Metallica-Interview "Alles Schwachsinn"

Metallica-Bandchef Lars Ulrich, 44, über Moral, Prozesse gegen Fans und Computerspiele als Verdienstquelle

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KulturSPIEGEL: Mr. Ulrich, wir sitzen hier beisammen, aber über "Death Magnetic", das lang erwartete neue Album Ihrer Band Metallica, können wir leider nicht sprechen, weil das noch keiner hören darf. Übertreiben Sie nicht in Ihrer Angst vor der Internet-Piraterie?

Lars Ulrich: Das ist ein Missverständnis. Die Platte ist einfach noch nicht fertig abgemischt. Wir sind spät dran. Ein paar Journalisten haben zwar schon etwas gehört, aber da war unser Management leider voreilig.

KulturSPIEGEL: Weshalb Sie einigen Musik-Websites gedroht haben, die darüber schreiben wollten?

Lars Ulrich: Noch so ein Missverständnis, auch da war unser Management zu unbedacht.

KulturSPIEGEL: Und wenn ich jetzt behaupte, dass ich mir Ihre neuen Lieder längst illegal aus dem Internet besorgt habe ...

Lars Ulrich: ... weiß ich, dass das nicht wahr ist. Wenn unser Album den Weg dorthin bereits gefunden hätte, würde ich das schnell mitbekommen, da bin ich mir sehr sicher.

KulturSPIEGEL: Und dann würden Sie wieder Ihre Juristen-Armee von der Leine lassen, so wie einst gegen den illegalen Tauschdienst Napster?

Lars Ulrich: Quatsch. Natürlich tut man, was man kann, um die Kontrolle zu behalten. Aber wenn die neuen Stücke illegal im Netz landen, falle ich auch nicht tot um. Am Ende des Tages sind es eben doch nur zwölf Rock'n'Roll-Songs und kein Allheilmittel gegen Krebs.

KulturSPIEGEL: So lässig nehmen Sie die Internet-Piraterie sonst nicht. Sie gelten als strenger Download-Feind, der sogar Fans belangte, die Metallica-Songs illegal per Computer verbreitet hatten. Noch ein Missverständnis?

Lars Ulrich: Absolut. Das haben alle gründlich missverstanden. Im Gegenteil, ich fand die Napster-Jungs sogar extrem smart. Das ganze Metallica-verklagt-Napster-und-die-Fans-Gebrabbel ist einfach nur Schwachsinn!

KulturSPIEGEL: Schwachsinn? Tatsache ist: Sie haben Napster vor Gericht gebracht.

Lars Ulrich: Ja, das stimmt, aber da ging es mir doch nur um Kontrolle, um die wichtige Frage, wie Metallica-Lieder im Netz verbreitet werden. Wer sollte da die Verantwortung tragen? Metallica? Oder irgendwelche schrägen Vögel, die wir nicht kennen? Ehrlich gesagt, bevorzuge ich es, wenn Metallica solche Entscheidungen allein treffen.

KulturSPIEGEL: Sie haben lange gezögert, bevor Sie einzelne Tracks der Metallica-Alben zum Online-Verkauf freigaben. Warum?

Lars Ulrich: Ich besitze drei iPods und halte den Apple-Boss Steve Jobs für ein Genie. Trotzdem hänge ich daran, in Plattenläden zu gehen, die Tonträger anzuschauen und anzufassen. Und, ja, ich habe mich im Laufe meiner Jugend daran gewöhnt, Musik als Album, als eine Auswahl von Liedern zu hören. Klar probiere ich, mit der Zeit zu gehen, und das Wichtigste sind nun mal die Fans, und was die Fans sich wünschen, liefern wir, wenn möglich. Und wenn es nun mal einzeln runterladbare Songs bei iTunes sind, die Metallica-Fans glücklich machen, dann respektiere ich auch das. Heute Abend geben wir ein Konzert hier in Sofia, und morgen wird die Show schon bei livemetallica.com zu kaufen und zu hören sein.

