Popstar Mélovin Die Ukraine brennt ... für einen Vampir

Beim ESC war seine Show eine Fußnote, in der Ukraine ist Mélovin ein Star. Seine Fans feiern ihn als Symbol für Freiheit und Individualismus. Eine Begegnung.

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Aus Kiew und Odessa berichtet Ariana Zustra


Die Ukraine, Land der Untoten: Mélovin liegt in einem Sarg, der eigentlich ein Konzertflügel ist. Der Deckel öffnet sich, der Vampir steigt heraus und eine Treppe hinab. Er trägt ein weißes Hemd, einen schwarzen Umhang und nur im linken Auge eine eisblaue Kontaktlinse. Er singt. Und wie er singt! Dann stolziert er die Treppe wieder hinauf. Die Stufen gehen in Flammen auf, Feuerbälle explodieren auf der Bühne. Nach drei Minuten endet "Under The Ladder", das Lied, mit dem Mélovin im vergangenen Mai beim Eurovision Song Contest (ESC) in Lissabon sein Heimatland vertreten hat. Westeuropa hat seinen Budenzauber längst vergessen. In der Ukraine jedoch wurde der 21-Jährige mit seiner düster-pompösen Performance zu einer Symbolfigur.

"Wir warten auf unseren Superstar", sagt Sveta, ironisch wie eine große Schwester, und guckt auf ihr Handy. "Straßenverkehr", liest sie eine Nachricht von Mélovin vor. "Jaja", sagt sie und grinst. Die Journalistin aus Kiew macht seit einem Jahr das PR-Management für den Sänger - in ihrer Freizeit. "Eigentlich habe ich keine Zeit für ihn, aber ich kann nicht ohne ihn leben", sagt sie.

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Popstar Mélovin: Vorbild Lady Gaga

Wenn man ihm dann begegnet, leuchtet schnell ein, warum er sich für Europas größtes Pop-Schmierentheater als Vampir inszeniert hat: Mélovin wirkt nicht wie ein Normalsterblicher, eher wie der wundersame "Edward mit den Scherenhänden". William Lee Adams, Chefredakteur der populären ESC-Webseite Wiwibloggs, schwärmte von Mélovins Augen: "Er kann in unsere Seele schauen. Es ist magisch."

Mit einer Stunde Verspätung schreiten Mélovin, Artem und Luka in das Hinterzimmer einer Bar am Andreassteig, im Künstlerviertel von Kiew. Seine Begleiter, beide um die 20, stellen sich als sein "Manager" und sein "Künstlerischer Berater" vor. Vor allem aber sind sie Mélovins beste Kumpels. Alle tragen schwarz, das ist die Kleiderordnung in seinem Hofstaat. Sein bürgerlicher Name, Konstantin Bocharov, oder gar sein Kosename Kostya sind tabu, in der Öffentlichkeit gibt es nur die Kunstfigur Mélovin. Der Auftritt, die Titel, der Dresscode: All das wirkt wie eine Szene aus einem Highschool-Musical aus Hollywood, ein bisschen überdramatisch. Doch es ist hart erkämpft.

"Viele im ukrainischen Showbusiness mögen mich nicht", sagt Mélovin. Kein anderer in der Ukraine hat noch im Teenager-Alter solche Berühmtheit wie er erlangt - allein mithilfe seiner Clique und dem Traum, es seinem Idol gleichzutun: Lady Gaga. Angelehnt an das "Haus of Gaga" der US-Entertainerin gründet er mit 14 Jahren seinen eigenen Clan und tauft ihn "Big House Mélovin". Mélovin hat genug Stil, Talent und Willenskraft für eine große Karriere. Was ihm fehlt, ist das, was im ukrainischen Musikbusiness unabdingbar ist: Beziehungen und Geld.

