Abgehört - neue Musik Zart und hart zugleich

Jazz oder Hip-Hop? Makaya McCraven begeistert als Grenzgänger. Barbara Morgenstern besingt die Lebensmitte, Tamino seine arabischen Wurzeln, Steiner & Madlaina die Prokrastination.

Von und Tobi Müller


Makaya McCraven - "Universal Beings"
(International Anthem/H'Art, ab 26. Oktober)

Ungewöhnlich: Ein talentierter Jazzschlagzeuger, der nach getaner Arbeit an der Avantgarde abends Hip-Hop hört, zieht von der Ostküste nach Chicago, und nicht nach New York City. Chicago hinterlässt Spuren im Werk des 34-jährigen Drummers Makaya McCraven - zwischen Improvisation, Sampling und etwas Psychedelik. Man hört die Geister der windigen Metropole, die ihre afroamerikanischen Musikstile wie Blues, Disco, House und Jazz anders tradiert, schroffer und schmutziger. Zu großer Kunst wird diese Musik aber, weil sie Kanten nicht mit Kraftmeierei verwechselt. Hier ist alles zart und hart zugleich.

Man hört das noch besser, wenn McCraven die Stadt verlässt. Sein Doppelalbum "Universal Beings" besteht aus vier Reiseprotokollen. Der Schlagzeuger hat in New York, Chicago, London und Los Angeles in wechselnden Formationen Sessions gespielt, ging zurück ins Studio wie ein Hip-Hop-Produzent und schnipselte daraus Tracks. Es ist Jazz, es ist Hip-Hop. Und es ist cool: weil "Universal Beings" experimentell bleibt, obwohl die Musik keine Angst vor Grooves hat; weil die meisten Nummern entspannt ruckeln, aber weder hohe Intensität noch Dissonanz scheuen. In New York würde man sein Können stärker ausstellen, in Kalifornien mehr Spiritualität versprühen. Dieses Album ist ein anderer, ein translokaler Entwurf. Aufregend!

Die ersten sechs Nummern sind aus New York, eine Harfe weht vom Meer her, Vibraphone und Kontrabass erinnern an manches Hip-Hop-Sample aus der Blue-Note-Ära. Doch bei McCraven läuft wenig widerstandslos durch. Wenn man denkt, der Groove steht, bricht sogleich die Improvisation aus. In London, im dritten Viertel des Albums, hört man das Fender-Rhodes-Piano von Ashley Henry all over, dem immersiven Klang des Vibraphons ähnlich. Hier klingt das Album am meisten nach Hip-Hop. Die letzte Strecke legt das afro-atlantische Projekt in Los Angeles zurück, neben dem soulvollen Bass von Anna Butterss prägt der Gitarrist Jeff Parker das Bild, auch er aus Chicago, auch er umsichtig wie alle auf diesem Album.

Das zweite, wichtigste Viertel gehört Chicago und Musikern, die beim legendären Art Ensemble of Chicago mitspielen, ergänzt durch den afrobritischen Star Shabaka Hutchings am Tenorsax. "Atlantic Black", schon im Titel programmatisch, klöppelt nervös voran, McCraven schlägt mit der Länge des Stockes auf den Rand der Snare, spielt also leichte Rim-Shots, während Tenor und Cello einen verwirrenden Rhythmusteppich darüber werfen - Impro ist hier nicht individuelle Selbstverwirklichung, sondern soziale Hyperaufmerksamkeit. Und wenn man denkt, der Loop steht und das Tempo läuft am Limit, fängt die Band erst richtig an, Wind zu machen, als stünde sie in einem Wintersturm am Lake Michigan. Jetzt folgt eine Blende, und eine ruhige Beschwörung beendet den Track.

