Amtlich

Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Hier singt Chelsea Wolfe, die nicht nur Angst hat - sondern auch welche macht Zur Großansicht
Sargent House

Hier singt Chelsea Wolfe, die nicht nur Angst hat - sondern auch welche macht

Die Lusthansa fliegt uns nach Schweden. Von dort reiten wir auf Troubled Horse weiter in die Sechziger. Neurosis fackeln Rinder ab. Dordeduh musizieren fürs Landvolk. Chelsea Wolfe tötet Männer. Enslaved sehen mehr Bäume als Wald. Alles in der November-Ausgabe von "Amtlich".

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Liebe "Amtlich"-Freunde und Hasser, die Medien stehen ja in dem Ruf, aus purem Zynismus dem arglosen Bürger viertelgare Halbwahrheiten unterzujubeln und sowieso nur ein Sammelbecken für Gesinnungsstricher zu sein, für von Drogenkonsum und seelenlosem Kollegensex im Kopierraum zerstörte Existenzen.

Selten aber hat die deutsche Journaille so dummdreist gelogen und sich der Lügerei auch noch selbst überführt, wie hier: "Daher folgt Anfang kommender Woche ein Nachschlag mit Neurosis, Dordeduh, Chelsea Wolfe, The Sword und Downfall of Gaia." So war es in der letzten "Amtlich"-Ausgabe zu lesen.

Tja, da bleibt dem Leser die Spucke weg, da starrt ihm die Fratze der Lüge ungeschminkt ins Gesicht. Denn der oben versprochene Nachschlag erfolgt ja erst jetzt, Mitte der überübernächsten Woche, weil das "Amtlich"-Autorenkollektiv erneut die Verhurung von Firmengeldern vor die pünktliche Befriedigung des Leserinteresses gestellt hat. Unfassbar.

Aber Sie haben den Skandal gleich wieder vergessen, warten Sie's nur ab. Denn sobald die "vierte, stets unparteiisch agierende Gewalt" (Günther J.) der Lüge überführt worden ist, gehört es - wie die Lüge selbst - zu ihrem Standardrepertoire, mit selbstgerechtem Fingerzeig und in einem Tonfall anklagender Besorgnis andere zum Buhmann der Nation zu erklären.

Daher weisen wir jetzt mit größter Sorge darauf hin, dass viele deutsche Medien einmal mehr ihre Berichterstattungspflicht vernachlässigt haben. Denn die Mainstreampresse hat die zu Recht abgefeierten Uncle Acid And the Deabeats erst kürzlich und damit viel zu spät gewürdigt (siehe "RockHard"-Ausgabe 304, Zitat: "von uns lange Zeit unbemerkt"), während unser publizistisches Nischenprodukt "Blood Lust" bereits im Dezember 2011 (!) abgefeiert hat.

Noch mehr gute Nachrichten: Wir kehren hiermit endlich zum ersten Donnerstag im Monat als regulären "Amtlich"-Erscheinungstermin zurück - und zwar ausgerechnet (gerade noch) an Allerheiligen, was besonders befriedigend ist. Denn während die Katholische Kirche ihrer Märtyrer gedenkt, bejubeln wir die Gesänge von Neo-Heiden (Dordeduh) und lobpreisen die Schweden (Troubled Horse), denen ja sowieso nichts heilig ist, diesen promisken Schweinigeln.

Falls Papa Ratzi und seine Boys in Rom sich jetzt beleidigt fühlen - gut so! Wer mit Kirchensteuern genährte Unholde ungestraft davonkommen lässt, obwohl sie Ministranten unters Röckchen gefasst oder Internatsschüler nach der Beichte zum Blow Job genötigt haben, wer Frauen zu unmündigen Gebärmüttern ver-theologisieren will, wer Kondome evil findet, obwohl Afrika an Aids verreckt, der hat kaum besonderse Rücksicht verdient. Oder? Oder???

Und genau so manipulieren die bösen Medien.

Bis denne (und zwar am nächsten Donnerstag - da gibt's einen Bonus).

Troubled Horse - "Step Inside"
(Rise Above/ Soulfood, erscheint am 9. November)

Ringringring.

- "Himmelstein am Apparat, was gibt's? Rock'n'Roll!"

- "Hello Mr. Himmelstein, Lee Dorrian mein Name, Chef von Rise Above Records. Sie gelten als echte Spürnase im Roots-Rock-Geschäft. Ich brauche Ihre Hilfe."

- "Vintage Rock heißt das, Alter! Warte mal. (Plöpp). Hier bin ich wieder. Prost!"

- "Hätten Sie einen Tipp für mich? Ghost sind ja weg, und vom Witchcraft-Backkatalog kann ich nicht ewig leben. Bald gehen mir die Vinyl-Farben aus."

- "Klar. Schon mal '00 Schneider' gesehen? Solange man lebt, soll man rauchen, hahaha! (Atmet genüsslich aus.) Wo waren wir? Ach so, ja. Ich kenne 'ne Menge astreine Bands, so richtig mit Spreizschritt, Klampfe unter den Knien und Bier im Bart: Vanderbuyst, The Scams oder Sister Sin mit der geilen Ollen."

