Kultur

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Abgehört - neue Musik

Was soll das Gedudel und der ganze Hype?

Marteria & Casper gönnen sich ein gemeinsames Album, das hinter seinen Möglichkeiten bleibt, Indierock-Newcomerin Tash Sultana entzaubert sich auf ihrem Debüt. Außerdem: Zweimal frische Musik aus England.

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Dienstag, 28.08.2018   17:08 Uhr

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Marteria & Casper - "1982"
(Zwei Bernds tanken Super, ab 31. August)

Wenigstens irgendwo gibt's mal gute Neuigkeiten: "Uns geht's sehr sehr gut", rappen Casper und Marteria in "2018 (Gratulation)", dem letzten Song ihres gemeinsamen Albums "1982". Das ist weniger selbstverständlich, als die zusammen mehr als eine Million verkauften Alben der beiden vermuten lassen.

Sicher, Benjamin Griffey aus Bielefeld und Marten Laciny aus Rostock haben sich entlang der Wegmarken ihrer jeweils höchst erfolgreichen Alben "Hinterland" und "Zum Glück in die Zukunft II" in den vergangenen Jahren zu den breitenwirksamsten Rappern des Landes entwickelt. Griffey mit Indierock-Rap und vollmundigen Gesten, Laciny mit großen Geschichten aus dem Leben der Kleinen. Der gemeinsame Nenner: Beide wurden zum Auffangbecken für die Freaks, die Außenseiter, die Misfits im Land.

Und hatten danach jeweils mit Problemen zu kämpfen. Casper setzte den Rollout des "Hinterland"-Nachfolgers "Lang lebe der Tod" mit Nachdruck in den Sand und Marteria das Leben als Star so zu, dass er im März 2015 mit akutem Nierenversagen dem Tod gerade so von der Schippe sprang. Mittlerweile haben sie sich aber gefangen und man gönnt ihnen die Möglichkeit, sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere einfach mal ein gemeinsames Album erlauben zu können.

Aber wie geht man so ein Ding bei zwei für ihren distinktiven Sound bekannten Künstlern eigentlich an? Recht schlicht: Caspers Hausproduzent Markus Ganter und Marterias Vertrauenstrio The Krauts haben den beiden mit "1982" knapp 40 Minuten Musik auf den Leib gestrickt, die streckenweise wirkt als hätte man die Klangwelten der jeweiligen Künstler einfach übereinander gepackt und überflüssiges Material abgeschnitten.

Das klingt allerdings besser, als es sich liest: Etwa im starken Opener "1982 (Als ob's gestern war)", der mit seinen Big-Band-Samples an vermeintlich goldene Hip-Hop-Zeiten erinnert und die Jugend der beiden in der ost- wie westdeutschen Vorstadt abgleicht - inklusive massig Parallelen natürlich. Ebenso eindrucksvoll: Die dekadent produzierte Schulterklopf-Hymne "Champion Sound" oder das einfühlsame "Denk an dich" (feat. Kat Frankie), das sich der Einsamkeit auf Tour über schlechten Handyempfang nähert.

Oberflächlich gibt es also wenig auszusetzen an diesem prominenten Joint Venture. "1982" ist produziert wie ein gestärkter Hemdkragen und zeigt, dass beide in ihrer jeweiligen Disziplin derzeit konkurrenzlos sind. Eine vertonte Ehrenrunde.

Allerdings nur bei den deutschen Meisterschaften - für größere Aufgaben reicht es noch lange nicht. Trotz einiger starker Momente ist dieses Großereignis nämlich vor allem ein Mahnmal dafür, wie weit deutscher Hip-Hop im internationalen Vergleich mittlerweile zurück hängt. "1982" ist streckenweise packend, immer grundsympathisch und meistens besser als das Gros der nationalen Konkurrenz. Aber die experimentelle und disruptive Kraft, die Leute wie Kendrick Lamar, Vince Staples oder Young Thug andernorts seit Jahren in den Mainstream tragen? Sucht man vergeblich. (7.5) Dennis Pohl

Tash Sultana - "Flow State"
(Sony Music, ab 31. August)

