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"Rock am Ring"-Veranstalter Lieberberg: "Die Forderungen waren zu rabiat"

Marek Lieberberg und "Rock am Ring": Ade Nürburgring! Hallo Gladbach? Fotos
DPA

Dann eben nicht! Konzertveranstalter Marek Lieberberg hat sich damit abgefunden, dass sein "Rock am Ring" dieses Jahr das letzte Mal am Nürburgring über die Bühne geht. Dennoch: Er glaubt an eine Zukunft des populären Festivals. In Mönchengladbach.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lieberberg, die Deutsche Entertainment AG (Deag) aus Berlin soll neuer Musikpartner des Nürburgrings werden. Wussten Sie das?

Lieberberg: Ja. Die Verhandlungen mit Capricorn, den neuen Herren am Nürburgring, ziehen sich seit Januar hin. Es ist keineswegs so, wie behauptet wurde, dass man uns aus EU-Vorgaben gekündigt hätte. Sondern man hat gekündigt - und ein neues Vertragsangebot unterbreitet und die Forderungen darin um 25 Prozent erhöht. Außerdem wurde eine Partnerschaft auf Augenhöhe verlangt. Das muss man sich mal vorstellen: Wir hätten die Bands durch eine Art Zensur bekommen müssen, bevor wir das Programm zusammenstellen! Menschen, die noch nie ein Festival gemacht haben, die keinerlei Know-How auf dem Gebiet haben, wollten uns in unser Kerngeschäft reinreden. So dreist war bisher kein Geschäftsführer oder Betreiber! Insbesondere wenn man bedenkt, was "Rock am Ring" Jahr für Jahr gebracht hat - das war ja die profitabelste Veranstaltung am Nürburgring überhaupt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Vermutung, warum die neuen Betreiber inhaltlich Einfluss nehmen wollten?

Lieberberg: Nein, zumal die Partnerschaft bisher sehr gut lief - unabhängig von den Wirrnissen am Nürburgring, an denen wir nicht beteiligt waren und die wir auch nicht kommentiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Ging es beim Wechsel des Veranstalters nicht einfach um Geld, sprich: um den größeren Gewinnanteil?

Lieberberg: Selbstverständlich! Wir haben mit gewisser Bitternis registriert, dass hinter unserem Rücken verhandelt wird. Wir wussten dann auch, mit wem wir es zu tun haben. Aber wir haben uns nicht einschüchtern lassen. Zur Güte haben wir vorgeschlagen, das Jubiläumsjahr 2015 noch mal am Ring auszurichten - abgelehnt. Am Freitagmorgen habe ich Nürburgring-Geschäftsführer Carsten Schumacher davon in Kenntnis gesetzt, dass ich es nun als meine Aufgabe ansehe, die Öffentlichkeit zu informieren, dass "Rock am Ring" nicht mehr am Nürburgring stattfinden wird.

SPIEGEL ONLINE: Die Deag veranstaltet viele große Tourneen, ist im Klassikbereich gut aufgestellt, im Festivalmarkt aber bisher kaum in Erscheinung getreten. Erwächst Ihnen da neue Konkurrenz?

Lieberberg: Ich weiß nicht, wie groß oder wie klein die Deag ist. Aber wenn Sie sich ihre Entwicklung seit dem Börsengang ansehen, wäre ein ambivalenter Kommentar nicht unangebracht. Von einer wirklichen Erfolgsgeschichte zu sprechen, wäre übertrieben.

SPIEGEL ONLINE: Allerdings hat die Deag vor wenigen Wochen erst die britische Agentur Kilimanjaro übernommen.

Lieberberg: Ja, sie hoffen, mit Kilimanjaro-Gründer Stuart Galbraith ihr Glück zu machen. Meiner Auffassung nach wird man versuchen, sein vor Jahren am Hockenheimring von mäßiger Zuschauerresonanz begleitetes Heavy-Metal-Open-Air Sonisphere zu reanimieren. Vielleicht bricht ja in Wacken ob dieser potenziellen Kamikazeaktion eine Panikwelle aus. Wir sehen das entspannt.

SPIEGEL ONLINE: Also droht womöglich ein kleiner Krieg der Festivals mit hartem Rock und Metal. Ist "Rock am Ring" jetzt tot?

Lieberberg: "Rock am Ring" ist eine Vision, die ich vor 30 Jahren hatte. Eine Idee, die ich verwirklicht habe - auf dem Nürburgring und ohne Hilfestellung Dritter. Wir haben die Marke erfunden, wir haben ihr zu einem Kultcharakter verholfen, und die Marke bleibt bestehen. Sie ist überhaupt nicht an den Nürburgring gebunden.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie den Nürburgring vermissen?

Lieberberg: Der Nürburgring ist eine sehr schwierige Veranstaltungsstätte - ein enger Schlauch. Das hat uns mehr als einmal Herzrasen verursacht. Die Füllung des Innenraums ist kompliziert, die Wege sind lang für das Publikum. Wir sind damals zum Nürburgring gegangen, weil Open-Air-Festivals in Deutschland verpönt waren, insbesondere mehrtägige. Der erste Geschäftsführer des neuen Motodroms, das nichts mit der legendären Nordschleife zu tun hatte, Rainer Mertel, hatte erkannt, dass es auf dieser Strecke schwierig wird, Deckungsbeiträge zu erzielen. Deshalb war er bereit, mit uns über ein Festival zu reden. Mir ist da ein Gelände wie beispielsweise das Zeppelinfeld in Nürnberg um ein Vielfaches lieber.

SPIEGEL ONLINE: Empfinden Sie trotzdem Wehmut?

