Rapper Marteria Aliens aus Ostdeutschland

Marteria ist einer der erfolgreichsten Popkünstler Deutschlands. Zur Veröffentlichung seines Albums "Roswell" feiert seine Heimatstadt Rostock den 34-jährigen Rapper wie einen Volkshelden. Ein Ortstermin.


Wer das Phänomen Marteria verstehen will, muss in den äußersten Nordosten des Landes fahren. Der muss die Schlange sehen, die sich eineinhalbmal durch einen runden Raum zieht, vorbei an einem Discounter, Fressbuden, einem Tabakgeschäft. Der muss erleben, wie Rostock ausgerechnet hier, an diesem Freitagmittag im Frühsommer, seinen eigenen kleinen Feiertag begeht.

Der Held der Stadt hält im Untergeschoss eines örtlichen Einkaufszentrums Hof, gut 1300 Menschen sind ins Kröpeliner-Tor-Center, kurz KTC, gekommen, um ihn zu treffen. Marten Laciny umarmt fünf Stunden lang jeden Einzelnen. Er nimmt sich Zeit für jeden Fan, hört zu, scherzt, verteilt geduldig Autogramme und posiert für Selfies. Der 34-jährige Rapper ist ein Mann der Massen. Druck oder Unbehagen? Keine Spur.

Dabei geht es für Laciny um viel. Mit "Roswell" erscheint an diesem Tag sein viertes Album unter seinem Künstlernamen Marteria. Es ist seine erste Veröffentlichung seit "Zum Glück in die Zukunft II", das ihn Anfang 2014 zu einem der erfolgreichsten Popkünstler des Landes machte. Über 200.000 Exemplare der Platte wurden verkauft: Platin. Die Single "Kids (2 Finger an den Kopf)" wurde seither gut 25 Millionen Mal auf Spotify gespielt - das schaffen in Deutschland die Wenigsten. Wie toppt man einen solchen Erfolg?

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Marteria: Wenn Rostock zu Roswell wird

"Am besten, man versucht es gar nicht", sagt Laciny mit einem einnehmenden Lächeln und zieht an seiner Zigarette. Er sitzt jetzt auf den abgelatschten Stufen vor dem "Zwischenbau", einer von sozialistischem Baubrutalismus eingerahmten alternativen Konzert-Location im Süden Rostocks. Lacinys Mutter hat hier einst gearbeitet, er selbst spielt den letzten Auftritt seiner Klubtour in dem Flachbau, ein Heimspiel.

Der Model-Job

"Wirtschaftliche Interessen in der Kunst sind langweilig", sagt er. Deshalb spüre er auch keinen Druck: "Was habe ich schon zu verlieren?" Er wolle ohnehin nur sich selbst etwas beweisen: "Ich würde sofort aufhören, sollte ich anfangen, mich zu wiederholen." Nichts hasse er mehr als "das unbedingte Streben nach Hits", sagt er, während ein Auto vor ihm am Straßenrand hält und der Fahrer das alte Erfolgsalbum und einen gereckten Daumen zeigt. Marteria winkt zurück, freundlich, aber fast ein bisschen schüchtern. Binnen einer halben Stunde halten noch fünf, sechs weitere Wagen. Das sei normal, sagt Laciny. Es ist ihm ein bisschen unangenehm.

"Der Reiz der Musik liegt für mich im Neuen", erklärt er. Das sei ihm mit "Roswell" gelungen: "Die Platte klingt aggressiver, frisch, anders, direkt." Findet er. Das Selbstbewusstsein passt: 1999 ließ Marten Laciny eine Fußballerkarriere zugunsten eines Model-Jobs in New York City links liegen. 17 war er damals, verbrachte ein Weile in Amerika, fasste dort den Entschluss, Rapper werden zu wollen und zog es dann, zurück in Deutschland, einfach durch. Im Gespräch wirkt er mit seiner wachen, direkten Art nicht wie einer, der sich lange mit Vergangenem aufhält.

"Er ist einer von uns"

Nachmittags im KTC läuft "Roswell" in Dauerschleife, knapp siebenmal in fünf Stunden. Dringlicher klingt die Platte, auch dichter als ihre Vorgänger. Dennoch finden sich in den auf 45 Minuten verteilten zwölf Tracks kaum echte Innovationen. Die erneut aus den Händen des Produzententrios The Krauts stammende Musik klingt verlässlich auf dem Punkt gezimmert, jeder Song hat einen wasserdichten Pop-Refrain. Die Texte des Sci-Fi-Konzeptalbums handeln von Außerirdischen. Rostock wird zur Entsprechung der Alien-Kultstätte Roswell in New Mexico und dem sagenumwobenen Sperrgebiet Area 51 in Nevada. Es geht um einen kritischen Blick zurück in die Heimat, um Sympathie für die Außenseiter der Republik.