Vielleicht ist das Radikalste, was eine Künstlerpersönlichkeit in unserer Zeit tun könnte, einfach kein Album mehr rauszubringen. So würde man kognitive Dissonanzen vermeiden, die angesichts von "Flow State" entstehen, dem ganz und gar nicht überwältigenden Debüt von Tash Sultana, laut durchaus kompetenter Kritikeraussage in der "Zeit" "Pop-Newcomer des Jahres". Tatsächlich hat Sultana, aus Australien stammend, 23 Jahre alt und seit neuestem insistent, als non-binäre Person tituliert zu werden, also weder mit "sie", noch mit "er", sich binnen zwei Jahren den Ruf eines begeisternden Live-Acts erarbeitet. Sultana, ähnlich wie Pop-Superstar Ed Sheeran eine Meisterin der Loop-Station, macht auf der Bühne alles alleine - und schafft es, innerhalb eines Songs zwischen Reggae-Pop, Techno-Geknatter und psychedelischem Rock zu changieren. Zwischendurch gibt es langatmig in esoterische Höhen und Weiten gniedelnde Gitarrensoli, die wahlweise nach Woodstock duften oder nach Santana müffeln, je nach Gusto.

Das Comeback der Rockmusik, vor allem von jüngeren, vorrangig weiblichen Künstlern befeuert, die dem Genre sein phallisch machistisches Erbe streitig machen, wird ja schon länger beobachtet und bestaunt (siehe Courtney Barnett, Lucy Dacus, Snail Mail, Soccer Mommy etc.). Im solipsistischen "Flow State" von Tash Sultana, der sich gegen die Pop-Ökonomie des Dreiminutensongs sperrt und fröhlich ins genderfluide Utopia mäandert, hat dieser Trend einen vorläufigen, nicht uncharmanten Höhepunkt gefunden.

Das progressive Fest für die Sinne, das Tash Sultana live inspirieren mag, man kann es anhand der rund einstündigen Langweile ihres Albums nicht recht nachvollziehen, das ist ein Problem. Einzig "Blackbird", das sich in neuneinhalb Minuten vom Noir-Folk-Gedaddel zu einem Gitarrensound-Crescendo der Hall-, Echo- und Flanger-Effektgeräte hochschraubt, vermittelt atmosphärische Dringlichkeit, allerdings eher auf so grenzklebrige Weise, als würde die Düsterrock-Queen Chelsea Wolfe das Eagles-Instrumental "Sorcerer" interpretieren. "Seven" hingegen klingt wie der Bonustrack auf einem weniger hochklassigen Chillout-Lounge-Sampler, Big Smoke" und "Mystik" sind gediegener Reggae-Pop, zu dem auch Eric Clapton ins Grooven käme. "Salvation" und "Harvest Love" lassen immerhin genügend Räume, damit ein interessanter und moderner, wenn auch nicht wegweisender R&B-Sound atmen kann. Aber auch hier dideldideldumt dann gleich wieder das MuckerInnensolo in die Parade (am schlimmsten in der Hardrock-Ballade "Pink Moon", der nur noch Mark Knopfler als Axt-Duellant fehlt). Das nervt schon schwer. Zumal das Gitarrengemeiere letztlich das einzige ist, was die Songs von "Flow State" stilistisch zusammenhält.

Schlüssig, sinnhaft und aufregend ist das wohl nur, wenn man Sultana dabei zusieht, wie sie diesen fast schon zu versierten und versonnenen Adult-Rockbandsound als Selfmade-Singularität aus sich selbst heraus erschafft. Beim reinen Hören denkt man: Was soll das Gedudel und der ganze Hype? (5.5) Andreas Borcholte

Laurel - "Dogviolet"
(Counter Records/Rough Trade, seit 24. August)

Das Hain-Veilchen, ist auf Wikipedia zu lesen, "ist eine sommergrüne, ausdauernde krautige Pflanze. Es kann den Winter mit seinen Rhizomen überdauern." Im angloamerikanischen ist das auch auf Magerrasen gedeihende Gewächs als "Dog Violet" bekannt, und so heißt auch das Debüt der Londoner Sängerin Laurel, noch so eine junge Musikerin, die sich der bisher männlich dominierten Rockismen ermächtigt und eine bluesgesättigte Gitarre spielt, deren Erdsprosse sich tatsächlich weit in die Historie des Genres hineinkrallen.

