Konzertveranstalter Lieberberg über Naidoo "Er sieht die Welt mit seinen Augen und seinem Glauben"

Erst hält Marek Lieberberg zu Xavier Naidoo, dann soll sich der Konzertveranstalter distanziert haben. Stimmt nicht, sagt Lieberberg. Er hinterfrage die Dinge nur kritisch.

Ein Interview von

Veranstalter Lieberberg, Sänger Naidoo: "Xavier und ich finden da zu keinem Konsens."
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Veranstalter Lieberberg, Sänger Naidoo: "Xavier und ich finden da zu keinem Konsens."


Im November gab der NDR bekannt, dass Xavier Naidoo Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten soll - nach öffentlicher Kritik zog der Sender die Entscheidung zurück. Der Konzertveranstalter Marek Lieberberg schaltete daraufhin in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" eine Anzeige, in der er sich gemeinsam mit vielen Prominenten mit Naidoo solidarisierte. Am Freitag veröffentlichte Naidoo in Kooperation mit dem umstrittenen Publizisten Jürgen Todenhöfer den Song "Nie mehr Krieg" - in dem Lied singt er unter anderem die Zeile: "Muslime tragen den neuen Judenstern". Daraufhin distanzierte sich Lieberberg laut "Süddeutscher Zeitung" von Naidoo. Oder etwa doch nicht?

SPIEGEL ONLINE: Herr Lieberberg, am Wochenende meldete die "Süddeutsche Zeitung", Sie würden sich nach Xavier Naidoos umstrittenem Song "Nie mehr Krieg" nun doch von ihm distanzieren. Am Dienstag stand dann im "Musikexpress", Sie würden sich nicht distanzieren. Was stimmt?

Lieberberg: Ich distanziere mich überhaupt nicht von Xavier Naidoo. Das habe ich auch nie in irgendeiner Form geäußert. Er ist mein Künstler, mit dem ich seit mehr als zwanzig Jahren sehr vertrauensvoll und freundschaftlich kooperiere. Den ich nach wie vor sehr schätze, mit dem ich gerne weiter zusammenarbeite. Es wurden Dinge völlig aus dem Zusammenhang gerissen und in einen neuen Kontext gestellt. Und meine klaren Antworten falsch interpretiert.

SPIEGEL ONLINE: Die "Süddeutsche Zeitung" zitierte Sie mit der Aussage, "es provoziere selbstkritische Fragen nach dem eigenen Engagement, wenn man schon wenig später mit ebenso fragwürdigen wie unzutreffenden und überflüssigen Vergleichen konfrontiert wird". Das klingt wie eine Distanzierung von Naidoo.

Lieberberg: Ich erlaube mir auch, Dinge kritisch zu hinterfragen. Es gibt den berühmten Satz: "Ich schulde meinen Freunden Kritik". Ich nehme mir als Freund das Recht heraus, in gewissen Punkten nicht mit ihm übereinzustimmen. Das halte ich für berechtigt.

SPIEGEL ONLINE: Das ist für Sie aber keine Distanzierung?

Lieberberg: Nein. Ich habe mich nie distanziert. Ich habe meine Sicht der Dinge verdeutlicht. Das ändert aber nichts an meiner Freundschaft und der großen Freude, mit ihm zusammen zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fragen haben Sie sich denn konkret gestellt nach "Nie mehr Krieg" ?

Lieberberg: Ich habe mich an gewissen Textstellen gerieben. "Muslime tragen den neuen Judenstern", diese Aussage hat mich irritiert. Weil Xavier eine nach meiner Auffassung falsche Parallele zog, und dann auch noch in einem Boot mit dem IS-Propagandisten Todenhöfer. Das ist für mich Bad Company. Auf mich wirkte der Vergleich geschichtsverfälschend. Nicht nur, was die Vergangenheit angeht, sondern auch die Gegenwart. Aber ich halte es nicht für eine antisemitische Textstelle, es ist keine antisemitische Äußerung. Täglich gehen meine Enkelkinder in einen jüdischen Kindergarten in Frankfurt, der schwerstbewacht wird. Meines Wissens gibt es keine einzige Moschee, die bewacht werden muss, im Gegensatz zu den Synagogen, die ich an den Feiertagen nur unter Polizeischutz betreten kann. Das war es, was mich betroffen machte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nach "Nie mehr Krieg" Rückmeldungen von den anderen Künstlern bekommen, die in der Anzeige auftauchten?