Die Methode ist so einfach wie undurchschaubar, weil McCraven die Arbeit am Computer zurück auf die Bühne holt: Sie improvisieren zu Samples die sie selbst gespielt haben. Es ist ein ewiger Kreislauf von Session zu Samples und wieder zurück, da kann man ruhig einmal vom universal sein sprechen. (9.0)

Tobi Müller

Tamino - "Amir"
(Communion Records/Caroline, ab 19. Oktober)

"Habibi" hören und heulen: Oft braucht es nur den einen, alles erschütternden, ganz und gar hinreißenden Song, um die Ankunft eines neuen Pop-Talents zu manifestieren. Jeff Buckleys "Hallelujah"-Cover, Antonys "Hope There's Someone" oder James Blakes "Retrograde" waren solche Songs. Und "Habibi", der Eröffnungssong von Taminos Debüt-Album "Amir", ist es auch: Ehrfurcht gebietend, berührend und schön.

Wie aus dem Nichts scheint der erst 21-Jährige Sänger und Songwriter aus Antwerpen zu kommen, dabei wurde ihm der spätere Ruhm fast schon in die Wiege gelegt: Sein Großvater ist der einst als "Sound des Nils" bezeichnete ägyptische Sänger Moharam Fouad, sein Vorname stammt natürlich aus Mozarts "Zauberflöte". Dass Tamino prädestiniert ist, westliche und arabische Musikwelten zusammenzuführen, ist ja klar. Die Essenz dieser Fusion findet sich im leidenschaftlichen Innuendo von "Habibi", ein Seufzen und Juchzen an die zugleich niederschmetternde und euphorisierende Kraft der Liebe, die Kulturen, Religionen und Ideologien transzendiert.

Andreas Borcholtes Playlist KW 42
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Makaya McCraven: Black Lion

 2 Barbara Morgenstern: Brainfuck

 3 Jens Friebe: Only Because You’re Jealous Doesn’t Mean You’re In Love

 4 Steiner & Madlaina: Wenn du mir glaubst

 5 Tamino: Tummy

 6 Emilie Zoé: 6 O’Clock

 7 St. Vincent: Slow Disco – Piano Version

 8 How To Dress Well: Vacant Boat (Shred) | Nonkilling 1 | The Anteroom | False Skull 1

 9 Alexandre Desplat: The Sisters Brothers

 10 Herbert Grönemeyer: Doppelherz/ Iki Gönlüm

Kann der Rest von "Amir" diesem Beben standhalten? Zum großen Teil ja. "Sun May Shine" erinnert an Vorbild James Blake, wenn Tamino seine eigentlich sonore Stimme ins Falsett kippen lässt. Wie Blake genoss auch der Belgier zunächst eine klassische Musik- und Gesangsausbildung, bevor er sich dem Pop zuwandte. Die Transition scheint so mühelos und natürlich zu gelingen, dass man gar nicht mehr groß staunt, wenn Tamino mit "Tummy" eine jener beseelten kleinen Pop-Hymnen bringt, die sonst von Bono oder Chris Martin geschrieben werden. Allerdings ohne das Pathos. "Chambers", melancholisch vernebelt und rhythmisch vertrackt, erinnert an Antwerpen-Kollegen wie dEUS, "Indigo Night" an den Erzählduktus von Leonard Cohen.

Gitarre, Piano, Keyboards, Bass und Oud, die arabische Laute, spielt Tamino selbst, den Rest der gefühlvollen Instrumentierung, die in manchen Momenten auch mal groß aufwallen kann, besorgt das belgisch-arabische Orchester Nagham Zikrayat, das aus geflüchteten Musikern aus Syrien und Irak besteht. Es ist, als hätte unsere Zeit nach einem kulturell verbindenden Künstler wie Tamino gerufen.

