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Zum Tod von Michael Jacksons Vater

Joe, der Stahlarbeiter

Als Manager ein Genie, als Vater das Grauen: Joe Jackson nutzte gnadenlos das Aufstiegsversprechen des Soul. Er machte seinen Sohn zum größten Star der schwarzen Musik - und sich selbst zum Millionär.

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Donnerstag, 28.06.2018   15:19 Uhr

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Soul ist aus Stahl gemacht. Ein frühes Zentrum der Musik war die Autobauerstadt Detroit, hier saß das Label Motown. Während bei General Motors der Stahl zu Autorkarossen verschweißt wurde, gingen bei Motown die Soul-Hits vom Fließband. Als Präzisionsarbeit, im Akkord, zum Großteil bei lausiger Bezahlung.

Das war die Welt, in der ein Stahlarbeiter namens Joe Jackson Ende der Sechzigerjahre das erfolgreichste Familienunternehmen des Soul errichtete: die Jackson 5, aus deren Mitte Michael eine Solokarriere entwickelte, die es so in der schwarzen Musikgeschichte nicht wieder gegeben hat. Vater Jackson war Kranführer in der Stahlstadt Gary gewesen. Mit Intelligenz und Härte machte er seine Kinder zu Superstars.

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Einer der wenigen, der nach Joe Jacksons Tod aufrichtige, lobende Worte für ihn fand, war Barry Gordy, der alte Patriarch von Motown. Er erklärte: "Ich erinnere mich, wie er seine talentierten Kinder zu Motown brachte. Man sah sofort, dass sie sehr diszipliniert waren und dass ihnen ihre Eltern ein starkes Arbeitsethos eingeimpft hatten."

Was Gordy als Arbeitsethos beschreibt, klang in der Erinnerung von Michael Jackson nach Stahlbad. Verspielten sich die Jungs bei den Proben, wurden sie gezüchtigt. Michael glaubte, sich an Eisendrähte zu erinnern, mit denen er geschlagen worden sei. Vater Joe widersprach: "Ich schlug ihn nicht. Schlagen tut man mit einem Stock. Ich peitschte ihn mit Gerte und Gürtel."

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Joe Jackson erweckte Zeit seines Lebens den Eindruck, im Reinen mit sich zu sein. Bestätigung für die Misshandlung seiner Kinder (er hatte zehn eheliche und ein uneheliches) sah er darin, dass sie fast alle Karriere machten. Auch er selbst war als Kind gezüchtigt worden, auch er selbst sah sich als Bestätigung seiner Erziehungsprinzipien. Sein Credo: "Kinder sollten ihre Eltern fürchten."

Erst Prügel, dann Bandgründung

Joseph Walter Jackson wurde 1928 in Fountain Hill, Arkansas, in ärmlichen Verhältnissen geboren. Er führte ein unstetes Leben, flog von der High School, verdingte sich als Amateurboxer, spielte in einer erfolglosen Rhythm'n'Blues-Band namens The Falcons. Mit seiner Frau Katherine ließ er sich schließlich in Gary nieder, die alte Gitarre verschloss er im Schrank, um sie vor den Kindern in Sicherheit zu bringen.

Eines Tages holte sie der Sohn Tito doch heimlich heraus. Beim Spiel riss ihm eine Saite, der Vater soll ihn dafür verprügelt haben. Danach stellte er aus seinen Söhnen die Band Jackson 5 zusammen, Michael, der jüngste, war erst fünf Jahre alt. Geprobt wurde im Wohnzimmer, 1968 brachte die Band mit "Big Boy" ihre erste Single heraus, die ein lokaler Radiohit wurde.

Der kleine Michael singt darauf im umwerfend beflissenen Falsett die Zeilen: "Fairy tales, fairy tales / I don't enjoy / Fairy tales and wishful dreams / Are broken toys." Märchen sind was für Kinder, Märchen sind wie kaputtes Spielzeug. Gleich diese ersten Worte zeugen von einer Gnadenlosigkeit. Gleichzeitig schlagen die Jungs hier so leichtfüßig ihre Pirouetten, als wäre das Leben ein einziger großer Kindergeburtstag. Illusionierungspop in seiner schönsten Pracht - wie traumwandlerisch sicher diese Musik daherkam. Und wie hart erarbeitet und kalkuliert sie doch war.

Soul, das war Ende der Sechziger ein Aufstiegsversprechen, Joe Jackson nutzte es rigoros: "I Want You Back", "ABC" und "I'll Be There" wurden durch seinen Druck bei Motown zu Hit-Singles und die Brüder Tito, Jackie, Jermaine, Marlon und Michael zum Schwarm aller Teenager.

"Schrecklicher Mensch, fantastischer Manager"

Michael erinnerte sich einmal an seinen Vater: "Er war ein schrecklicher Mensch - und ein fantastischer Manager." Und ja: Das Geschäftsgenie Jackson verstand immer wieder, die Zeichen der Zeit zu lesen. Er beobachtete, wie sich das Musikgeschäft in den Sechzigern und Siebzigern von mittelständischen zu multinationalen Strukturen veränderte, es ging um Millionen und Milliarden, und von denen wollte er etwas abhaben.

1975 verließen die Jackson 5 die Firma Motown, Joe fädelte einen spektakulären Deal mit CBS ein. Er soll zehnmal so viel eingebracht haben wie der beim Motown-Label, das er anschließend gemeinsam mit seinen Jungs verklagte. Für Michael schob er dessen Solokarriere an, er war 1982 noch an der Entstehung von "Thriller" beteiligt, dem meistverkauften Musikalbum aller Zeiten. Doch zu dieser Zeit sagte sich Michael von seinem Vater los.

Seine Danksagungen an den Alten waren stets von erstaunlicher Sachlichkeit: "Er hat immer beides wahrgenommen: unsere Interessen und seine. Ich bin dankbar dafür, dass er nicht versucht hat, alles Geld für sich zu behalten, so wie das die Eltern von anderen Kinderstars gemacht haben."

Auch nach der Trennung von Michael blieb Joe ein knallharter Verhandler, der wusste, dass Macht im Musikgeschäft nur hat, wer Verträge aushandeln kann. Oder aushebeln. Kurz nach dem Tod seines Sohnes durch eine Medikamenten-Überdosis 2009 versuchte er (erfolglos), dessen letzten Willen anzufechten. Die öffentliche Aufmerksamkeit um den Tod nutzte er, um in Interviews seine eigene Plattenfirma zu bewerben.

Am Mittwoch erlag Joe Jackson, einer der großen Einpeitscher der Illusionsmaschine Pop, im Alter von 89 Jahren in Las Vegas einem Krebsleiden.

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