Metallica im Interview "Dieser verrückte ungarische Blick"

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Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser, wir präsentieren: die neue alte Metal-Kolumne, jetzt im Blog-Format. Zum Start ein paar Fragen an Drummer Lars Ulrich und Bassist Robert Trujillo von Metallica. Zu ihrem Kinofilm "Through the Never". Und über das Dasein als globaler Musikkonzern.

Ulrich: "...und Harry Potter. Ach ja, und "Children of Men" ist auch von dem. Hast du den gesehen?

Trujillo: Nee, habe ich nicht.

Ulrich: Der Typ ist ein echter Motherfucker...

SPIEGEL ONLINE: Ah! Alfonso Cuarón und "Gravity", Sie haben schon mal ohne mich angefangen und sind schon beim Thema Kino, wie nett. Rob, wie oft haben Sie den neuen Metallica-Film "Through the Never" eigentlich selbst gesehen?

Trujillo: Hm... irgendetwas zwischen acht- und zehnmal? Oder so?

SPIEGEL ONLINE: Zehn Mal? Im Ernst?

Trujillo: Ich denke schon. Wir haben halt die verschiedenen Schnittversionen analysiert. Und selbst bei der endgültigen Imax-Fassung läuft dieser Prozess im Kopf noch weiter.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist das so, wenn der Leinwand-Robert- Trujillo zehnmal auf den echten Robert Trujillo zustürmt? Und das auch noch in 3D?

Trujillo: Och, mir selbst zuzugucken, finde ich jetzt gar nicht mal so aufregend. Aber ich mag's, diesen Jungs da zuzusehen (deutet auf Lars Ulrich).

SPIEGEL ONLINE: Aber die sehen Sie doch eh ständig.

Trujillo: Na ja, die Idee hinter "Through the Never" war ja, dass wir die Zuschauer zu uns holen und sie die Bühnenenergie spüren lassen wollen. Ihnen einen Eindruck davon vermitteln, wie es sich dort oben anfühlt, face to face mit James Hetfield oder Lars Ulrich.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie überhaupt einen Konzertfilm gedreht? Und dann noch mit fiktionalen Elementen, also dieser apokalyptischen Rahmenhandlung?

Ulrich: Die Idee geistert seit etwa 1997 durch die Gegend. Wir haben bereits mit Imax gesprochen, als die noch Taucherfilme und so einen Kram produziert haben. Vor drei, vier Jahren poppte die Idee dann wieder hoch - und dieses Mal sind wir dran geblieben. Unser Management hatte eher einen klassischen Konzertfilm im Kopf. Aber wir haben ja bereits so viele Live-DVDs veröffentlicht. Unsere Überlegung war: Wenn wir etwas in dieser Größenordnung und mit 3D probieren, dann wollen wir andere Elemente als nur die Live-Performance bieten - so wie bei "The Wall". Und dann sahen wir den Wahnsinn in den Augen von Nimród E. Antal und entschieden: Er ist der Mann.

SPIEGEL ONLINE: Antal war ja zum Beispiel der Regisseur von "Predators". Warum war er der Richtige?

Ulrich: Ich habe in einer relativ frühen Phase des Projekts, also vor zwei, drei Jahren, mit einem Haufen Leute in Hollywood gesprochen - ungefähr ein Dutzend Regisseure, einige von ihnen stehen auf der A-List. Funkte aber irgendwie alles nicht. Wir als Band hatten eine vage Vorstellung davon, Konzertsequenzen mit einer Story zu verbinden. Wir wussten eben nur nicht, welche Story das genau sein sollte. Als ich Nimród traf, war er hungrig, er zweifelte nicht groß, sondern sprang sofort auf die Idee an, er hatte diesen verrückten ungarischen Blick. Und er schreibt auch Drehbücher - so dass er den Roadie namens Trip, die fiktive Hauptfigur des Films, und auch die anderen Charaktere gleich entwickeln konnte.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen zehn Jahren haben Sie nur zwei Studioalben veröffentlicht - aber auch zwei Filme. Ist Metallica noch eine Rockband oder ein globaler Multimedia-Konzern?

Trujillo: Gute Frage.

Ulrich: Allerdings. Merke ich mir. Die klassische Schinderei - Album, Tour, Album, Tour, Album, Tour - ist sicherlich nicht mehr unser Ding. Wir probieren einfach gern viele Sachen aus, wir sind neugierig, wir veranstalten ja zum Beispiel auch unser eigenes Festival (Orion Music + More - d. Red.). Die Metallica Experience bedeutet: Wir kommunizieren auf vielen Wegen mit dem Publikum. Wobei es uns hauptsächlich darum geht, in kreativer Hinsicht edgy zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Metallica Experience? Klingt nach Marketingseminar.

