Jazz-Star Michael Wollny Auf schwarzen Tasten gibt es keine falschen Töne

Der Pianist Michael Wollny ist einer der wenigen deutschen Jazzmusiker, die es in die Popcharts schaffen - so geschehen mit seinem Album "Nachtfahrten". Nun geht er damit auf Tour und weiß: "Abends beruhigt sich die Welt."

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ACT/ Jörg Steinmetz

Es gibt den Grand-Prix der Volksmusik, es gibt den Eurovision Song Contest, seit 2011 gibt's "The Voice of Germany", den Heiligabend gibt's mit Carmen Nebel, einmal im Jahr zeigt das ZDF die "Helene-Fischer-Show". Warum, zum Teufel, gibt es keine Michael-Wollny-Show?

Oh, sagt Michael Wollny, da wüsste er gar nicht, was er machen sollte in so einer Show. Schon die Echo-Verleihung, die im Fernsehen übertragen wird, erschienen ihm surreal. Sieben Mal hat er den begehrten Preis schon bekommen. Aber Fernsehen sei ein interdisziplinäres Medium, bei dem alles zusammentrifft. Bühne, Schauspielerei, Musik, Text, Licht, Publikum. Alles sei bis ins Letzte inszeniert. Etwas wie Jazz, etwas, das nicht planbar sei, passe einfach nicht ins Fernsehen, sagt Wollny. "Die Intensität, die Jazz hat, hat den Preis, dass man nie ein großes Publikum damit erreicht."

Das kann man falsche Bescheidenheit nennen. Oder auch echte. Denn Michael Wollny hat ein großes Publikum - ganz ohne Fernsehen. Seit einem Jahrzehnt ist er der Star der deutschen Jazz-Szene, macht alte Recken wie Klaus Doldinger, Joachim Kühn oder Albert Mangelsdorff langsam vergessen. Seine Platte "Weltentraum" kam in die Top 50 der Charts, was Jazz-Alben nur selten schaffen, und nur ganz große Ignoranten im Kulturbetrieb können oder wollen mit dem Namen Michael Wollny nichts anfangen.

Vielleicht auch deshalb, weil er nicht kategorisierbar ist, was der Kulturbetrieb ja so gern tut. Jeder Akteur bekommt seine Schublade. Aber in welche steckt man jemanden, der am Klavier "Das Modell" von Kraftwerk interpretiert, der am selben Instrument live im Kino mit dem Norske Blåseensemble über den Stummfilm "Nosferatu" von F. W. Murnau improvisiert, der sich für schwarze Romantik interessiert und sein jüngstes Album deshalb "Nachtfahrten" nennt?

Am besten in keine, denn mit einer Schublade verbindet man immer etwas Verlässliches. Doch Michael Wollny ist allenfalls verlässlich in der Abfolge seiner Überraschungen. "Jazz ist der Begriff, der so wahnsinnig viel meint heute", sagt Wollny, der 37-Jährige, der auch als Professor an der Musikhochschule Leipzig lehrt.

Immer wieder gebe es Versuche, diesen Begriff abzulegen oder ihn auf etwas Historisches zu münzen oder auf eine Stilistik. "Aber für mich ist es immer eine Haltung. Heißt: Nicht mit komplett fertigen Kompositionen zu hantieren, sondern mit Elementen, die man in einen Band-Zusammenhang stellt und die im Moment des Zusammenspiels aufgelöst werden." Jazz sei öffnend und individuell und die Musik des Möglichmachens. Wild, aggressiv, anarchisch oder reflektiert, konsonant, harmonisch. Das Spektrum sei riesig.

Im Studio wurde die Nacht simuliert

In Berührung kam Wollny mit dem Genre nicht etwa durch große Namen. Nein, seine acht Jahre ältere Schwester, selbst Pianistin und studierte Musikerin, improvisierte zu Hause, was dem kleinen Michael arg imponierte.

Entgegen gängiger Praxis ließ sein Klavierlehrer die Literatur beiseite und ließ Wollny einfach ausprobieren. Mal Popsongs nachspielen, mal nur auf den schwarzen Tasten musizieren. "Auf schwarzen Tasten gibt es keine falschen Töne", war das Credo des Lehrers. Und auch später orientierte sich Wollny nicht an den big names der Szene, sondern an der Jazzband des musischen Gymnasiums, auf das er ging, und am Orchester des Konservatoriums in Würzburg, an dem er studierte. Der Tenorist aus dem Jahrgang über ihm war sein Held, nicht John Coltrane.

An diesem Mittwoch beginnt in der Berliner Philharmonie Wollnys große Deutschland-Tour. Dort wird er "Nachtfahrten", sein jüngstes Werk, live vorstellen und Leute, die das Album kennen, werden die Musik nicht wiedererkennen.

