Barjazz-Star Melody Gardot: "Ich wollte meinen Körper als Skulptur sehen"

Sie steht für perfekt inszenierte Sinnlichkeit und berauschend poppigen Bar-Jazz: Im Interview spricht Superstar Melody Gardot über Nacktaufnahmen, ihre Liebe zu Europa und ihr neues Album. "The Absence" ist exklusiv auf SPIEGEL ONLINE komplett vorab zu hören.

Melody Gardot: Weltsprache Sinnlichkeit Fotos
UMG

Als eine der großen Entdeckungen der letzten Jahre wurde sie gefeiert, als blonde, mondäne Schönheit, die einem Cinema-Noir-Klassiker entstiegen zu sein scheint. Dabei ist die US-Amerikanerin Melody Gardot erst 27 Jahre alt. Eigentlich wollte sie Mode-Designerin werden, doch ein Verkehrsunfall stoppte ihr Studium in Philadelphia. Länger als ein Jahr lag Gardot im Krankenhaus. Bei einer Musiktherapie lernte sie Gitarre und professionalisierte ihr Hobby-Klavierspiel. Im Krankenhaus entstandene Aufnahmen fanden den Weg ins Lokalradio, sie bekam einen Plattenvertrag und veröffentlichte die Alben "Worrisome Heart" und "My One And Only Thrill", deren Songs sie vorwiegend selbst schrieb. Auf "The Absence" verarbeitet Gardot ihre Erlebnisse als Weltenbummlerin. Ihr drittes Album erscheint am 25. Mai.

Mit mobilem Endgeräten geht es zum Pre-Listening hier entlang.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen perfekt Französisch und waren lange in Portugal und Frankreich. Was fasziniert Sie als Amerikanerin an Europa?

Gardot: Ich bin nicht typisch amerikanisch. Mich begeistert die jahrhundertalte Geschichte, die enorme Anzahl der Kunst- und Kulturgüter, die Mentalität, die Landschaft. Ich habe kürzlich einen Portwein aus dem Jahr 1813 getrunken, morgens um 5, und mit Freunden über das Leben philosophiert, über europäische Künstler, Maler, Komponisten. Wunderbar. Das kann ich mir in Amerika schwer vorstellen. Dort kennt man Celebritys wie Paris Hilton, starke Frauen aus der Kulturszene nimmt man kaum wahr.

SPIEGEL ONLINE: Hat man es als Frau in Europa leichter?

Gardot: Ich bin keine Feministin, die meisten meiner Freunde sind männlich. Aber eine Frau findet in Europa mehr Freiräume, kreativ zu sein. Ich fühle mich hier zu Hause. Ich liebe Schostakowitsch, ich liebe Rachmaninow, Satie und Chopin. Als ich in Paris gelandet bin, fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben zu Hause, obwohl ich noch nie zuvor da war.

Hören Sie hier das komplette Album: Melody Gardot - "The Absence"

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SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie auch an einem Ort bleiben und eine Platte aufnehmen, oder brauchen Sie ständig neue Einflüsse?

Gardot: Oh, meine beiden ersten Platten sind ja an einem Ort entstanden: in Philadelphia. Es kommt darauf an, an welchem Punkt ich mich in meinem Leben befinde. Jetzt habe ich die Entscheidung gefällt, neue Sprachen zu lernen. Also bin ich losgezogen. Hätte ich entschieden, nach Asien zu gehen, hätte sich die neue Platte definitiv anders angehört. Genauso wäre es gewesen, wenn ich nach Afrika gegangen wäre, was ich sicher noch tun werde. Ich will einfach nichts zweimal machen. Das ist wie mit der Haute Cuisine: Wenn man einmal gelernt hat, welche Qualitäten und welche Inspirationen es gibt, wird man immer auf der Suche nach neuen Zutaten sein, die man zuvor noch nicht kannte und ausprobiert hat.

SPIEGEL ONLINE: Welche neuen Zutaten haben Sie bei Ihrem neuen Album "The Absence" ausprobiert?

Gardot: Die beiden Alben zuvor sind in einer ganz anderen Phase meines Lebens entstanden. Sie sind sehr viel melancholischer und persönlicher. Und sie spiegelten Dinge wider, die ich in jener Zeit erlebt habe. Vieles davon war traurig. Für die neue Platte bin ich viel gereist, nach Portugal, Marokko, Argentinien, Brasilien. Entsprechend anders - auch fröhlicher - hört sich das Album an.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Einfluss hatten Ihre Erlebnisse auf die Musik?