In den zart zwischen Orient-Akzenten und Indiepop balancierenden Balladen "So It Goes", "Each Time", "Persephone" und - klar - "Habibi" ist er dann ganz bei sich, losgelöst von allen Vorbildern und Referenzgrößen. Gebt ihm den Titelsong für den nächsten Bond-Film und nichts wird ihn mehr aufhalten. (7.8) Andreas Borcholte

Barbara Morgenstern - "Unschuld und Verwüstung"
(Staatsakt/Caroline, ab 19. Oktober)

"Glaubst du nicht auch, dass noch was fehlt? Siehst du dir selbst von außen zu?" Barbara Morgenstern, 1971 geboren, hat ein Coming-of-Age-Album geschrieben, aber eben keins für die Adoleszenten, sondern für Endvierziger auf der Lebensschwelle zwischen "Teil 1 oder Teil 2", wie der Song zu den zitierten Zeilen heißt. Entsprechend platzt und strotzt es nicht gerade vor Lebensfreude, sondern sucht in der beginnenden Depression nach dem "Weiter im Trotzdem", wie Staatsakt-Labelchef Maurice Summen über das erste Morgenstern-Album in seinem Portfolio schreibt.

Die Musikerin aus Hagen, über den Umweg Hamburg in Berlin gelandet, ist eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Pop-Betrieb: Sie ist intellektuell und soulful zugleich, ihr Sound ist oft so ätherisch und lieblich anschmiegsam wie ihr heller Gesang, verhandelt aber in Text und Gestik die ganz harten Themen. "Unschuld und Verwüstung" ist ihr zehntes Album, vielleicht ihr bestes. Denn das Private, das hier in einer Art Halbzeitbilanz zwischen Selbstzweifel und -Ermutigung reflektiert wird, spiegelt sich immer wieder ins Politische unserer zur Selbstoptimierung verdammten Gegenwart.

Zum Beispiel in "Karriereleiter", dem Song für die im turbokapitalistischen Alltag ergrauten: "Dann sagst du mir: Die Mühe lohnt nicht, denn jetzt kommt eh nicht mehr viel/ ein bisschen mehr Karriereleiter/ Zurück bleibt nur ein schales Gefühl". Selbst wenn Du es schaffst, dich aufs Land zu retten, zum "mal Durchatmen", dem kleinen Gefühl der Freiheit für den modernen Büro-Proletarier im shared workspace der Ich-AGs, entlarvt sie die neoliberale Individualismus-Propaganda als Lüge: "Das Land liegt groß und weit vor dir", doch "was du tust, was du willst, liegt nicht ganz allein bei dir"

"Die young, dafür ist es zu spät", konstatiert sie sanft in "Live fast, die young!" den Abschied vom eigenen Rock'n'Roll-Spirit: "30 Jahre noch, komm, wir gucken was geht." Das Piano flattert oder donnert dazu fatalistisch, Holzbläser künden warm wehend vom Herbst. Aber das Schöne an diesem Album: Morgenstern, die uns auf dem Cover durchaus trotzig ins Auge sieht, will noch nicht ins Requiem einstimmen, auch wenn sie die "Verwüstung" in "Michael Stipe" mit dem Apokalypse-Mantra "It's the end of the world as we know it" beginnt und in die weiß rauschende Ewigkeit ausdröhnen lässt. Stipe aber, ein wiederkehrender Gast auf Morgenstern-Konzerten, sang damals dann auch: "… and I feel fine".

"Gar nichts ist hier aus und vorbei", meint dann auch Morgenstern. Wider den "Brainfuck", wider das schnöde "Leben in Serie", das im Titelsong beschrieben wird, haucht sie vehement: "Flieg los, nimm' mit, was kommt". Ob sie damit nicht letztlich in die Falle der Silicon-Valley-Selbstverwirklichungslüge "Stay hungry, stay foolish" tappt, darüber muss man nachdenken. Einen Ausweg aus den Zwängen der Verhältnisse bietet "Unschuld und Verwüstung" kurz vor der großen Fünf-Null nicht, aber dafür großen Trost. Was kommt da noch? "Das Versinken in der Tiefe raunt dir die Antwort zu", sagt die Folk-Weise Morgenstern. Ommmmmmm… (8.7) Andreas Borcholte

Steiner & Madlaina - "Cheers"
(Gitterhouse/Indigo, ab 19. Oktober)