Lieberberg: Nicht eine einzige negative Reaktion habe ich erhalten. Ob sich andere Teilnehmer ähnliche Fragen stellen, bleibt ihnen überlassen. Wissen Sie, ich habe zu einem menschlichen Zeichen für Xavier aufgerufen, weil bei der Hetze und Polemik, die im Raum steht, das Menschliche leider in den Hintergrund tritt. Aber das verstehen die meisten Kritiker nicht. SPIEGEL ONLINE hat eine fragwürdige Diskussion angestoßen, weil nahegelegt wurde, dass es sich um eine Marketingmaßnahme handelte.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit vielen der Künstler, die unterschrieben haben, geschäftlich verbunden.

Lieberberg: Es sind in Wahrheit nur einige wenige! Ich habe keineswegs aus geschäftlichen Motiven gehandelt, sondern Menschen gesucht, die Xavier Naidoo freundschaftlich verbunden sind, die ihn besser kennen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit Xavier Naidoo auch persönlich über den Song gesprochen?

Lieberberg: Ja. Wir haben in aller Ruhe und Freundschaft darüber diskutiert. Er hat meine Meinung zur Kenntnis genommen. Aber er sieht die Welt mit seinen Augen und seinem Glauben. Und er verspürt eine Verpflichtung, seine Wahrnehmung zum Ausdruck zu bringen. Er hat sich auf ermordete Muslime bezogen, seine Ansicht begründet er mit Forderungen des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, der ja jüngst eine Kennzeichnung von Muslimen gefordert hat. Xavier und ich finden in diesem Punkt möglicherweise zu keinem Konsens. Aber es ändert nichts an meiner Gewissheit, dass Xavier weder homophob noch anti-jüdisch oder antisemitisch ist. Ja, es gibt einige wenige ambivalente Textstellen, z.B. als Xavier Naidoo in "Raus aus dem Reichstag" sang, dass "Baron Totschild" den Ton angibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie fanden diese Stelle lediglich ambivalent?

Lieberberg: Überflüssig, und keineswegs humorvoll. Dennoch, ich habe mich nicht beleidigt gefühlt. Das sind Empfindlichkeiten, die werden in den Medien überproportional dargestellt. Aber wie bereits gesagt, ich sehe darin keine anti-jüdische Äußerung. Auch Xavier Naidoo muss das Recht auf künstlerische Freiheit zugestanden werden. Wenn ich all meine Künstler einer Textzensur unterziehen würde, müsste ich mich von vielen trennen.

SPIEGEL ONLINE: Von wem denn zum Beispiel?

Lieberberg: Ich will das jetzt nicht ausführen. Aber denken Sie einfach mal an den Metal- und Hardrockbereich. Ich bin sicher, selbst bei den Beatles gibt es Stellen, die grenzwertig sind.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie die Anzeige auch nach dem Song wieder schalten?

Lieberberg: An meiner Solidarität mit Xavier hat sich nichts geändert. Ich würde ihn bitten, gewisse Zeilen zu überdenken.

SPIEGEL ONLINE: Also würden Sie die Anzeige wieder schalten?

Lieberberg: Es ging zu dem Zeitpunkt primär um die Diskussion über den ESC und darum, wie Xavier hier behandelt wurde. Darum, was in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, wie auf ihm herumgehackt wurde. Da sah ich die Notwendigkeit für mein Engagement. Das würde ich in dieser Situation nochmals tun.

SPIEGEL ONLINE: Also ja, Sie würden die Anzeige wieder schalten.

Lieberberg: Ich habe dies bereits bejaht. Es gibt im Moment keine Notwendigkeit, eine Anzeige zu schalten. Ich stehe aber nach wie vor an der Seite von Xavier Naidoo.



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