- "Klingt gut, Herr Himmelstein, aber die von ihnen aufgezählten Acts haben unfortunately bereits a different home gefunden."

- "My home is my castle, ne? Blind Guardian und so. Was für ein Rotz. Ich bremse nicht für Hobbits, hahaha!"

- "Ich weiß leider nicht, wovon Sie sprechen. Ich wollte doch nur fragen..."

- "Bleib mal locker, Bruce Lee. (Plöpp). Ich packe gerade meine Siebensachen, also 'n Sixpack und 'ne Schachtel Kippen. Gleich geht's nach Schweden, Snus kaufen, Mucke hören. Mit Lusthansa natürlich, harhar."

- "Wenn Sie dort sind, könnten Sie sich eventuell ein wenig umhören, Herr Himmelstein? Oder einen Aushang machen? 'Nachwuchs-Rockband gesucht!' vielleicht?"

- "Pass mal auf, Kollege: 'nen Aushang mache ich auf'm Klo, wenn ich pinkeln muss. Aber ich habe da gerade was reinbekommen. Troubled Horse. Die Burschen hatten 2010 'ne schicke 7''. Die war mit zwei Songs zwar schneller vorbei, als Saint Vitus "Stern des Südens" nachspielen, klang aber nach amtlich dicken Klöten."

- "Hihi, Sie sind mir ja einer (kichert). Meinen Sie, sie könnten da was, nun ja, arrangieren? Was würde mich denn da generell so erwarten?"

- "Bin ich Nosferatu? Außerdem müsstest DU das doch wissen! Troubled Horse sind die Zweitband von Witchcraft-Basser Ola Henriksson und Spiders-Gitarrist John Hoyles, und der war ja auch mal bei Witchcraft. Und die waren jahrelang auf DEINEM Label, mein Freundchen!"

- "Mag sein, Herr Himmelstein, aber ich habe einen Wasserschaden im Keller und kann mich leider nicht um solche Kleinigkeiten kümmern."

- "Kleinigkeiten? Troubled Horse sind GROSS, Alter! In Örebro mischen sie 'ne ordentliche Portion Rock'n'Roll ins Starköl. Apropos: Schon wieder leer, hahaha!"

- "Aber sind die Herren denn musikalisch nicht viel zu nahe an Witchcraft und damit sogenannte Copycats? Hätte die Band überhaupt eine Chance auf dem Markt?"

- "Hätte, hätte, Fahrradkette. (Plöpp). Natürlich hört selbst 'ne Oma mit Krückstock, dass sich all diese Jungs die gleichen Platten reinpfeifen, aber die hier stehen nicht nur auf Black Sabbath und Pentagram, sondern auch auf Garagen-Kram wie MC5 und The Stooges. Die hören verdammt viel Sechziger-Jahre-Gedöns - sogar mehr als Mehmet Scholl, soweit ich weiß."

- "Mehmet who?"

- "Scholl. Der Kerl, der froh ist, wenn Reinhold Beckmann frei hat, hahaha!"

- "Verstehe. Und die Songs überzeugen auch?"

- "Klar. Alle zehn, die ich kenne. Und die neuen Versionen von "Bring My Horses Home" und "Shirleen" kicken NOCH mehr als auf Single! Wäre ein prima Album."

- "Wissen Sie was, Herr Himmelstein? Klingt exzellent! Vielen Dank für ihre Hilfe!"

- "Stets zu Diensten. (Rülpst). Ich muss jetzt mal los. Bier ist alle." (Gesamtwertung: 8) Boris Kaiser

Anspruch: Sechs Jahrzehnte Rockmusik verbinden. Schafft sonst nur Peter Maffay, und der hat immerhin das Bundesverdienstkreuz. (8)

Artwork: Das schicke Schwarzweiß-Bandfoto übernehmen H&M für eine ihrer Kampagnen. Als Nächstes dann: Cannibal Corpse für Benetton, fotografiert von Oliviero Toscani. Mit Geleitwort von Christa Jenal. (7)

Aussehen: Siehe oben. Man könnte allerdings auch meinen, es ist die "Visions"-Redaktion kurz vor der Weihnachtsfeier. Aber wo ist Britta Helm? (7)

Aussagen: "Himmelstein is the greatest guy we've ever met. A fuckin' sponge! Always thirsty!" (8,5) Boris Kaiser

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Forum - Amtlich - und Ihre Meinung zum Metal?
insgesamt 515 Beiträge
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1.
Kuechenchef, 05.05.2011
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
2.
Volker Paul, 06.05.2011
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
3. Frei ohne Titel
Shiraz, 23.05.2011
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
4. re
marks & spencer 23.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
5. Nix Versteh
kingofmetal 24.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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"Amtlich"-Gastautor Boris Kaiser
  • Boris Kaiser, 38, ist Textchef beim "RockHard", dem Zentralorgan der deutschen Metal-Szene.