KulturSPIEGEL: Und was berechnen Sie dafür?

Lars Ulrich: 10 oder 13 Dollar, wir bieten solche Mitschnitte in zwei Qualitätsstufen an. Aber sehen Sie, damit wollen wir nicht in erster Linie Geld verdienen, so ein Konzert-Download ist eher als Fan-Dienstleistung gedacht. Es ist doch großartig, dass die Welt heute eine einzige Bühne ist. Aber es ist natürlich auch ernüchternd, dass so viel von der alten Magie auf der Strecke bleibt.

KulturSPIEGEL: Was vermissen Sie?

Lars Ulrich: Wenn man früher auf Tournee in eine neue Stadt kam, waren die Fans gespannt darauf, wie die Bühne aussieht und die Lightshow oder was für Songs wir im Programm haben. Heute gibt es keine Geheimnisse mehr, alle Informationen sind mit ein paar Klicks im Internet verfügbar. Ich musste lernen, mich damit abzufinden, dass die Dinge im Internet kaum zu kontrollieren sind und es besser ist, vieles einfach zuzulassen.

KulturSPIEGEL: Wie erklären Sie einem 14-Jährigen, warum er online für Musik zahlen sollte, die er mit einem Klick auch umsonst auf seine Festplatte laden kann?

Lars Ulrich: Gegenfrage: Wie erklären Sie diesem 14-Jährigen, dass er in einem Laden an der Kasse für seine Einkäufe zahlen muss?

KulturSPIEGEL: Die Risiken kann man kaum vergleichen. Im Internet ist die Chance, erwischt zu werden, verschwindend gering.

Lars Ulrich: Aber das macht die Sache doch nicht besser. Ich habe drei Kinder, denen ich regelmäßig den Unterschied zwischen Richtig und Falsch erläutere, und ich hoffe, dass ich so Verständnis dafür wecken kann. Das ist ja auch eine Frage der Moral. Mein ältester Sohn ist zwar erst zehn, aber seit er zwei ist, benutzt er Computer. An illegalen Downloads ist er nicht interessiert, er begeistert sich vielmehr für Computerspiele wie "Guitar Hero". Und über diese Art von Spielen haben meine Kinder auch viel über Musik gelernt.

KulturSPIEGEL: Und darüber waren Sie so begeistert, dass Metallica flugs eine Kooperation mit den Herstellern von "Guitar Hero" eingingen, so dass nun Ihr neues Album "Death Magnetic" auch als "Guitar Hero"-Edition vermarktet wird?

Lars Ulrich: Vielleicht, aber ich bin kein ausgesprochener Videospiel-Fanatiker und sorge schon bewusst dafür, dass meine Kinder nicht mehr Zeit damit als nötig verplempern. Aber über "Guitar Hero" haben meine Kinder Deep Purple, Black Sabbath und andere großartige Bands, mit denen ich aufgewachsen bin, entdeckt. Und sie scheren sich weniger um das Zeug, das viele ihrer Altersgenossen nun hören müssen, so wie Green Day oder Fall Out Boy.

KulturSPIEGEL: Glauben Sie, dass solche Kooperationen zwischen Musikern und Computerspiel-Firmen ein Zukunftsmodell für die orientierungslose Musikbranche sind?

Lars Ulrich: Absolut. In fünf, vielleicht zehn Jahren werden wahrscheinlich viele Tonträger auch ganz selbstverständlich in einer Videospielkompatiblen Version erscheinen, so wie heute fast alles auch bei iTunes veröffentlicht wird.

KulturSPIEGEL: War es Ihre Idee, mit "Guitar Hero" zu kooperieren?

Lars Ulrich: Nein, die sind an uns herangetreten. Aber wir waren uns sofort einig, dass wir das für eine gute Idee halten. Sehen Sie, die Verantwortlichen solcher Firmen sind meist enorm angenehme Partner. Es sind supercoole Kids, Musikfans und keine Geschäftsmänner im klassischen Sinn.