Marteria hat Hip-Hop nie verändert, ihm nie seinen Stempel aufgedrückt - und es auch nie versucht. Er inszeniert sich weder als beinharter Straßenrapper, noch als über allem schwebender Popstar, sondern schlicht als Marten, den netten Kerl aus Rostock. Sein Sound fügt bereits bestehende Versatzstücke so zusammen, dass sie in den verschiedensten Kontexten funktionieren. Sie ist das Äquivalent eines bezahlbaren Mittelklassewagens: nichts für die Motorschau, aber verlässlich. Musik mit größtmöglichem Identifikationspotenzial.

Wie entscheidend das ist, spürt man, wenn man sich unter seinen Fans umhört: "Er ist einer von uns", sagt etwa die zwölfjährige Moni, die mittlerweile zwei Stunden im KTC auf ein Autogramm wartet. Sie fühlt sich in Lacinys Musik zu Hause. Warum? Kann sie nicht festmachen. Wichtig sei aber, dass sie sich durch die Musik für soziale Themen zu interessieren begann. Ein Familienvater aus Schwerin, extra mit seiner Tochter angereist, sieht seine Region durch den Rapper hingegen endlich richtig repräsentiert: "Marteria engagiert sich gegen den rechten Mist von hier, das zeigt endlich mal, dass hier nicht nur Idioten wohnen."

"Wir sind hier die Aliens"

Laciny selbst sieht das ähnlich. Auch er sieht sich als "einer von uns". Und meint damit vor allem, dass er ein Kind Mecklenburg-Vorpommerns ist. Mit all den Problemen, die man hier hat: "Wir leben seit der Wende mit dem Stigma Nazi-Land", sagt er, wenn man ihn auf seine Heimat anspricht. "In den Neunzigern wollten keine Bands hier spielen, heute haben wir den 20-Prozent-Stempel auf der Stirn."

Damit ist die AfD gemeint. Bei der Landtagswahl im vergangenen September kam die rechtspopulistische Partei auf 20,8 Prozent, sie ist zweitstärkste Kraft im Schweriner Parlament. Und auch sonst läuft es nicht wirklich rund im Nordosten: Laut einer aktuellen Studie der Bundesregierung zu rechter Gewalt belegt Mecklenburg-Vorpommern mit 58,7 Taten pro Million Einwohner den Spitzenplatz unter den Bundesländern. Die Arbeitslosenquote lag 2016 bei 8,7 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf mit durchschnittlich 24.909 Euro im bundesdeutschen Vergleich auf dem letzten Platz. "Wir sind hier die Aliens, um die es auf dem Album geht", sagt Marteria. Wichtiger sei aber, dass es in der Region ein großes Bedürfnis nach Identifikation gebe. Das könne man missbrauchen, klar. "Oder eben positiv umdeuten."

Das versucht Laciny durch lokales Engagement. Er sponsert den lokalen Strandfußballverein, organisierte 2015 ein Benefizspiel für den angeschlagenen Stadtverein FC Hansa Rostock und spielt schon mal ein Konzert mit den Linksrockern von Feine Sahne Fischfilet - ausgerechnet in Anklam, wo die rechtsextreme NPD bei der Landtagswahl 2011 13 Prozent erzielte. Vergangenes Jahr waren es 30,8 für die AfD.

"Ein Popstar kann die Welt verändern"

Aufschlussreich ist auch eine Szene im Anfang Juni erscheinenden Album-Begleitfilm "antiMarteria", einem sündhaft teuren Geschenk seiner Plattenfirma, gedreht in Südafrika mit einem Cast aus befreundeten Musikern wie Miss Platnum, Fotograf Paul Ripke oder Schauspieler Frederick Lau. In dem Action-Gemisch aus Science-Fiction und Selbstfindungstrip besucht Laciny ein Township, die südafrikanische Version bitterarmer Slums. Nach Freestyle-Rap und Fußball mit den Kids lockt ihn ein mysteriöser Junge in ein Haus. Der Rapper bekommt ein Zauberpulver ins Gesicht gepustet, wird verprügelt - und beginnt im Drogenrausch eine Erkenntnisreise.

