Thatcher im Pop: Hits aus Hass

Von Felix Bayer

Thatchers Gegner im Pop: Von Wahlinitiative bis zu Mordgelüsten Fotos
Getty Images

Sie liebt uns nicht, wir sie auch nicht: Für die Künste und auch für die Popmusik hatte Margaret Thatcher wenig übrig. Doch gerade deshalb inspirierte sie britische Musiker zu scharfem Widerstand - und zu einigen großen Songs.

"Wenn ich in Interviews nach meiner größten Inspiration gefragt werde", sagte der Songwriter Billy Bragg einmal, "dann antworte ich immer: Margaret Thatcher." Ob er das ironisch meine, lasse er immer offen, sagt der englische Sänger, der in den achtziger Jahren mit Protestsongs wie "Between The Wars" gegen die konservative Regierung ansang. Die Wut auf die Politik war ein Antrieb für Bragg, einige seiner größten Songs zu schreiben. Ist also Margaret Thatcher verantwortlich für eine Blütephase der politischen Kunst in der britischen Popkultur?

Schon früh in Thatchers Regierungszeit regte sich Opposition gegen ihren politischen Kurs. Hatte Punk in den Jahren direkt vor Thatchers Wahl zur Premierministerin 1979 eher grelle Fundamentalkritik geäußert, so malten die Post-Punker Großbritannien in düsteren Farben und trafen damit den Nerv des Publikums: Mit "A Town Called Malice" von The Jam und "Ghost Town" von den Specials wurden Songs über die desaströse Sozialpolitik Thatchers zu Nummer-eins-Hits in England. Es war der Soundtrack zu den Riots in den britischen Innenstädten.

Als Margaret Thatcher 1982 auch noch wegen der Falkland-Inseln in den Krieg zog, schrieb Roger Waters von Pink Floyd gleich ein ganzes Protestalbum ("The Final Cut"), während Robert Wyatt mit leidender Stimme Elvis Costellos anrührenden Song "Shipbuilding" darüber sang, dass man doch lieber nach Perlen statt ums nackte Leben tauchen sollte.

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Margaret Thatcher ist tot: Die Eiserne Lady
Nach dem klaren Sieg der Tories bei den Parlamentswahlen von 1983 zeigte sich auch die britische Popkultur zwiegespalten. Auf der einer Seite brach sich ein Eskapismus Bahn, der identifiziert wurde mit den Haarspray-Frisuren des New-Romantic-Boom: Wenn Duran Duran in weißen Anzügen in der Südsee auf einer Yacht posierten, wurden sie gesehen als die gierigen Gewinnertypen des Thatcherismus, der zum geflügelten Wort wurde.

Auf der anderen Seite glaubten linke Musiker zu erkennen, dass es nicht reichte, nur Lieder zu singen. Billy Bragg, Paul Weller und Jimmy Somerville (von Bronski Beat und den Communards) riefen 1985 die Initiative "Red Wedge" ins Leben, die für die Labour Party trommelte, in Interviews, in Konzerten, in einem Wahlmanifest.

Nach dem Showdown Todeswünsche

So kam es 1987 zum Showdown, der auch in den Pop-Medien vorbereitet wurde. Während die linke Garde um "Red Wedge" eine Titelgeschichte mit dem Labour-Kandidaten Neil Kinnock auf den Seiten des ehrwürdigen "New Musical Express" lesen konnte, empfing die Amtsinhaberin Thatcher einen Reporter von "Smash Hits" - dem bunten Zentralorgan des neuen, offensiv konsumistischen Pop. Wobei Thatchers Erinnerungen an eine Jugend im Weltkrieg und ihren Lieblingssong , das alberne "(How Much Is) That Doggie in the Window?", nicht gerade die Jungwählermassen angelockt haben dürfte.

Es reichte dennoch für eine dritte Amtszeit, und danach waren auch in der Pop-Parallelwelt die Schlachten geschlagen - es blieb oft nur noch blanker Hass. "She Was Only A Grocer's Daughter" spöttelten die Soul-Popper Blow Monkeys noch. Und als Morrissey auf seinem ersten Soloalbum 1988 den Song "Margaret On The Guillotine" sang, war er nur der erste einer langen Reihe von Sängern, die Thatcher den Tod wünschten oder sich auf den Tag freuten, an dem er denn eintreten würde, darunter Elvis Costello - und sogar Elton John ("Merry Christmas Maggie Thatcher").

Lange Jahre konnte sich jemand wie der Soziologe Stuart Hall die Popularität Thatchers nur mit einem masochistischen Zug der Briten erklären, einer geheimen Vorliebe dafür, von der Nanny ohne Pudding ins Bett geschickt zu werden. Doch ein Film wie "The Iron Lady" zeichnete Thatcher in sanfteren Farben - bis zur Geschichtsklitterung. Und eine neue Generation von Tory-Politikern wie David Cameron brüstete sich mit einer musikalischen Vorliebe für die ideologischen Gegner von einst, wie The Smiths oder The Jam.

Doch das weckte den alten Kampfgeist: Die beiden Smiths-Köpfe Morrissey und Johnny Marr, die sich sonst auf wenig einigen können, verwahrten sich unisono gegen die Vereinnahmung. Und Paul Weller raunzte 2008: "Die Konservativen waren der Abschaum - und Thatcher sollte wegen Volksverrats erschossen werden."

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Rod Steward vergessen ?
juergen-cappel 08.04.2013
Oh, Maggie, I wish I'd never seen your face ...
2. es kann nur einen geben
jan-gemüsehauerr 08.04.2013
Auf der Welt gibt es nur einen Konservativen der logisch gesunden Sexappeal über seine roten ,Pjöngjanghörigen Gegner ausstrahlt:Jan Fleischhauer :-D
3. maggie may
nielsbuttgereit 08.04.2013
dieses lied wurde 1971 veröffentlicht, es hat absolut nix mit thatcher zu tun.........
4. Rattenfänger allenthalben
maximilian.maurice 08.04.2013
sind es sich ja schuldig, gegen das Establishment anzupinkeln. Ihr Publikum kommt mit zunehmendem Alter allerdings meist darüber hinweg, während die Künstler oft bis ins hohe Alter in die Klampfe hauen -- schliesslich muss der Kamin rauchen, und man hat halt nur diese Masche drauf. Margaret Thatcher mag ideologisch gesehen nicht jedermanns Geschmack sein, aber in Sachen Effizienz, Integrität und Charakterstärke ist sie eine der ganz wenigen herausragenden Figuren unserer Epoche.
5. Bluesband
fodag 08.04.2013
I ain´t gonna work on Maggie´s farm no more
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Thatcher im Porträt