Sechs Mal Casting-Show

Mélovin versucht sein Glück zunächst in Talentshows. Am 10. Oktober 2015 betritt der damals 18-Jährige die Bühne der ukrainischen Ausgabe von "X-Factor": die Haare weiß blondiert, im linken Auge eine schwarze Kontaktlinse, auf seinem T-Shirt der Aufdruck "LIFE". Er setzt sich ans Keyboard und singt "Bez Boyu" von Okean Elzy. Der Titel bedeutet: "Ich gebe nicht auf ohne Kampf". Es ist bereits sein sechster Versuch, in eine Casting-Sendung zu gelangen. Seine Entschlossenheit wirkt: Nach wenigen Sekunden ist das Publikum auf den Beinen, den Juroren stehen die Münder offen. Zwei Monate später geht er als Gewinner aus der Show hervor.

Nach seinem Sieg wollen ihn die "X-Factor"-Produzenten nach ihren Vorstellungen umformen. Er soll ein Teeniestar werden und Kapuzenpullis tragen. Er lehnt ab. Schon als Kind hat er sich zusammen mit seinen Freunden alles selbst beigebracht. Also machen sie es auch jetzt alleine: Konzerte veranstalten, Promo-Termine, Finanzen - um alles kümmert sich das "Big House Mélovin", es gibt kein Plattenlabel, keine Booking-Agentur, keinen Deal. Wenn Mélovin ein Musikvideo dreht, wie etwa zu seinem Lied "Hooligan", werden Kumpels zusammengetrommelt, damit sie in selbst gebastelten Waldschrat-Kostümen nachts um ein Lagerfeuer tanzen.

Mélovin stilisiert sich selbst zum Mythos des Selfmade-Popstar: Er lässt sich "Brave, Love, Freedom" auf den rechten Oberarm tätowieren, sein Mantra. Es sei nicht politisch gemeint, sagt er. "Es geht um Freiheit in allem. Es ist eine Geisteshaltung. Lady Gaga unterstützt Menschen, die anders sind. Jetzt habe ich das Glück, dass ich dasselbe für andere tun kann". Die LGBT-Community in der Ukraine feiert den Sänger für diese Haltung. Mélovin geht in Instagram-Postings in die Offensive: "Die Leute fragen mich immer wieder, ob ich schwul sei. Die Antwort ist: Ich bin lesbisch." Für eine Freundin habe er aber schon lange keine Zeit mehr gehabt. Sein entrückter, androgyner Stil ist modern in der Ukraine, wo ein "echter" Mann bärtig und breitschultrig ist und Schminke nur Frauenkram.

Für die 14-Jährige Kseniya aus Charkiv ist Mélovin "ein Magier". "Er war es, der mir geholfen hat, mein Selbstbewusstsein zu finden", sagt sie. "Weil er in jedem Interview, in jedem Video, auf jedem Konzert wiederholt, dass er an uns glaubt und dass wir an uns glauben sollen." Dank ihm habe sie neue Freunde gefunden. Auf ihrem Instagram-Profil steht: "Don't be shy, play this life", etwa: Sei nicht schüchtern, nutze Deine Chancen im Leben! Es ist ein Zitat aus einem Mélovin-Song.

Er selbst habe früher unter sozialen Ängsten gelitten, sagt er. In der Schule hatte er wenig Freunde. Der spielt keinen Fußball, zieht sich "komisch" an - so einer kann ja nur schwul sein, tuschelte man. "Früher haben mich die Leute immer angeguckt wie einen Freak. Heute gucken mich die Leute immer noch an, aber wenigstens mit Respekt", sagt er. Das Klavierspielen brachte er sich selbst bei, denn aus dem Unterricht, den er besuchte, flüchtete er nach nur zwei Wochen. Er wollte die düstere Musik aus dem Film "Requiem For A Dream" spielen, aber die Lehrer ordneten an, mit Kinderliedern zu beginnen, "so wie alle anderen auch". Aber Mélovin will keine Tradition, er will Gaga.

Pech bei den ESC-Juroren

Nach seinem Schulabschluss bewarb er sich an der Musikakademie in seiner Heimatstadt Odessa. seine exzellenten Noten wurden jedoch heruntergestuft: Er hatte weder Schmiergeld bezahlt, noch kannten seine Eltern zufällig jemanden, der jemanden kennt. Mélovins Vater ist Automechaniker, der nebenbei Wein und Honig herstellt. Die Mutter hilft ihm dabei. Gerade in der Hafenstadt Odessa ist die im ganzen Land virulente Vetternwirtschaft verheerend. Im Ranking des Korruptionswahrnehmungsindex 2017, der 180 Länder in Politik und Verwaltung untersuchte, landete die Ukraine auf dem 130. Platz.