"Wer soll sich als erstes trauen/Vertrautes mit der Faust zerhauen?", singen Steiner & Madlaina in ihrem großartig lethargischen Song "Das schöne Leben": Bis sich diese Prokrastination löst, "trink ich auf das schöne Leben, das wir niemals haben werden" Und weil wir das schon lange wissen, "bleiben wir für immer sitzen". In die Musik, die gemächlich vor sich hin schunkelt, perlt dann sehnsüchtig eine Mandoline oder Bouzouki hinein: Der Song für alle, die sich am vergangenen Sonnabend nicht zur #unteilbar-Demo aufraffen konnten und stattdessen verkatert im Kaffeehaus saßen oder shoppen waren.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Natürlich prangern die beiden jungen Musikerinnen Nora Steiner und Madlaina Pollina auf ihrem Debüt-Album diese Haltung an, die Konsum- und Gleichmuts-Paralyse in wohlhabenden Ländern wie Deutschland oder ihrer Heimat, der Schweiz. Aber sie haben auch Verständnis und kennen den Sog, sich einfach nicht bewegen zu wollen oder zu können. So wie die beiden amourös Verkrachten in ihrem Song "Wenn du mir glaubst", die wissen, dass sie sich vertrauen müssen, aber so lange darüber verzagen, bis die Chance auf Zweisamkeit am Ende weg ist. Traurig, aber Handclaps, wärmende Orgel und ein mitreißender Refrain bringen die Lakonie zum Schwingen.

Das erinnert nicht ohne Grund an die herrlich mies gelaunten, aber immer restromantischen Hymnen von Faber, denn Madlaina ist seine Schwester und hat offenbar dasselbe Talent für griffige Melodien und tragikomischen Folk mit Balkan-Blues, hier allerdings vor allem von Sixties-Pop und Beat inspiriert, daher auch die allerorten zu lesenden Vergleiche mit First Aid Kit.

Die auf Englisch gesungenen Lieder (etwa die Hälfte) sind schwächer als die deutschsprachigen - und "Herz voraus id wand" vielleicht etwas zu schwyzerisch. Aber Steiner & Madlaina zeigen hier nach zwei noch rumpeligeren EPs, dass sie ihren klug beobachteten Alltags-Miseren in stürmische Süffisanz gießen können ("Prost Hawaii", "Das schöne Leben"), aber auch im Chanson-Pathos ohne Peinlichkeit navigieren ("Groß geträumt"). Man kommt gerne auf ein Glas vorbei. Oder zwei. (7.5) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
sekundo 16.10.2018
1. "Gibt es Neues von Andreas Borcholte",
fragten meine Musiker-Kollegen. Ja, es gibt Neuigkeiten! Wenn wir mehr "Orient-Akzente" einfliessen lassen, bei uns bleiben und losgelöst von allen Vorbildern und Referenzgrössen musizieren, sorgt er dafür, dass wir den nächsten Bond- Titelsong einspielen werden und uns anschliessend nichts mehr aufhält! One, two, three, four.
klogschieter 17.10.2018
2. Zart und hart
Gestern hat die SPEX, für die man die Großbuchstaben gar nicht groß genug schreiben kann, insbesondere wenn man am darauffolgenden Tag hier lesen muss, eine Musik sei "zart und hart", es einen Tag genannt. Man konnte dieser Zeitschrift über die Jahre immer wieder mal alles Mögliche vorwerfen, aber so gut wie nie, sie habe sich in substanzfreies Geplapper verloren.
sekundo 17.10.2018
3. Eine englische
Zitat von klogschieterGestern hat die SPEX, für die man die Großbuchstaben gar nicht groß genug schreiben kann, insbesondere wenn man am darauffolgenden Tag hier lesen muss, eine Musik sei "zart und hart", es einen Tag genannt. Man konnte dieser Zeitschrift über die Jahre immer wieder mal alles Mögliche vorwerfen, aber so gut wie nie, sie habe sich in substanzfreies Geplapper verloren.
Redewendung in's Deutsche zu pressen, macht keinerlei Sinn. "Call it a Day" bedeutet nicht das Ende einer Zeitschrift sondern "Schluss für heute"!
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