Ein Sinnbild für Lacinys Nähe zu den Menschen: Man kauft ihm ab, dass er sich tatsächlich für jeden der 1300 Fans im KTC interessiert. Ob ihn das in Schwierigkeiten oder auf eine neue Bewusstseinsebene bringt, ist ihm, wie im Film angedeutet, gleich.

Diese Haltung ist das, was ihn als Künstler ausmacht und was seine Fans an ihm lieben. Marteria lebt eine radikale Offenheit. Für ihn gibt es kein Innen oder Außen, kein klar abgegrenztes Richtig oder Falsch - weder in Rostock, noch sonst wo auf der Welt. Es gibt nur Dinge, die noch zu entdecken und zu verstehen sind. Ob das Menschen, Orte oder Meinungen sind, ist ihm erst mal egal: "Ich habe mir meine kindliche Neugierde bewahrt", sagt er. "Ich hänge auch heute noch am liebsten mit den Kids auf der Straße rum und lasse mir deren Sichtweisen erklären."

Er glaubt fest daran, dass diese Offenheit durch seine Musik auch bei den Hörern ankommt - und ihnen den richtigen Weg weisen kann. Überhaupt habe Pop auch heute noch eine Macht, die oft unterschätzt werde, sagt er. "Die Jugend brennt schon lange nicht mehr für die Politik, ein Popstar aber kann die Welt verändern."

Wie das gehen soll? "Vor allem subtil. Kein 15-Jähriger will einem Oberlehrer zuhören", sagt Laciny. Musik dürfe zudem nicht ihren eigentlichen Zweck vernachlässigen: "Den Kopf durchzulüften, etwas Urlaub vom Alltag schenken", sagt er. Wenn man zu einem Song abfeiern könne, seien kritische Textzeilen noch viel wirkungsvoller. Zeilen wie etwa in "Aliens": "Nur das ganze Ungeziefer folgt 'nem König oder Führer". Oder: "Wir sind Aliens/ Wenn wir irgendwann gehen/ Werden wir euch fehl'n." Dass es funktioniere, wisse er aus seiner Fanpost: "Ich bekomme immer wieder mit, dass meine Musik Hörer bekehrt", sagt er. "Sogar ehemalige NPD-Leute haben mir schon geschrieben und sich bedankt."

Schluss mit Alkohol und Drogen

Inzwischen sitzt Laciny im Hinterhof des "Zwischenbaus". Viele alte Freunde sind gekommen, auch Familienmitglieder. Angeregt unterhält er sich, man sieht ihm an, dass er gerne hier ist. Und froh, überhaupt noch da zu sein. Vor zwei Jahren, am 29. März 2015 wurde Laciny ins Krankenhaus eingeliefert. Er hatte bei einem Benefizspiel für Hansa Rostock 90 Minuten durchgespielt und "danach natürlich keine zwei Flaschen Wasser getrunken", wie er sagt. Die Situation war ernst, akutes Nierenversagen drohte. Dreieinhalb Wochen wurde sein Blut in der Dialyse gewaschen. "Ich hätte einfach so sterben können", erinnert er sich.

Laciny erholte sich, zog aber persönliche Konsequenzen. Er kehrte seiner Wahlheimat Berlin den Rücken, kehrte an die Ostseeküste zurück und machte Schluss mit Alkohol und Drogen. "Stattdessen richtete ich meine suchtgefährdete Persönlichkeit auf das Angeln", sagt er. Im letzten Jahr, sagt er, verbrachte er 290 von 365 Tagen hinter der Rute. "Das hat mir den Arsch gerettet."

Er lebe jetzt bewusster, habe noch mehr Spaß an der Musik. Und natürlich sei der Neuanfang nach dem Fall zu großen Teilen in "Roswell" eingeflossen, vor allem seine neu gewonnene Energie. Die wolle er jetzt weitergeben.

Knapp zwei Stunden später rudert Laciny auf der Bühne mit den Armen, springt von einem Ende zum Anderen, peitscht sein Rostock an - gut 300 Leute, mehr passen nicht in den "Zwischenbau" hinein. Schon beim ersten Song springt der Funke über, das Publikum schmettert fast jede Zeile mit. Lacinys Energie, seine Offenheit, seine Lebenslust scheinen im Raum zu stehen. Ob das etwas verändern kann? Erst mal egal. Rostock feiert seinen Helden - und damit ausnahmsweise mal sich selbst.



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scxy 29.05.2017
1. Rostock liegt im Norden
der Bundesrepublik. Aber vielleicht ist ja auch die einstige Wahlheimat gemeint; Deutschlands größte Stadt liegt ja in Ostdeutschland.
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