Beim Eurovision Song Contest in Portugal dieses Jahr belegte Mélovin nur den 17. Rang. Hätten nur die Zuschauer entscheiden dürfen, wäre er Siebter geworden. Aber die Jurys spielten nicht mit. Für Irving Wolter, der über den Eurovision Song Contest promoviert hat, ist das wenig überraschend: "So ein Ergebnis ist für die letzten Jahre typisch: Massenkompatible Titel, die beim Publikum gut ankommen, fallen bei den Jurys durch. Das hat etwas mit Psychologie zu tun: Die Juroren wollen ihrem Auftrag gerecht werden und bevorzugen Titel, die weniger Mainstream sind", sagt der Experte. Mélovin kennt diesen Effekt schon. Bereits 2017 hatte er sich für den ESC beworben und stellte einen Rekord auf: Mit 60.000 Stimmen erhielt er die meisten in der Geschichte des ukrainischen Vorentscheids. Gewonnen hat er trotzdem nicht - die Jury schob ihn auf den vorletzten Platz. Nach diesem Rückschlag schrieb er "Under The Ladder", das von Mélovins Schlüsselthema handelt: sich nicht unterkriegen zu lassen.

Kohlezeichnungen, Schneekugeln, Lichterketten

Einige Tage später in Odessa. Als das erste Mädchen in Ohnmacht fällt, steht Mélovin seit einer halben Stunde auf der Bühne des Bono Beach Club, einer Hotelanlage am Schwarzen Meer. Er spielt Lieder seiner aktuellen EP "Face To Face". Es sind Songs, die nach britischem Songwriter-Pop oder nach den Emo-Stürmen von Tokio Hotel klingen. Teenies in Europa oder den USA hätten diese Lieder vermutlich in ihren Playlists auf Dauerwiederholung, wenn sie nur wüssten, dass es sie gibt. Mélovin komponiert und schreibt alles selbst, nur bei den englischen Texten lässt er sich helfen.

Nach der Show herrscht Aufregung in der Umkleide. Es soll ein Zusammentreffen mit Fans geben, aber niemand weiß genau, mit wem und wie vielen. Wenig später steht ein Dutzend Mädchen vor Mélovin. Zwei junge Frauen sind aus Amsterdam angereist, 2300 Kilometer. Nach und nach treten sie vor, reichen ihm handgefertigte Geschenke: Kohlezeichnungen, Schneekugeln, Lichterketten. Die Ehrfurcht macht sie leise. Manager Luka flüstert: "Er ist immer sehr gerührt, wie kreativ sie sind." Mélovin ermutigt seine Fans, aus den traditionellen Rollen der ukrainischen Gesellschaft auszubrechen. Er will das beste Beispiel dafür sein, dass man hier auch von einem unkonventionellen Beruf leben kann. Man muss halt nur brennen können.

"Der Eurovision Song Contest war ein Schritt dahin, auch andere Teile Europas auf mich aufmerksam zu machen", sagt er. "Ich möchte weltweit berühmt werden". Gerne würde er auch ein Konzert für seine Fans in Russland spielen, "aber wegen der Situation kann ich leider nicht", sagt er. Mit "die Situation" umschreibt man in der Ukraine den seit 2014 andauernden Krieg mit dem mächtigen Nachbarn.

Würde er dort auftreten, könnte er in seiner Heimat gezielt benachteiligt werden. So erging es dem Rap-Duo Potap & Nastya, die nach ihren Konzerten in Russland von einigen ukrainischen Medien als Verräter bezeichnet wurden. Es folgten Auftrittsverbote in fünf Städten in der Westukraine.

Auch Mélovin will nichts weiter zur "Situation" sagen. Sie ist ein Dilemma, das er lösen muss, um seine Botschaft von Freiheit und Individualismus über die Grenzen der Ukraine hinaus zu tragen. Es ist jetzt Mitternacht, die Stunde der Geister und Untoten. Ein Taxi bringt Mélovin zum Nachtbus nach Lemberg, zum nächsten Auftritt.



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