Kultur

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Zum Tod von Mark E. Smith

Mit Sicherheitsabstand zum Rest der Welt

Sperrig und rätselhaft, nie massentauglich, immer schlecht gelaunt: Vier Jahrzehnte lang pfiff Mark E. Smith mit seiner Band The Fall auf alle Rock-Klischees. Es sei denn, er stand am Tresen. Nachruf auf eine Legende.

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Donnerstag, 25.01.2018   13:56 Uhr

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Beim Interview mit Mark E. Smith war immer damit zu rechnen, dass er sich nicht blicken lassen würde, zumindest nicht so wie geplant. So saß Smith mal einen Nachmittag lang in einem Hotelzimmer, neben dem Raum, der für die Begegnungen mit Journalisten reserviert war, und ließ sich entschuldigen. Er käme demnächst, versicherten damals eingeschüchterte Mitarbeiter seiner Plattenfirma. Dass der streitbare Smith überhaupt vor Ort war, wusste man nur, weil er in regelmäßigen Abständen Bier und Zigaretten forderte. Am Ende des Tages hatte er keine Frage beantwortet, jedes Gespräch verweigert und rauchte und trank stattdessen lieber allein im Nebenzimmer.

Seine damaligen Bandkollegen waren zwar ebenfalls anwesend, warteten aber zusammen mit den Medienleuten ratlos auf den Mann, der bei The Fall unumstritten den Ton angab. Wer sich ein wenig mehr für diesen Künstler interessierte, war nicht überrascht: Was andere Menschen von ihm dachten, ist Mark E. Smith immer gleichgültig gewesen. Wem das nicht passte, hatte eben Pech gehabt. Mehr als 60 Musiker hat er bei The Fall verschlissen, die meisten von ihnen waren nie mehr als Statisten: "Und wenn es nur ich und deine Oma an den Bongos wären, wären das immer noch The Fall!", keifte Smith einmal. Und genauso war es.

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Mehr als vier Jahrzehnte führte Mark E. Smith Regie bei The Fall. Und obwohl die Band nie einen großen Bestseller landete - ihre Platten geisterten sporadisch durch die niederen Regionen der britischen Charts -, war ihr Einfluss gewaltig. Der inflationär missbrauchte Begriff "Kultband" trifft auf The Fall tatsächlich zu. Kollegen von Nirvana, Sonic Youth, The Arctic Monkeys bis hin zu LCD Soundsystem und Gorillaz sangen Loblieder auf Mark E. Smith und seine Musik.

Magischer Realismus aus dem Norden

The Fall standen für völlige Unabhängigkeit. Ihre Musik war nie massenkompatibel, gern sperrig und manchmal rätselhaft. Die Songs, in denen alter Rock'n'Roll, Krautrock und Rockabilly knarzend zusammenfanden, wurden von Smiths lakonischem Sprechgesang zusammengehalten. Wobei der Chef gerne einfach nur zeterte, murrte oder abstrakt vor sich hin brabbelte. Angemessen herausfordernd waren auch seine Texte, in denen er seltsame Geschichten mit lustigen Lästereien verband, manchmal die Tristesse des Working-Class-Alltags festhielt - und oft im Unklaren ließ, worum es überhaupt ging. Der britische Kritiker Simon Reynolds nannte Smiths Lyrik mal beeindruckt "northern England magic realism", einen magischen Realismus aus Englands Norden.

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Smith war Realist genug, nie von großen Hitparaden-Triumphen zu träumen. Die Verheißungen einer großen Rock'n'Roll-Karriere waren ihm herzlich egal: "Was sollen wir bei 'Top of the Pops'? Wir sind The Fall!" Seine Produktivität war ungleich atemberaubend: 32 Studioalben veröffentlichten The Fall - darunter Klassiker wie "Grotesque (After the Gramme)" (1980) oder "This Nation's Saving Grace" (1985), dazu kamen fast ebenso viele Konzertmitschnitte, zwei Soloplatten sowie zahlreiche Kollaborationen mit Gorillaz, Elastica oder Mouse on Mars.

