Massive Attack auf Deutschland-Tournee Massive attackiert

Das erste musikalische Lebenszeichen seit fünf Jahren: Erst veröffentlichte Massive Attack die EP "Ritual Spirit". Jetzt touren sie durch Deutschland. Und beklagen den Zustand der Welt.

Von , Köln

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Künstler haben in der Regel ein Gesicht. In manchen Fällen ist dieses Gesicht so präsent, dass es sich beim besten Willen nicht mehr von der Kunst trennen lässt (wer kann noch einen Kanye-West-Song hören, ohne den abfälligen Blick vor Augen zu haben?). In anderen Fällen wird das Verstecken des Gesichts Teil des Gesamtkunstwerks (siehe die ikonischen Helme des House-Duos Daft Punk). Und dann gibt es Fälle wie Massive Attack, die britische Trip-Hop-Gruppe, deren unverwechselbarer Sound seit mehr als 25 Jahren die Szene prägt, während sich nur die wenigsten Menschen dazu ein Gesicht, geschweige denn mehrere, ins Gedächtnis rufen können - echte Fans ausgenommen.

Umso merkwürdiger muss es manchem Besucher erschienen sein, als sich in der musikalischen Nebelwolke Massive Attack am Dienstag plötzlich Konturen abzeichneten: die von Robert "3D" Del Naja und Grant "Daddy G." Marshall. Im Kölner Palladium feierten Massive Attack den Auftakt ihrer Deutschland-Tournee - nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung ihrer neuen EP "Ritual Spirit", dem ersten neu-musikalischen Lebenszeichen des Duos seit fünf Jahren.

Der Begriff Duo ist in diesem Zusammenhang ein schwieriger. Denn was Massive Attacks düsteren, oft angespannten und in besten Momenten wunderschön bedrückenden Sound seit einem Vierteljahrhundert ausmacht, sind vor allem die Gäste, die sich die Gruppe ins Boot holt. Geliehene Stimmen, geliehene Gesichter. Zwar sind Del Naja und Marshall das Herz des einstigen Trios - Andy "Mushroom" Vowles verließ die Gruppe Ende der 90er Jahre. Doch war es Shara Nelsons Stimme, die "Unfinished Sympathy" zu einem Welthit machte, und Elisabeth Frazer, deren Beitrag "Teardrop" auf den Olymp der eingängigsten Songs katapultierte.

Wären da nicht die Botschaften

In Köln fehlten Frazer und Nelson. Ihre Parts übernahmen die Vokalistinnen Martina Topley-Bird und Deborah Miller. Außerdem mit dabei: Reggae-Legende Horace Andy, die Schotten Young Fathers und Sänger Azekel.

Während Horace Andy seit der ersten Stunde eine feste Größe im Kreis der Massive-Attack-Kollaborationen ist ("Girl I love you", "Angel"), dürfen Young Fathers und Azekel seit der jüngsten EP dazu gezählt werden. In Köln lieh Azekel wie auch auf der Vier-Song-EP seine Stimme für die eisige Ballade "Ritual Spirit". Das Hip-Hop-Trio Young Fathers gab das in den Eingangstönen von Ghospel angehauchte "Voodo in my Blood" zum Besten - und ein paar Töne extra, die es auf dem Extended Play nicht zu hören gibt.

Merklich abwesend beim Tourauftakt war ein Kollaborateur, der für "Ritual Spirit" nach langer Abstinenz wieder seinen Weg in den Massive-Attack-Kreis gefunden hat: Tricky. Das stark monotone, schwer im Magen liegende "Take it There", in Ton, wenn nicht Text eine faszinierende Mischung aus Liebeslied und Stalkerhymne, ist eines der stärksten Stücke der EP und die erste Singleauskopplung.

Neue Vocals, die sich nahtlos in das Best-Of aus 25 Jahren einfügen, Klassiker im Wechsel mit zukunftsweisenden Tönen, tiefe Beats im Stroboskophagel gefolgt von sanften Klängen im Lichtkegel, dazu Del Najas rauchige Stimme, die alles miteinander verbindet: Massive Attacks Konzert hätte eine wohlig warme, harmonische Angelegenheit werden können. Hätte. Wären da nicht die Botschaften gewesen, die über die riesigen LED-Bildschirme flackerten. Nachrichten von Krieg und Verfolgung, das Leid von Millionen in Schlagzeilen übermittelt: Syrien, Tod, Asylsuchende. Dazu Bilder von Zerstörung, von Menschen auf der Flucht. Gesellschaftskritik, politisches Engagement, Kunst: Die aufwändige visuelle Show, die Massive Attacks Auftritt begleitete, war in einigen wenigen Momenten so überwältigend, dass sie das Konzert überlagerte, anstatt es zu ergänzen. Sie zeigte aber auch eines: Massive Attack entscheiden selbst, wem sie Gesicht und Stimme leihen.

Massive Attacks Konzerte in Berlin am 17. und 18. Februar und in München am 21. und 22. Februar sind ausverkauft. Tricky, der auf der Tour nicht dabei war, ist im Februar als Solo-Artist zu Gast in Köln, Hamburg und Frankfurt.
Auf Massive Attacks neue EP "Ritual Spirit" soll noch in diesem Jahr eine weitere EP sowie ein Album folgen.
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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
BiffBoffo 17.02.2016
1. Drei Städte
Ist einfach keine Tour. Köln, Hamburg und Berlin. Der Witz! Hätte sie so gerne gesehen! :-(
angst+money 17.02.2016
2.
Zitat von BiffBoffoIst einfach keine Tour. Köln, Hamburg und Berlin. Der Witz! Hätte sie so gerne gesehen! :-(
leider die Standard-Tour von solchen "erfolgreich aber hip" Bands. Was den Vorteil hat, dass mir vor Ärger gleich die Lust wieder vergeht. Soo gut snd sie dann auch wieder nicht.
MatthiasPetersbach 17.02.2016
3.
Zitat von angst+moneyleider die Standard-Tour von solchen "erfolgreich aber hip" Bands. Was den Vorteil hat, dass mir vor Ärger gleich die Lust wieder vergeht. Soo gut snd sie dann auch wieder nicht.
Doch - soooo gut sind die schon. Hip ist allerdings ein von außen herangetragenes Attribut. Ich habs leider zu spät gesehen und keine Zeit, wäre auch die 300 km nach München gefahren. Ist alles eine Frage des Ergebnisses - wenn einen die Erinnerung ans erlebte Konzert die nächsten 5 Jahre weiterträgt, sind 300 km auch nicht sehr weit. Björk hat 10 Jahre gehalten :)
cruiserxl 17.02.2016
4. leider schon alles...
...ausverkauft!
wildo007 17.02.2016
5. Botschaften und gute Musik
War gestern beim Konzert und bin immer noch begeistert. Der Sound war super, auch die Show drumherum. Den Mut zu solchen klaren Botschaften haben nicht viele, daher Hut ab. Davon braucht es mehr. Einzig die Performance von "Teardrop" kam lange nicht an das Original an, weder von Musik noch von Gesang. Schöner Abend!
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