Max Mutzke Das Pop-Chamäleon

Vorwärts in Richtung Klassik. Nach Erfolgen in Pop, Soul und Jazz veröffentlicht Max Mutzke in dieser Woche ein Album mit der NDR Radiophilharmonie: Warum es gut ist, dass er sich nicht entscheiden kann.

DPA

Trifft man Max Mutzke persönlich, dann wirkt er so unangestrengt sympathisch wie bei seinen TV-Auftritten - und er trägt natürlich immer seine Markenzeichenmütze, dazu gerne einen dreiteiligen Anzug. Max Mutzke: Ein Sonnyboy mit 35 Jahren!

Er hat auch allen Grund glücklich zu sein: Mutzke hat ein Album namens "Experience" mit der NDR Radiophilharmonie aufgenommen - mit 80 klassischen Musikern im Rücken. Von so einer Erfahrung träumen viele Musiker, vom Schlagersternchen bis zum Saxofongiganten. Allerdings birgt so ein Ausflug in die Klassik auch Gefahren. Als Charlie Parker einmal eine Platte mit Streichern aufgenommen hatte, warfen ihm Puristen "Verrat am Jazz" vor.

Mutzke muss solche Anschuldigungen nicht fürchten. Vielfältigkeit ist sein Ding, der Mann mit der Soulstimme lässt sich nicht in eine musikalischen Schublade einordnen. Er tritt mit der Poptruppe Luxuslärm und der SWR Bigband auf und hat Anhänger von Schlagerfans bis zu Jazzsnobs. Manche finden seinen Jazztitel "Piano Man" im Trio mit dem Drummer Wolfgang Haffner großartig; viel mehr Menschen kennen sein "Can't Wait until Tonight", mit dem er Deutschland 2004 beim Eurovision Song Contest in Istanbul vertrat. Dorthin schaffte es der Sänger über Stefan Raabs Pro-Sieben-Show "TV Total". Ein ungewöhnlicher Karrierebeginn. Die meisten Gewinner von Casting-Wettbewerben verschwinden nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung; Mutzke aber etablierte sich anhaltend in der Popszene. Was lief bei ihm anders?

Nur keine musikalische Eintagsfliege

Nach dem Casting-Erfolg, erzählt Mutzke, folgte er dem Rat von Stefan Raab und lehnte Werbedeals von Unternehmen wie Tui oder Nutella ab; er empfing auch keine Journalisten für sogenannte Homestorys.

So eine Entscheidung ist vergleichsweise leicht für jemanden aus dem Bildungsbürgertum (Mutzkes Vater ist Arzt, seine kürzlich verstorbene Mutter war Schauspielerin). Casting-Stars wollen normalerweise den Kurzzeitruhm maximal nutzen, überfordern sich und verbrennen. Mutzke hingegen hatte - anders als die meisten Bewerber bei Talentshows - eine Ausbildung als Schlagzeuger und Erfahrung mit einer Funkband hinter sich, als er zum TV Total-Wettbewerb antrat und überlegen siegte. "Mein Ziel", sagt er, "war ein Dauerläufer zu sein und keine musikalische Eintagsfliege."

Mit seiner Herkunft erklärt Mutzke auch seine Vielseitigkeit. Der Junge aus der Schwarzwaldkleinstadt Waldshut-Tiengen wurde zum Pop-Chamäleon, weil er und seine fünf Geschwister allen Arten von Musik ausgesetzt waren. Die Eltern hatten Platten von Klassik bis Rock. In der Casa Mutzke gab es Übungsräume mit etlichen Instrumenten. Der Vater spielte in seiner Freizeit in einer Band Schlagzeug. Rückblickend sagt Max, dass er am nachhaltigsten von den Soul-Sängern Donny Hathaway und Marvin Gaye beeinflusst wurde.

Platin-Award für Jazz-Platte

Souliger Pop in englischer und deutscher Sprache wurde denn auch die Hauptschiene in Mutzkes Karriere. Eine Jazz-Platte produzierte er, obwohl ihm klar war, dass "Jazz ein Unwort in der deutschen Musikindustrie" ist und als "Kassengift" gilt. "Jetzt backt er kleine Brötchen", schrieb denn auch die "Berliner Zeitung", als der Sänger sein Album "Durch Einander" ankündigte. Die Platte mit Gästen wie dem Saxofonisten Klaus Doldinger und dem Posaunisten Nils Landgren gewann 2013 den Platin-Jazz-Award. Aber den gibt es in dem Minderheiten-Genre schon für 20 000 verkaufte Einheiten.

Mutzke nennt die Jazz-Platte seinen "musikalischen Meilenstein" und schwärmt von 130 Konzerten in Klubs wie der Münchner "Unterfahrt" und dem Berliner "A Trane". Das sind keine Spielorte für Stars wie Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer. Die füllen Arenen - auch weil sie einen erkennbaren Stil pflegen. Mutzke dagegen sagt, "Ich bleibe mir selbst treu, indem ich stilistisch untreu bin" und nimmt dafür in Kauf, dass er eher vor Hunderten von Fans auftritt als vor Tausenden.

Nach der Jazz-Platte und dem wieder soulig-poppigen Studio-Album "Max" macht Mutzke nun eine neue Erfahrung: Die Zusammenarbeit mit der NDR Radiophilharmonie auf "Experience". Für das große Orchester arrangierte Dirigent Enrique Ugarte Mutzkes bekannteste Songs und Coverversionen wie den Billy-Paul-Hit "Me and Mrs. Jones". Großes Kino für eine große Stimme! Nach Erfolgen in Pop und Jazz nähert sich Max Mutzke nun der Klassik. "Die aufwendige Zusammenarbeit mit dem grandiosen Orchester", sagt Mutzke, "war eine wunderbares Erlebnis und meine bislang größte Herausforderung."

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insgesamt 1 Beitrag
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cobaea 28.10.2016
1. Mutzke wie ...
Lena Meier-Landrut und wie Stefanie Heinzmann - alle drei aus Raab'schen Castingshows und alle drei noch immer mit ihrer Musik im Geschäft und unterwegs. Sooo selten scheint das also nicht zu sein, mit dem Immer-noch-dabei-sein nach Castingshows. Zumindest nicht, wenn der Showmaster Stefan Raab hiess. Irgenswas scheint er anders gemacht zu haben bei seiner Auswahl als andere Castingformate.
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