Smith, der 1957 in Salford bei Manchester als ältestes Kind einer Arbeiterfamilie zur Welt kam, erlebte 1976 die Sex Pistols in Manchester und beschloss daraufhin, ebenfalls eine Band zu gründen. The Fall bewegten sich von Anfang an jenseits aller Moden. Post-Punk nennen Kritiker heute das Genre, dem The Fall zugeordnet werden.

Während Punkrocker wie die Sex Pistols oder The Clash bei aller Provokation letztlich tradierten Rock'n'Roll-Motiven folgten, verweigerten Musiker wie Mark E. Smith grimmig alle Klischees. Auf Posen und große Gesten pfiffen sie höhnisch. Stattdessen kamen Bands wie The Fall, Joy Division, A Certain Ratio oder Gang of Four eher wie eine von Stanley Kubrick erträumte, sehr schlechtgelaunte Gruppe von Kids aus Beton-Trabantenstädten daher, die statt Lederjacken zerschlissene Pullunder trugen. Weil sie so unberechenbar schienen und in kein Format passen wollten, waren sie vielen Medienmenschen schnell unheimlich.

Immer einen Platz am Tresen

Der Mann, der diesen seltsamen Gestalten aber begeistert eine große Plattform bot und letztlich auch ein nennenswertes Publikum bescherte, war der britische BBC-DJ John Peel, dessen Radiosendungen in England großen Einfluss hatten. Peel war berühmt dafür, alles Konventionelle zu ignorieren und alles Herausfordernde zu fördern. Dass ihm die BBC dafür über Jahrzehnte hinweg wöchentlich viel Sendezeit und völlige Gestaltungsfreiheit einräumte, gilt bis heute als kleines Wunder. Die Liste der Künstler, die Peel alles zu verdanken haben, ist lang und eindrucksvoll, aber keine Band hat der bärtige Radiomann so geliebt wie The Fall. Musiker, die Peel besonders aufregend fand, lud er gerne ins Studio ein, um mit ihnen eine der legendären Peel-Sessions einzuspielen. Keinem wurde diese Ehre öfter zuteil als Mark E. Smith.

Trotzdem wahrten Smith und Peel stets eine respektvolle Distanz: "Wir sind keine Freunde!" (Smith) - dennoch war dem Fall-Chef klar, dass er ohne den BBC-Förderer nicht weit gekommen wäre. Damals, in den Achtziger- und Neunzigerjahren, war die sogenannte Indie-Musik eine Alternative zum Mainstream des Formatradios.

Den Freiraum, bei kleinen, unabhängigen Firmen unter Vertrag zu sein, die nicht nur auf Bestseller hofften, nutzte Mark E. Smith stets lustvoll aus. Die Band jonglierte mit Genres und Klängen und war zeitweilig sogar erstaunlich populär, was sie auch kühnen Coverversionen wie dem Motown-Klassiker "There's A Ghost In My House" zu verdanken hatten. Wobei sie auch mal mit einer wundersamen Ballettmusik wie "I Am Kurious Oranj" (1988) überraschten.

Für eine beständige Popkarriere war Smith dann doch nie der geeignete Kandidat. Er war ebenso berühmt wie berüchtigt für seine ruppigen Umgangsformen. Er ranzte gerne mal Journalisten an, verhöhnte und bedrohte Kollegen, die ihm zu nahe kommen wollten - und wahrte überhaupt stets einen Sicherheitsabstand zum Rest der Welt.

Sagenumwoben sind auch seine Trinkexzesse. Die Geschichten über wüste Pub-Abstürze mit Mark E. Smith, die Journalisten wie Musiker gleichermaßen erlebten, würden wohl ganze Bücher füllen. Seiner Gesundheit aber setzten die Gelage mit den Jahren immer heftiger zu. Zuletzt absolvierte Smith seine Auftritte sogar im Rollstuhl, manche Konzerte wurden ganz abgesagt.

Als Mark E. Smith im vergangenen Jahr 60 wurde, meldete die BBC versehentlich seinen Tod, was Smith mit sardonischem Amüsement zur Kenntnis nahm. Nun ist er tatsächlich abgetreten. Ein Ehrenplatz am Tresen des großen Himmels-Pub dürfte ihm sicher sein.

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