"Dogviolet" erfindet also nichts neu, verschiebt, renoviert oder variiert keine Stilistik, es überzeugt aber durch griffiges, im besten Fall packendes Songwriting - das ist ja auch nicht wenig. Laurels Stimme ist tief und sonor, kann aber bei Bedarf, und der ist ausreichend vorhanden, volltönend in höhere Klage-Lagen übergekippt werden. Manchmal, in "South Coast" etwa, erinnert das an den zartbrüchigen Gesang von Adam Duritz von den Neunzigerjahre-Trauerklößen Counting Crows. Ähnlich trist und generell verschleppt ist auch die Stimmung in den Songs von Laurel, die sich hier eine sauer gewordene Liebe aus dem System singt. Es geht um "Same Mistakes", "Empty Kisses", ums "Lovesick"-Fühlen und die Sehnsucht danach, geliebt ("Adored") und gehalten zu werden ("Hold Tight") - oder, ganz pathetisch überhöht, nach einem "Life Worth Living". Für die trübseligen Stunden fiesester Misere, für die The xx und Lana Del Rey nicht handfest genug sind. (7.3) Andreas Borcholte

Idles - "Joy As An Act Of Resistance"
(Partisan Record/Pias/Rough Trade, ab 31. August)

So viel verbindende Wut war im britischen Pop seit Thatchers Zeiten nicht mehr. Das erste Album von Idles wurde letztes Jahr als Teil eines ganzen Schwungs von Post-Brexit-Musik rezipiert, gemeinsam mit musikalisch sehr unterschiedlichen Bands wie Fat White Family, Cabbage, Vant und natürlich den Sleaford Mods, die nun schon ein paar Jahre länger heftigst ramentern. Das Idles-Debüt "Brutalism" suggerierte punkige Rohheit, war aber so produziert, dass das vorgeblich Unbehauene immer wohltemperiert und eingängig, mithin Foo-Fighters-kompatibel klang. Musikalisch innovativ war das nicht, aber die Energie der Band übertrug sich auf den Hörer. Und das mit Wucht.

Das Bemerkenswerte an dieser Band sind die maximal emotionalisierten, immer wieder überraschenden Songtexte. Idles-Sänger Jon Talbot haut Oneliner raus, die wie Parolen klingen, eigentlich aber präzise Bestimmungen von realen Verhältnissen sind. "The mask of masculinity/ Is a mask/ A mask that's wearing me", heißt es in "Samaritans". Und dann geht das Sängersubjekt mit einer Katy-Perry-Paraphrase aus der Deckung, unterlegt von einer euphorischen Gitarre: "I kissed a boy and I liked it". Das unterläuft die beim oberflächlichen Hören zwangsheterosexuell anmutende Mitgröhl-Ästhetik, die die Idles, bei aller in Spuren noch vorhandenen Post-Punk-Sprödigkeit, auf ihrem zweiten Album weiter kultivieren.

Die Band stellt den identitären Phantasien, die allerorten mehr und mehr durchbrechen, einen selbstverständlichen Egalitarismus entgegen, der weiß, dass die entscheidenden Grenzen zwischen den Klassen und nicht zwischen angeblichen Ethnien oder sexuellen Präferenzen verlaufen. "My blood brother is an immigrant", singt Talbot, im Einzelnen verbrüdert ist er unter anderem mit "Freddie Mercury", dessen Name sich hier auf "a nigerian mother of three" reimt. Der Song "Danny Nedelko" weiß auch, warum sie und er und wir alle einander gleich sind: "He's made of bones/ He's made of blood/ He's made of flesh/ He's made of love", gefolgt von einem schön versoffenen Chorus.

Die Idles setzen auf die Basis, musikalisch wie politisch: Alle springen zusammen in einem Regen aus Biertrinker*innen-Schweiß durcheinander. Sollte Europa sich weiter faschisieren, könnte "Joy As An Act Of Resistance" irgendwann zu einem der Dokumente werden, anhand derer man den Nachgeborenen demonstrieren kann, wie schön es war, bevor das Licht ausging. (7.5) Benjamin Moldenhauer

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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