Marthalers "La Traviata" Der Buhmann von Paris

Das Pariser Premierenpublikum gilt als eines der konservativsten der Welt. Wenn an der Oper eine Neuinszenierung von Christoph Marthaler ansteht, ist lautes Buhgeschrei programmiert. Jetzt war es wieder so weit.

Von , Paris


In der zweiten Pause, auf den schönen Galerien der Garnier-Oper, sagte ein Mann im Smoking zu einem anderen, spürbar empört: "Aber das ist doch nicht 'La Traviata'!" Damit ist ziemlich genau beschrieben, warum die bessere Gesellschaft von Paris für gewöhnlich in die Oper geht: Sie will nicht überrascht werden. Sie will immer nur wieder finden, was sie längst zu kennen glaubt. Sie will ein künstlerisches Hors d'oeuvre vor dem Souper im Restaurant.

Und sie will noch mehr: Sie will Sektgläser, wo im Libretto "Sektgläser" steht, sie will Schnee rieseln sehen, wo im Text steht: "Es schneit". Sie will Handlung, aber nicht zu viel und nicht zu aufdringlich, sie will Gefühle, aber nur verständlich formatierte, sie will einen Guckkasten, in dem es gut bürgerlich zugeht und keinesfalls verstörend. Sie will, anders gesagt, nichts von dem, was das moderne Regietheater heutzutage soll.

So haben sich die Pariser Theaterskandale gehäuft, seit der stets wagemutige Opernintendant Gerard Mortier im Amt ist. Es gab schon Abende, an denen feine Herren in Piano-Stellen hineinriefen: "Mortier, es reicht", aber der mutige Mann, dessen Name übersetzt nicht umsonst "Mörser" heißt, kennt keine Furcht. Sein Mozart-Jahr wird in die Geschichte der Pariser Oper eingehen, und auch damals, im vergangenen Sommer, war Christoph Marthaler schon mit von der Partie, als er sich für "Figaros Hochzeit" ausbuhen lassen musste. Er wusste also, der Schweizer Star aus Deutschland, Frankreichs liebster Buhmann, was ihn erwartete, als er am Samstagabend auf die Bühne kam.

Anrührend, schmerzlich schön

Aber vielleicht, wahrscheinlich, hatte er dieses Mal auf eine Überraschung gehofft. Auf Zuspruch, auf Beifall gar, denn nichts anderes hätte er verdient gehabt. "Das ist nicht 'La Traviata'"? Das war sehr wohl "La Traviata", eine ins Jetzt gerettete, eine neuerlich sichtbare, fast nachvollziehbare, in jedem Fall anrührende, schmerzlich schöne Traviata.

Machen wir uns nichts vor: Die Geschichte dieser todkranken Violetta, die aus fadenscheinigen Gründen auf die letzte Liebe ihres Lebens verzichten soll, dieses Textbuch ist längst so gealtert, so gestrig und historisch, dass seine Aufführung unfreiwillig komisch daher käme, wenn der Regisseur den Stoff nicht ins Hier und Heute irgendwie übersetzen würde.

Und Marthaler tut genau dies. Er kann nicht, natürlich nicht, den Kern der Geschichte umschreiben, aber er kann, und er tut es im kongenialen Spiel mit seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, um diesen eigentlich erloschenen Kern herum neuen, heutigen Sinn zu arrangieren. Er tut dies in Gesten, in verstörenden Details, er lässt Menschen nicht tanzen, sondern zucken, er belebt tote Punkte der Handlung mittels schöner Effekte seines Lichtbildners Olaf Winter, man könnte sagen: Er lenkt den Zuschauer ein bisschen ab von der Frage nach Glaubwürdigkeit und rettet so das schöne Drama um Liebe und Tod.

Gesamtkunst ohne billige Effekte

Seine Traviata ist ein Spiel im Spiel. Violetta selbst wird auf einer kleinen Bühne mitten auf der Bühne sterben, die großen Szenen mit Chor finden statt wie in einem Theaterfoyer, und dort geht auch Violetta herum während ihrer großen Arien, allein, verlassen, und wie sie sich ausspricht mit sich selbst bei diesen Rundgängen, wie sie unruhig wandert und verschwindet und wieder kehrt, das hat man selten so zart, so klug, so schön gesehen.

Man kann es sich, als Regisseur, besonders bei der Traviata sehr leicht machen. Dann steht an der Rampe vorne eine Frau und jubelt die Welthits der Oper in den Saal, und das Publikum wird Bravo rufen. Hier aber, bei Marthaler, werden die Arien beglaubigt durch Handlung. Die Figuren singen nicht nur, was sie angeblich fühlen, sie spielen es vor, sie öffnen sich für Anteilnahme, Mitleiden, Anverwandlung.

Das Publikum, das die Inszenierung nicht mochte, bejubelte die Gesangsleistungen, im Irrglauben übrigens, mit den Sängern gegen den Regisseur verbündet zu sein. Aber Christine Schäfer gab die Violetta nicht nur gesanglich erschütternd, sondern vor allem schauspielerisch. Ihre letzten Momente als Violetta, wie sie mit nackten Füßen durch Rosengebinde am Boden schlurft, bleiben jedem im Gedächtnis, der sie sehen konnte. Schäfer verband Gesang und Spiel zu einer großen Gesamtkunst, und sie mied die billigen Effekte, zu denen die berühmten Arien einladen, als hätte sie ihre Partie durchdacht von A bis Z, und schon beim ersten Ton ungefähr gewusst, wie sie den letzten singen würde.

Nicht lesen, sondern hören und schauen

Jonas Kaufmann war als Alfredo ein Ereignis. Der junge Deutsche sang mit strahlender Kraft, mühelos füllte er das Haus bis zur Decke, und zwar in vollendetem Belcanto, man wünschte ihm höchstens noch ein bisschen mehr Schauspielunterricht. Den braucht der große José van Dam nicht mehr, er ist ohnehin eher ein Deklamator alter Schule, seine Rolle als Giorgio Germont brachte er mehr routiniert als strahlend hinter sich, alle Nebenrollen waren gut besetzt ohne Höhepunkte, Chor und Orchester arbeiteten auf höchstem Niveau.

Nach den Buhrufen trudeln nun die Kritiken ein. Erste Stimmen aus dem deutschen Sprachraum klingen sehr positiv, zum Glück, der französische Gesandte der Agentur AFP allerdings schloss sich den Buhs an, aber sein Text klingt, als wäre er in einer anderen Aufführung gewesen. Die Pariser Zeitungen lassen sich Zeit, wie immer, sie brauchen manchmal eine volle Woche, um ihre Leser über Premieren und Vernissagen überhaupt zu informieren. Und meist machen sie sich dann müde mit dem Premierenpublikum gemein, deshalb gilt, für jeden, der kann: nicht Kritiken lesen, sondern schnellstens hingehen.

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