Auf der Platte ist die Musik magisch und mysteriös und extrem reduziert, zum Teil dauern die Titel nicht mal drei Minuten. Wollny und seine Mitstreiter Eric Schaefer am Schlagzeug und Christian Weber am Bass begrenzen Klangfarben und Harmonien bewusst, spielen über weite Strecken nur Dreiklänge und Bogenmelodien, trauen sich, Stücke in nur ganzen oder halben Noten oder lediglich in Dur-Akkorden zu spielen, greifen einen Gedanken auf und bringen ihn schnell wieder zu Ende. Der wenige Platz dazwischen bleibt für Obertöne.

Kurze Nokturnen bestimmen die Musik, angelehnt an Hitchcocks "Psycho" oder David Lynchs "Twin Peaks", erst übertragen auf die 50 Minuten Spieldauer ergibt sich ein Gesamtbild, ein kleines Universum, zumindest aber eine kleine Welt.

Die Platte entstand tagsüber, auch wenn sie "Nachtfahrten" heißt. Das fensterlose Studio in Ludwigsburg haben sich die Musiker blau illuminiert, um die Nacht zu simulieren. Die Konzerte aber, die finden abends statt.

"Abends beruhigt sich die Welt", sagt Wollny. Dunkelheit mache zwei Dinge: "Sie fördert den Blick nach innen, und sie öffnet Kanäle und Antennen nach außen. Man hört Dinge und nimmt Sachen in einem dunklen Raum anders wahr als in einem hellen." Sternstunden der Spontaneität und Intensität sind zu erwarten.


Die Tournee von Michael Wollny zum Album "Nachtfahrten" startet am 28.10. im Kammermusiksaal in Berlin und endet am 13.11. in der Hamburger Laeiszhalle. Alle Termine hier.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
deegeecee 28.10.2015
1. Auf schwarzen Tasten gibt es keine falschen Töne?
Der vermeintliche Sinn dieser Aussage bleibt durch den Artikel genauso nebulös wie zuvor.
Sabbelbacke 28.10.2015
2. Mehr Jazz bitte
Gefällt mir gut der Mann. Deutschland war noch nie ein Jazz-Land...leider. Es gibt zwar viel Live-Angebot, aber alles wird sehr exklusiviert - heisst: Konzerte sind oft elitär teuer. Da lob ich mir den gemütlichen kleinen Jazz-Session-Keller. Aber auch die sind leider viel zu rar gesäht.
Sam_Dicamillo 28.10.2015
3. Authenticjazzman
An Sabbelbacke, Sie haben gesagt " Deutschland war nie ein Jazz-Land". Ja und nein, in Deutschland gibt es schon lange ausgezeichtneten Jazz Musiker, aber viele Jazz Liebhaber/Musiker in Germany sind gleichseitig vehemente Amerika-Hasser, und diese Zusammenstellung bringt nichts gutes. Der Jazz wird in Deutschland irgendwie total falsch verstanden, und umgedeutet als eine anti-amerikanische Kunstform. "Bird" hatte die Gelegenheit in Frankreich, als Star, zu leben, hat es aber abgelehnt mit der Erklärung er ist "Amerikaner". Italien ist , meiner Meinung nach, die nr eins Jazz land in Europa, mit den top-Solisten, und Italiener sind im grossen ganzen Amerika freundlich. Chet (Baker) lebte zeitweise dort. Authenticjazzman, "Mensa" Society mitglied seit vierzig jahren.
tpk 28.10.2015
4. Auf schwarzen Tasten gibt es keine falschen Töne?
Zitat von deegeeceeDer vermeintliche Sinn dieser Aussage bleibt durch den Artikel genauso nebulös wie zuvor.
Stimmt, für nen Musiklaien bleibt das dunkel. Setzen Sie sich mal bei Gelegenheit an ein Klavier und spielen Sie drauflaus. Verwendung aller Tasten: Disharmonisches Klanggewusel, 12 Ton Musik. Nur die weißen Tasten: Wenn Sie verschiedene gleichzeitig drücken, geht das klanglich oft auch schief. Nur die schwarzen Tasten: Was immer und wie viele gleichzeitig Sie spielen, klingt immer harmonisch. Nennt sich Pentatonik.
neuronensalat 28.10.2015
5. Schwarze Tasten
Herr tpk hat das hervorragend erklärt. Als Ergänzung: Das bedeutet, dass es statt sieben möglichen Tönen einer Tonleiter, wie es in der westlichen Musik gebräuchlich ist, nur fünf mögliche Töne gibt. (Penta = 5) Diese Form der Tonleiter ist in vielen Ländern, unter anderem in Ostasien, gebräuchlich.
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