Gardot: An einigen Stationen meiner Reise blieb ich monatelang. Ich wollte das Leben aufsaugen, ich habe zum Teil die Sprache und landestypische Instrumente gelernt. Ich habe großartige Musiker getroffen. Ich wollte meiner musikalischen Biografie etwas Neues hinzufügen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr wichtigster Partner bei den Aufnahmen zum neuen Album war der brasilianische Gitarrist Heitor Pereira, der mit Simply Red und Sting gearbeitet hat. Ist das eine Abkehr vom Jazzsound, der ihre Songs bislang geprägt hat?

Gardot: Wer Musik kategorisiert, limitiert sie. Jazz lässt sich nicht limitieren. Jazz ist Freiheit. Aber ich will nicht jetzt schon Jazz-Standards singen. Das macht man eher gegen Ende seiner Karriere. Da hab ich noch ein bisschen Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin haben Sie schon mit Jazz-Größen wie Charlie Haden, Herbie Hancock und Wayne Shorter Stücke aufgenommen.

Gardot: Allerdings waren das alles nur Studio-Aufnahmen. Gerade beim Jazz unterscheidet sich eine Studio-Aufnahme fundamental von einer Live-Aufnahme. Live kann man die Freiheit, die der Jazz bietet, viel besser ausleben. Bei einem Studio-Album ist man arg beschränkt, die Stücke enden nach vier, fünf Minuten, da entfaltet sich nichts. Wenn ich etwas unbedingt noch machen will, dann eine Live-Platte. Es sind die besonderen Elemente der Präsentation auf der Bühne, die Songs Ausdruck verleihen können. Als ich in Marokko war, habe ich meinen Kopf oft in einen Turban gehüllt. Und ich ich sage Ihnen: Die Musik hörte sich dadurch anders an.

SPIEGEL ONLINE: Sie räkeln sich für ein Musikvideo der neuen Platte nackt am Strand. War das ein Wunsch der Plattenfirma oder ihre eigene Idee?

Gardot: Nein, nein, lassen Sie mich etwas richtigstellen. Es ist kein Musikvideo, es ist ein Making-of-Video, das wir während eines Fotoshootings für eine Schweizer Uhrenmarke und für das Cover des aktuellen Albums gemacht haben. Aber man sieht nie meine Brüste oder den Intimbereich. Es ist geschmackvoll. Es ist eine Illusion. Man denkt, ich sei nackt, ich bin es aber nicht - denn dann wäre es nicht mehr jugendfrei. Und es war meine Idee, nicht die der Plattenfirma. Es passt zu meinem aktuellen Leben. Diese Freiheit habe ich mir genommen. Ich wollte mich schon immer so fotografieren lassen und meinen Körper als Instrument sehen, als Skulptur. Ich war lange genug gehandicapt durch einen Verkehrsunfall. Ich bin eine junge Frau. Wenn es einen idealen Zeitpunkt für so etwas gibt, dann jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Braucht Musik solche Inszenierungen, um wahrgenommen zu werden?

Gardot: Nein. Aber es ist eine Metapher. Es transportiert etwas. Es ist wie beim Besuch eines Landes, dessen Sprache man nicht spricht. Man kann sich nur mit Händen und Füßen verständigen, mit Gesten, mit Lächeln. Mein Shooting ist für Leute gedacht, die meine Musik nicht kennen, die ich aber mit einer solchen Inszenierung interessieren kann, da dies eine Sprache ist, die überall auf der Welt verstanden wird. Aber für "FHM" oder den "Playboy" würd' ich's nicht machen. Das ist nicht mein Geschmack.

Das Interview führte Janko Tietz

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1. Mehr
Brigante 22.05.2012
Zitat von sysopUMGSie steht für perfekt inszenierte Sinnlichkeit und berauschend poppigen Bar-Jazz: Im Interview spricht Superstar Melody Gardot über Nacktaufnahmen, ihre Liebe zu Europa und ihr neues Album. "The Absence" ist exklusiv auf SPIEGEL ONLINE komplett vorab zu hören. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,834389,00.html
als der zur Show getragene Ego-Zentrismus zeitgenössischer Leere ist da nicht auszumachen.
2.
DrStrang3love 23.05.2012
Zitat von Briganteals der zur Show getragene Ego-Zentrismus zeitgenössischer Leere ist da nicht auszumachen.
Wenn schon irgendein Künstler ausufernd mit übertreibenden Spots auf Pro7Sat1-Sendern gehypt wird ("Das neue Meisterwerk von Superstar Blablabla...") hat man zu Recht skeptisch zu sein. Die wenigen Interviews, die ich mit "Superstar" Gardot gesehen habe, und in denen sie ausgesprochen affektiert und von sich selbst eingenommen rübergekommen ist, tragen auch nicht unbedingt dazu bei, mein Interesse zu wecken.
3. macht Lust
citropeel 23.05.2012
Auf deutlich mehr.
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