Piano extrem Strenge Prüfung für Geist und Hände

Beethoven und Rachmaninow komponierten Werke, für deren Interpretation Pianisten einiges aufbieten müssen. Dass dazu mehr als nur Technik gehört, zeigen zwei jüngere Meister sehr souverän.

Giorgia Bertazzi

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Die Anekdote erhellt einiges: Als Ludwig van Beethovens Musikverleger Anton Diabelli 1819 einen scheinbar harmlosen kleinen Walzer komponierte und ihn an bekannte Komponisten zwecks Verarbeitung in Variationen sandte.

Diabelli erwartete von jedem Adressaten ein ähnliches Werk, das er zu einer Sammlung bündeln wollte. Nicht mit Beethoven! Der nahm sich Zeit (bis 1823) und lieferte nicht weniger als 33 Veränderungen, die es in sich hatten wie zuvor etwa die "Goldberg-Variationen" von Johann Sebastian Bach. Es war Beethovens letztes großes Klavierwerk und gleichzeitig ein Monster. Allerdings eines, das seither Pianovirtuosen nur allzu gern zähmen und dabei zeigen müssen, wie gut sie wirklich sind.

Der noch relativ junge deutsche Pianist Martin Helmchen, geboren 1982 in Berlin, zeigt in seinem Diabelli-Ansatz, dass er zu Recht als einer der interessantesten Klaviermusiker seiner Generation gilt. Er vermeidet hier stets den Fehler, in den 33 Kunststücken die Virtuosität allein abzubilden.

Jede Variation nimmt er akribisch als Unikat, lässt sich durchaus auf Beethovens fast manisches Bestreben ein, dem Thema jedwede nur mögliche Wendung abzuluchsen, aber immer wieder präpariert er den individuellen Charakter der Variationen als solitäre Einzelstücke heraus. Beethoven lieferte eben keine schlichte Auftragsarbeit ab - schau her, ich kann's! - sondern millimetergenaue Studien, die den Charakter der gar nicht banalen Vorgabe erkunden. Und das über fast eine Stunde Spieldauer.

Nichts ist, wie es zunächst scheint

Der Pianist als Marathon-Artist, das erfordert nicht nur technische Kondition, sondern auch stringente künstlerische Vorstellung und Disposition. Martin Helmchens pianistische Fantasie nimmt die oft kurzen Variationen wie Stationen einer Reise. Gleich bei der ersten (Alla marcia maestoso) folgt er nicht dem Erhabenen, er tönt ab und betont sogleich die Gegensätze und Untiefen. Motto: Hier ist nichts, wie es zunächst scheint.

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Piano extrem: Strenge Prüfung für Geist und Hände

Die perlenden Läufe der siebten Variation führen bei allem Glanz in die Düsternis, und so ergeben sich Stimmungswechsel wie bei der nachdenklichen Nummer 10 ebenso logisch wie das irrlichternde Gewitter der Läufe in der folgenden Version. In der 16. Variation bietet Beethoven, wie häufig in diesem Zyklus, der rechten und linken Hand des Pianisten gleichwertige Aufgaben, was die Vielschichtigkeit des Themas auslotet. Dies alles stellt Martin Helmchen mit ebenso uneitler wie pointierter Weise dar, was seine Interpretation der "Diabelli-Variationen" so erlebenswert macht.

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Hitverdächtige Einfälle

Sergej Rachmaninow (1873-1943) war selbst als Pianist und Virtuose bekannt, daher spickte er seine entsprechenden Werke einerseits mit technischen Herausforderungen, andererseits mit attraktiven melodischen Wendungen und geradezu hitverdächtigen Einfällen. Sein Präludium cis-moll eroberte mit seinem großen pathetisch-emotionalen Aufschwung nicht nur Rachmaninows Fans, es wurde zu einem spätromantischen Klavierrenner schlechthin.

So etwas in dieser Art sollte in Billy Wilders "The Seven Year Itch" sogar dazu taugen, Marylin Monroe zu verführen. 1955 waren Rachmaninow und seine Musik eben schon legendär und sprichwörtlich. Marylin Monroe verlangte es in diesem Film eher nach schlichterer Musik, aber das stand auf einem anderen (Noten-)Blatt.

Der schattenreiche Zauber Rachmaninows

Der fabelhafte Pianist Nikolai Lugansky stellt das bekannte Stück seinem neuen Album "24 Preludes" (harmonia mundi) voran, und schnell spürt man, wie sehr ihm daran liegt, den vermeintlich altbekannten Rachmaninow ernst zu nehmen. So wie sein Kollege Martin Helmchen die Virtuosität der "Diabelli-Variationen" in den Dienst einer universellen Sicht stellt, so will Lugansky den Rachmaninow der hochvirtuosen "Preludes" als vielseitigen klang- und schattenreichen Zauberer darstellen.

Dass es Lugansky nicht so ganz gelingt, "seinen" Rachmaninow auf eine Stufe mit dem Beethoven der letzten Dinge zu stellen, ist nicht weiter schlimm. Alles, was in diesen bekannten, aber dennoch glänzenden Bravourstücken an Innigkeit, verblüffenden Klangwirkungen und innovativen melodischen Ausflügen zu finden ist, leuchtet Nikolai Lugansky sehr kundig aus. Gottseidank, möchte man sagen, denn dadurch lässt die Aufmerksamkeit des Hörers auch über die gesamte Distanz der 24 Stücke zu keiner Sekunde nach. Die analytische Sicht auf Rachmaninow verleiht den Kleinoden die Kontur und energetische Faszination, die ihnen zukommt: Präzisionsarbeit.

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Seit der Moskauer Virtuose 1994 den renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb in seiner Heimatstadt gewann, ging es mit seiner Karriere rapide aufwärts. Vielfältige Arbeit auch als Kammermusiker (mit Vadim Repin/Violine) und vor allem mit Dirigenten wie Marek Janowski, Valery Gergiev, Kent Nagano oder Wladimir Jurowski prägte Luganskys Werdegang, der ihn jedoch immer wieder zum Werk Rachmaninows zurückführte.



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