KulturSPIEGEL: Aber eben auch geschickte Geschäftemacher, die wohl bald mehr Geld umsetzen werden als die angeschlagene Musikindustrie, oder?

Lars Ulrich: Natürlich ist das eine Riesenindustrie, aber sie unterscheidet sich doch in ihrer Herangehensweise an die Dinge. Ich empfinde es nahezu als Anarchie und sehr erfrischend, wie die Geschäfte aufziehen.

KulturSPIEGEL: Könnten solche Übereinkünfte für Metallica in der Zukunft wichtiger als Plattenverträge sein?

Lars Ulrich: Ach, die Zukunft ist ein Bastard, weil sie dummerweise so schwer vorherzusagen ist. Fest steht, dass unser neues Album "Death Magnetic" das letzte vertraglich vereinbarte Werk mit unserer bisherigen Plattenfirma ist. Mit der nächsten Platte, die wir machen, können wir also anstellen, was wir wollen. Vielleicht ist das in fünf Jahren, und wer weiß schon, wie die Dinge dann stehen? Und natürlich verfolgen wir aufmerksam, wie Kollegen wie Nine Inch Nails oder Radiohead mit ihrer Freiheit so umgehen.

KulturSPIEGEL:Der Radiohead-Ansatz, ihr Album "In Rainbows" zu einem Preis nach freier Wahl zum Download anzubieten, war radikal. Wäre das eine Option für Metallica?

Lars Ulrich: Radikal? Na ja, ich würde es eher sehr cool nennen, was Radiohead da getan haben. Aber es ist auch nur eine von vielen Optionen für ein Album: CD? Download? Deluxe-Box-Set? Oder doch Vinyl? Vor 40 Jahren gab es einfach nur LPs und Singles. Braucht man heutzutage so viele Optionen? Offensichtlich ja. Der Vorteil dieser neuen Herangehensweisen ist schon, so direkt wie noch nie mit den Fans zu kommunizieren. Das ist cool. Der Nachteil ist, dass sehr viele leidenschaftliche Leute von Plattenfirmen und Plattenläden auf der Strecke bleiben, Menschen, die sich mit Leib und Seele für Musik begeistern. Aber natürlich fragt man sich als Metallica, warum man den Umweg über Plattenfirma und Laden nehmen sollte, wenn man die Fans auch direkt erreichen kann. Fragen Sie mich in fünf Jahren noch mal, wofür wir uns entschieden haben.

KulturSPIEGEL: In den USA haben Sie neulich an einer Aktion zur Rettung der Plattenläden teilgenommen. Wollen Sie den Lauf der Zeit aufhalten?

Lars Ulrich: Ich glaube nicht, dass die Welt sich so rasant verändert, wie manche es sich vorstellen. Es gibt die Tendenz zu orakeln, dass in 20 Jahren die Autos durch die Luft fliegen. Das Fußballstadion, in dem wir beide hier sitzen, sah vor 20 Jahren aber fast genauso aus wie heute und erfüllt immer noch seinen Zweck.

KulturSPIEGEL: Aber dass Plattenläden oder sogar Ketten wie Tower Records am laufenden Band dichtmachen, steht fest.

Lars Ulrich: In großen Städten wird es trotzdem noch für viele Jahre Plattengeschäfte geben, da bin ich sicher, es werden aber eher kleine Läden für unsere Generation sein. Ja, und irgendwann sterben sie dann wohl leider ganz aus.

KulturSPIEGEL: Haben Sie als Musikfan eigentlich schon mal Lieder illegal aus dem Internet runtergeladen?

Lars Ulrich: Ich lasse runterladen, aber nur Sachen, die man sonst nicht findet.

Das Interview führte Christoph Dallach


Metallica: "Death Magnetic" (erscheint am 12. September).



© KulturSPIEGEL 9/2008
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