Lieberberg: Ja, natürlich ist es traurig, wie kaltblütig hier mit einem Kultfestival umgegangen wird. Aber ich habe keine Zeit, mich nostalgisch zu grämen. Wir haben gute Voraussetzungen, gemeinsam mit herausragenden Bands und fantastischen Fans an neuer Wirkungsstätte in eine bessere Zukunft zu blicken.

SPIEGEL ONLINE: "Rock im Park" wird also bleiben?

Lieberberg: Ja, in Nürnberg gibt es einen Oberbürgermeister, der sich nachhaltig eingesetzt hat für das Festival und der den Wert für seine Stadt erkennt. Also: "Rock im Park" bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Auch an Pfingsten?

Lieberberg: Wie immer, am ersten Juni-Wochenende.

SPIEGEL ONLINE: Und wird es auch künftig ein Zwillingsfestival dazu geben?

Lieberberg: Wir haben im Moment sechs verschiedene Optionen. Bis Ende Juni, Mitte Juli sollten wir eine Richtungsentscheidung haben, wie und wo es mit "Rock am Ring" weitergeht.

SPIEGEL ONLINE: Zu "Rock am Ring" gehört ja wohl auch ein Ring.

Lieberberg: Nicht zwangsläufig! "Rock am Ring" ist nur das Qualitätssiegel für ein herausragendes Multi-Genre-Festival, für künstlerische Qualität auf höchstem Niveau. Das sahen wir durch die rabiaten Forderungen gefährdet.

SPIEGEL ONLINE: Der Nürburgring liegt im weiteren Einzugsgebiet von Köln, Nürnberg im Südosten - liegt die Zukunft von "Rock am Ring" weiterhin im Westen des Landes?

Lieberberg: Nürnberg ist und bleibt das Festival für den Süden, "Rock am Ring" darf nicht näher an Nürnberg heranrücken. Insofern: Ja. Zu den möglichen Schauplätzen gehört Mönchengladbach. Dort wurde ein parteiübergreifender Stadtratsbeschluss gefasst, dass man ein solches Festival begrüßen würde. Es gibt bereits eine Facebook-Gruppe mit fast 13.000 Unterstützern dafür, der Westen lechzt danach. Doch wir wollen keinen Druck ausüben, sondern warten ab, wie der politische Prozess weitergeht. Es gibt noch weitere Optionen: Ein Motodrom, ein Messegelände in der Nähe des jetzigen Schauplatzes in Rheinland-Pfalz, einen Ort in Niedersachsen - obwohl wir nicht in die Nähe anderer Festivals ziehen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Der "Tagesspiegel" spekulierte, dass möglicherweise der Lausitzring in Brandenburg "Rock am Ring" beherbergen könnte.

Lieberberg: Eine hervorragende Rennstrecke, aber das würde die Achse nach Osten kippen, Richtung Polen. Wir wollen dort veranstalten, wo das Herz der Bevölkerung schlägt. Es ist ja kein Geheimnis: NRW hat 18 Millionen Menschen.

Das Interview führte Felix Bayer

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1. Das haben die Herren Scharping und Beck...
Ex-Kölner 02.06.2014
...wirklich grandios eingefädelt (http://www.youtube.com/watch?v=BZbjx4IBPsM) - erst eine halbe Millarde Euro Steuergelder am Ring für nix und wieder nix versenkt mit der Folge, daß jetzt das Tafelsilber an eine Heuschrecke vertickt wurde und die Region, die nun wirklich strukturschwach ist, vom Nürburgring zukünftig gar nichts mehr hat. Wenn die aktuellen Eigentümer (Ich wette darauf: Die bleiben es nicht lange!) für Rennveranstaltungen ähnlich überzogene Preisvorstellungen haben, sind die demnächst dann auch in Hockenheim oder am Lausitzring. Großes Kino zweier Provinzheinis...
2. Pinkpop???
Aaron De Winter 02.06.2014
Zitat Lieberberg: "...obwohl wir nicht in die Nähe anderer Festivals ziehen wollen." Pinkpop findet ungefähr 40 km Luftlinie entfernt statt. Fast die gleichen Bands wie bie RaR, ungefähr die gleiche Zeit, ungefähr 70.000 Zuschauer. Rockfans interessieren keine Staatsgrenzen!
3. Pinkpop???
Aaron De Winter 02.06.2014
Zitat Lieberberg: "...obwohl wir nicht in die Nähe anderer Festivals ziehen wollen." Pinkpop findet ungefähr 40 km Luftlinie entfernt statt. Fast die gleichen Bands wie bie RaR, ungefähr die gleiche Zeit, ungefähr 70.000 Zuschauer. Rockfans interessieren keine Staatsgrenzen!
4. Diese Investoren...
bay72 02.06.2014
Bin froh, dass sich Herr Lieberberg nicht auf diesen 25%-Deal eingelassen hat. Die neuen "Herren des Rings" haben nur eines im Sinn: Profit! Gewinnmaximierung, ohne Sinn und Verstand. Hier zählt das schnelle Geld. Tradition oder ein Bezug zur Umgebung interessieren hier nicht. Ich kann nicht soviel essen wie ich k... möchte!
5. Wie naiv?
spon-facebook-1338657918 02.06.2014
Es ist schade das der Nürburgring nicht mehr zur Verfügung steht. Aber Marek Lieberberg ist auch ein Geschäftsmann und mit Sicherheit nicht Kulturförderer wenn es kein Geschäft für ihn wäre. Da wirkt einiges verklärt in der Selbstdarstellung. Lieberberg ist auch knallhart, sonst wäre er in der Haifischbranche nicht so weit gekommen. "There is no business like Showbusiness"..
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