waren sie Musterbeispiele freiheitlicher Gesinnung und kreativer Geselligkeit. Jetzt geht den Männergesangvereinen die Puste aus. Wie gut, dass das vergreisende Genre neue Impulse erhält: aus der schwulen Szene.


Berlin - "Zögernd leise in des Dunkels nächt'ger Stille" tönt es lautstark durch den Raum. Ordentlich in zwei Reihen sitzen Bässe, Tenöre und Bariton, stimmen aus vollem Halse Schuberts "Ständchen" an - jung und dynamisch, wie ein Männerchor eben sein sollte.

Doch etwas entspricht nicht ganz dem gängigen Bild: Mit abgespreiztem kleinem Finger dirigiert Holger Perschke die Sänger zum Crescendo. "Schweigend - schwellend" heißt es da - das Ensemble kichert amüsiert. "Männer-Minne", Berlins erster schwuler Männerchor, hat sich an klassischen Stücken von Schubert und Brahms versucht. Normalerweise bestimmen Musical-Stücke, Schlager und Chansons das Repertoire.

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Männergesangsvereine: Wenn die Puste ausgeht

Die "Männer-Minne" ist zwar seit Ende der achtziger Jahre offizielles Mitglied im Deutschen Sängerbund, bildet jedoch nicht nur aufgrund des Altersdurchschnitts von etwa 35 Jahren eine Ausnahme. Auf der Bühne erscheinen die Interpreten schon mal mit Federboa, ein ausgeflipptes Kostüm ersetzt nicht selten den Frack. Althergebrachte, nicht-schwule Männergesangvereine hingegen kämpfen gegen die Vergreisung. Sie stehen auf der "roten Liste" der Kulturvereine, Diagnose: vom Aussterben bedroht.

"Die Nachwuchsprobleme sind überall dieselben - Ost wie West", sagt Lothar Morgner vom Männerchor "Concordia" in Wettelrode, Kreis Sangerhausen, Sachsen-Anhalt. Junge Leute seien einfach nicht mehr zugänglich für "kulturelle Sachen". Morgner ärgert sich über die Nichtstuer: "Die gucken lieber zu Hause Fernsehen. Das ist einfacher." Johannes Klütsch, Leiter des Buchheimer Männergesangvereins bei Köln, hat seinen Männern deshalb die harte Wahrheit ins Gesicht gesagt: "Der Zug ist abgefahren. Ihr sterbt aus."

Stimmen für das Reich

Und das, obwohl sich die Männergesangvereine während der Gründerzeit vor Zulauf kaum retten konnten. Nach dem Motto "Sänger, Turner, Schützen, sind des Reiches Stützen" bildeten sie Anfang des 19. Jahrhunderts einen Eckpfeiler der bürgerlichen Freiheitsbewegung. "Mit ihrer liberalen, anti-klerikalen Einstellung machten sich die Gesangvereine damals stark für die Reichsgründung", erklärt Helmut Loos, Professor für Musikwissenschaft in Leipzig.

1848 hatten die Männergesangvereine einen gesellschaftlichen Auftrag: "Politische Inhalte wurden zum Schutz vor der Zensur als Kunst verkauft", sagt Loos. "Wer im Kulturleben was zu sagen hatte, wie zum Beispiel Komponist Viktor Keldorfer, kam aus den Männerchören." Und innerhalb der Arbeiterbewegung war Gesang ein beliebtes Mittel im Klassenkampf - keine Demo ohne Internationale.

Der Freiheitsgedanke kam durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten zu einem jähen Ende. "Der Deutsche Arbeitersängerbund löste sich am 25. Mai 1933, direkt nach Hitlers Machtübernahme, selbst auf, um einem Verbot zu entkommen", erläutert Friedhelm Brusniak, Musikprofessor an der Universität Würzburg.

"Die liberale Linie des Deutschen Sängerbundes wurde geköpft, das nationale Gedankengut verabsolutiert", sagt Loos. Die neue Ideologie schlug sich auch in den Liedtexten wieder, die in militärisch-zackigem Stil vorgetragen wurden. Bestes Beispiel: die Vertonung von Hitler-Zitaten im Stück "Ruf des Führers".

Früher tonangebend, heute belächelt

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs wurden "ganze Vereinsarchive vernichtet", berichtet Brusniak, und "per Flamme entnazifiziert". Dennoch nahmen die Chöre in Westdeutschland anschließend ihre "Arbeit" wieder auf, besangen aber jetzt Heimat und Freundschaft. Im Gegensatz dazu wurden die ostdeutschen Männergesangvereine aufgelöst; die Sänger fanden sich in den so genannten Werkschören der DDR wieder. "Dabei wurde das Liedgut sozialistisch umgemodelt", erklärt Loos.

Im Westen blieben die Männergesangvereine ein Teil des bürgerlichen Lebens. Obwohl von den Salon-Linken in den achtziger Jahren als "überkommen und rückständig" kritisiert, ließen sich die Sänger ihr Hobby nicht madig machen - und kämpften hartnäckig ums Überleben.

"Den Männerchören stirbt der Mittelstand weg", diagnostiziert Professor Loos, als ginge es um eine neue Volkskrankheit. Während es im vergangenen Jahrhundert gang und gäbe war, dass Selbstständige im kommunalen Männgergesangverein mitsangen, passt die traditionelle Vereinsmeierei kaum noch in die heutige Zeit. "Schnelllebigkeit, der Zwang zur Flexibilität und die Unbeständigkeit des Arbeitsplatzes machen es den Männern heute schwer, am Vereinsleben teilzunehmen", sagt Loos.

"Vielleicht ist das Bestehen eines Männerchors in dörflichen Gegenden noch leichter als in den Städten", vermutet Johannes Klütsch. Doch auch ihm schwimmen in Buchheim die Felle davon. Ohne einen einzigen Sänger unter 50 Jahren pendelt sich das Durchschnittsalter seiner Mitstreiter "irgendwo zwischen 65 und 75" ein.

Hilfe, Rod Stewart!

Der 48-jährige Chorleiter versuchte alles Mögliche, um sein Ensemble zu verjüngen. Doch auch die Neugründung einer "jungen Abteilung" und die Aufnahme von Rod-Stewart-Songs statt seebäriger Seemannslieder ins Repertoire brachten ihm nicht den erwünschten Erfolg. Dabei liege der soziale und kreative Nutzen der Chöre auf der Hand: "Singen fördert den Zusammenhalt und die Teamfähigkeit", betont Klütsch. Morgner pflichtet bei: "Hier steht einer für den anderen."

Mit einer Mischung aus Misstrauen und Neid beäugen die traditionellen Männergesangsvereine die bunten, schrillen Ableger ihrer Gattung: die schwulen Männerchöre. Vor mehr als zehn Jahren aus der Schwulenbewegung entstanden, gibt es heute fast in jeder Großstadt eine Truppe wie die Berliner "Männer-Minne".

"Dat find isch joot", kommentiert Johannes Klütsch mit rheinischem Akzent. Und auch die älteren Herren seines Vereins hätten die Leistung der schwulen Kollegen aus Köln beeindruckend gefunden. "Aber ob dass auch Zukunft hat, wage ich ernsthaft zu bezweifeln."



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