Ulrich: Na ja, manche Menschen benutzen auch das Wort brand. Metallica als brand? Horseshit! Alles ist ja noch immer in der Musik verankert. Gäbe es keine Musik, existierte der andere Kram auch nicht. Aber ich verstehe Ihren Punkt. Und der Hauptaugenmerk nächstes Jahr liegt schon darauf, unser nächstes Album zu machen. Dann komme ich nach Deutschland und sage stolz: Drei Alben. Zwei Filme.

SPIEGEL ONLINE: Nächstes Jahr? Wirklich?

Ulrich: Das ist unser Ziel, ja.

SPIEGEL ONLINE: Ehrlich?

Ulrich: Sie wissen genauso gut wie ich, dass immer etwas dazwischen kommt. So wie ich hier sitze und Ihnen in die Augen schaue, sage ich aber ehrlichen Herzens: Das ist unser Ziel für das Jahr 2014.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn schon angefangen?

Trujillo: Ha! Wollte ich gerade sagen. Anfang des Jahres haben wir rumgejammt und begonnen zu schreiben, ein Riesenspaß. Und es ist ja nicht so, dass wir zu wenig Ideen oder keine Songs mehr in uns hätten und keine Riffs. Nein! Genau das Gegenteil ist der Fall. Unser großes Problem ist: Wir haben zu viele Riffs. In dem Moment, in dem James Hetfield sein Kabel einstöpselt, den Regler aufzieht und die Gitarrenseiten anschlägt, kommt ein gutes Riff dabei heraus. Manchmal sind die weggeworfenen Riffs sogar die besten - und zumindest welche, auf die andere Bands neidisch wären. Sobald wir uns unsere Instrumente überstreifen, verwandeln wir uns beinahe wieder in Teenager und stehen in der Garage. Dieser kleine spezielle Bestandteil trägt Metallica als Band. Und "Through the Never" ist ja sowieso nur eine Erweiterung der Musik.

Ulrich: Unser größter Feind ist die Zeit. Sie reicht nie, um all das zu verwirklichen, was wir möchten - auch dieses Interview ist zu kurz.

SPIEGEL ONLINE: Was wenig verwunderlich ist. Sie, Lars, müssen ja nebenbei ein Unternehmen steuern. Betrachten Sie sich eigentlich selbst als C.E.O. von Metallica International Ltd.?

Ulrich: Gott hilf uns allen!

SPIEGEL ONLINE: Sie sind eine Art C.E.O., leugnen Sie's nicht.

Ulrich: Ernsthaft, hören Sie mal: Natürlich leben wir nicht Unkenntnis darüber, wer wir sind und was um uns herum passiert. Und natürlich gibt es sehr viele Leute, die mit uns arbeiten. Metallica war schon immer eine kollektiv orientierte Einheit: Wir teilen Dinge, wir saugen Dinge auf. Aber im Kern hat Rob recht: Wir sind vier Typen, die in einem Raum hocken und Musik machen. Das hat sich gar nicht so sehr verändert. Klar, die Außensicht ist eine andere: 20 Leute laufen mit Clipboards in der Hotellobby herum, das wirkt larger than life. Aber im Herzen ist da noch immer diese Unschuld und Unwissenheit - zumindest bei mir.

SPIEGEL ONLINE: Ach?

Ulrich: Ja! Wir besitzen unser eigenes Gebäude, 1400 Quadratmeter groß, wir haben ein eigenes Studio, und 25 Leute arbeiten daran, unsere Website zu bestücken. Aber ich gehe da manchmal durch und frage mich: Wann kommen wohl die wahren Besitzer zurück? Wache ich morgen auf, und alles war doch nur ein Traum? All diese kleinen Unsicherheiten halten uns wenigstens ein bisschen frisch.

SPIEGEL ONLINE: Beschreiben Sie doch mal das neue Album - mit drei Worten.

Ulrich: Mit drei Worten!?

SPIEGEL ONLINE: Ja, los jetzt mal.

Trujillo: Power. Groove. Dynamics.

Ulrich: Coming. Your. Way.

Das Interview führte Thorsten Dörting



insgesamt 517 Beiträge
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Seite 1
Kuechenchef, 05.05.2011
1.
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Volker Paul, 06.05.2011
2.
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
Shiraz, 23.05.2011
3. Frei ohne Titel
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
marks & spencer 23.05.2011
4. re
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
kingofmetal 24.05.2011
5. Nix Versteh
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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