Pop! Unser Mann in Rio

Von Christoph Dallach

Marcos Valle: Unkonventionelles aus Brasilien Fotos
Corbis

Die Songs des Brasilianers Marcos Valle wurden von Jay-Z und Dr. Dre gesampelt und von Sinatra und den Simpsons gesungen. Nun erscheinen seine vier besten Alben neu.

Auf dem Cover seines gleichnamigen Albums liegt Marcos Valle im Bett; mit nacktem Oberkörper schaut der Brasilianer etwas gelangweilt drein, auf dem Nachttisch ein Telefon und etwas zu trinken, auf dem Boden eine Zeitung und Hausschuhe.

Plattenhüllen verraten eine Menge über Künstler und ihre Musik. So ist es keine Überraschung, dass die Musik dieser Platte keine gewöhnliche ist. Auch die Außenhüllen der drei folgenden Alben, die Marcos Valle zu Beginn der siebziger Jahre veröffentlichte, unterstreichen seine sanfte Exzentrik: Mal ist sein Kopf auf einen Raubvogel montiert ("Garra"), dann ist Valle als Comic-Figur illustriert ("Ventu Sul") oder nackt und bärtig unter Wasser abgelichtet ("Previsao Do Tempo").

Und so unkonventionell wie die Cover sind auch die Lieder. Virtuos kombinierte Marcos Valle Elemente von Bossa, Psychedelic, Pop, Jazz und Easy Listening zu unerhört aufregenden Melodien, die sich jeder Kategorisierung entziehen. Diese, wenn man so will, futuristische Weltmusik, galt ewig als Geheimtipp und wurde von Jay-Z, Dr. Dre und DJ Shadow gesampelt. Nun sind Marcos Valles beste vier Alben, die als brasilianische Originale so teuer sind wie Flachbildfernseher, in restaurierter und erweiterter Fassung wieder zu haben.

Prügelei mit Marlon Brando

Als die Platten entstanden, war Valle noch keine 30 Jahre alt, aber schon lange erfolgreich. Denn auch wenn sein Name nur versierte Liebhaber brasilianischer Musik aufhorchen lässt, sind einige seiner Melodien seit den sechziger Jahren einem Millionenpublikum bekannt. Der am Strand der Copacabana aufgewachsene Sohn eines Arztes fiel Anfang der sechziger Jahre den älteren Bossa-Nova-Meistern Antonio Carlos Jobim und Joao Gilberto schnell als Talent auf.

Dem jungen, strohblonden Strandfußballer und Surfer schienen sonnige Melodien nur so zuzufliegen, sein großer Bruder Paulo Sergio Valle schmückte sie dann mit Texten. Mitte der Sechziger reiste Marcos Valle im Gefolge von Sergio Mendes in die damals Bossa-Nova-verrückten USA, im Gepäck seine Hits "The Crickets Sing For Annamaria", "Batucada" und besonders "So Nice (Summer Samba)". Letzteres Lied, in Brasilien als "Samba de Verao" bekannt, wurde zum Welthit, war in den Sechzigern in bis zu drei verschiedenen Versionen in den US-Charts und ist nach "Girl From Ipanema" das am Häufigsten gecoverte Bossa-Nova-Stück überhaupt. Mehr als 180 Versionen sind bekannt, unter anderem von Frank Sinatra, Spice Girl Emma Bunton und den Simpsons. Einige Jahre pendelte Valle zwischen den USA und Brasilien. Er war Stammgast in der TV Show von Andy Williams, verprügelte auf einer Hollywood-Party Marlon Brando (der zu auffällig mit Valles Freundin flirtete) und nahm in Los Angeles Alben auf.

Samba für die Sesamstraße

Als der große Zauber des Bossa Nova am Ende des Jahrzehnts verflogen war, kehrte Valle nach Brasilien zurück und begann sich musikalisch neu zu orientieren und zu experimentieren: "Ich hatte immer die Freiheit. Immer. Immer. Das war damals das Wichtigste, das geht mir heute auf, wenn ich diese Musik wieder höre." wird er in einem der neuen CD-Booklets zitiert. Die verspielten Alben, die damals dabei herauskamen, waren kommerziell keine Renner - was Valle, der längst finanziell unabhängig war, vermutlich nicht weiter scherte.

Neben seinen regulären Alben lieferte Valle damals Soundtracks für zahlreiche brasilianische Telenovelas, Musik für einen Kinofilm über den Rennfahrer Fittipaldi und ein Album mit Liedern für die Sesamstraße. Mitte der siebziger Jahre, frustriert von den Arbeitsbedingungen unter der brasilianischen Militärdiktatur, verlor er die Lust an der Musik und tauchte im selbstgewählten Exil in den USA unter.

Seit den achtziger Jahren ist er wieder in Rio aktiv. Regelmäßig meldet sich der heute 69-jährige Valle mit interessanten Alben zurück und tritt sporadisch auch in Europa auf. Dass ihm die aufregendsten Platten seiner langen Karriere vor gut vier Jahrzehnten gelangen, weiß er auch, und es stört ihn nicht. Im Booklet einer der neu aufgelegten CDs verkündet er: "Ich war niemand, der sich wiederholen mochte. Ich musste immer weiter. Dafür, dass man mich damals machen ließ, bin ich dankbar."

CDs von Marcos Valle: "Marcos Valle", Cargo Records, 20,99 Euro (bei Amazon erhältlich); "Garre", Cargo Records, 17,99 Euro (hier bestellen); Vento Soul, Cargo Records, 16,99 Euro (hier bestellen); "Previsao Do Tempo", Cargo Records, 16,99 Euro (hier bestellen)

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1.
aguirre67 01.02.2013
Im Großen und Ganzen sehr gelungener Artikel über einen weithin unterschätzten Musiker. Kleine Anmerkungen: Die genannten vier 70er Alben sind wirklich klasse, aber dennoch nicht Valles beste Werke. Das Album, das ihm zurecht die große Popularität außerhalb Brasiliens bescherte, heißt "samba'68" und enthält teils englischsprachige Versionen seiner größten Hits. "Garra" (nicht "Garre"), "Vento Sul" (nicht Ventu Sol oder Vento Soul), "Previsao do tempo" und das einfach Marcos Valle betitelte Album stehen für seine Post-Bossa-Phase, in der er sich mehr mit Marvin Gaye als Tom Jobim befasste.
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