Midem: Knistern aus Berlin

Von Marianne Wellershoff

Auf der weltgrößten Musikmesse Midem in Cannes zeigten die kleinen Nationen neues Selbstbewusstsein gegenüber den Angloamerikanern - die Zahlen geben ihnen Recht.

Der Club "Whisky à Gogo" liegt auf einer Landzunge, ein Stück außerhalb des Zentrums von Cannes. Das Bier kostet dort 21 Mark, und der schummrige, mit roten Samtmöbeln und goldenen Säulen dekorierte Riesenraum wirkt wie eine in die Jahre gekommene Touristenfalle.

Aus der neuen Musikhauptstadt: Elektro-Punk-Künstlerin "Peaches"

Aus der neuen Musikhauptstadt: Elektro-Punk-Künstlerin "Peaches"

Am vergangenen Montag war deutscher Abend bei der Musikmesse Midem an der Côte d'Azur: "Berlin Berlin" hieß das Motto, und im "Whisky à Gogo" sollten Berliner Künstler wie Tronthaim, Recorder, Peaches, Raz Ohara oder Le Hammond Inferno dem Rest der Welt beweisen, dass die deutsche Hauptstadt das neue Musikzentrum Europas ist. "Die Zeit ist reif für Berlin, um ins Rampenlicht zu tanzen", hatte der Berliner Musikverleger Rolf Budde selbstbewusst in der täglich erscheinenden Midem-Zeitschrift verkündet. Auch bei der Pressekonferenz am Vormittag hatte ein französischer Moderator bestätigt, dass Berlin wirklich "crazy" sei.

Zwar erinnerte die Club-Möblierung mehr an verstaubte französische Provinz als an Großstadt, aber trotzdem sei die Veranstaltung ein Erfolg gewesen, so Budde: Eine amerikanische Plattenfirma wollte Peaches sofort unter Vertrag nehmen, und Tronthaim wurde fürs nächste Festival in Riga gebucht. Normalerweise, so der Musikverleger, werden solche Verhandlungen erst Wochen nach der Messe geführt.

Grafik Top-Singles
DER SPIEGEL

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"Das deutsche Produktvolumen ist größer denn je", sagt Peter Kirsten, 65, Deutschland-Präsident des Musikverlags Global Chrysalis. Er besucht die französische Messe, die für Geschäftsabschlüsse wichtiger ist als die viel größere Kölner Popkomm, seit ihrer Gründung vor 35 Jahren regelmäßig und hat festgestellt: Die deutschen Künstler denken und arbeiten immer internationaler. Allerdings bleibt ihnen in Wahrheit auch nichts anderes übrig, als zu exportieren: Im Vergleich zum Vorjahr sank der Tonträger-Umsatz 1999 in Deutschland um nominal 2,9 Prozent. Es war damit das zweite Minusjahr in Folge.

Erfolgreich sind deutsche Künstler im Ausland dann, wenn sie sich nicht deutsch anhören und auch nicht unbedingt deutsch aussehen - wie der Münchner Lou Bega, der mit "Mambo No. 5" einen weltweiten Hit landete. Oder im Gegenteil, wenn sie gerade deutsch und modern wirken, wie der Frankfurter DJ Sven Väth.

Erfolgsformel "deutsch und modern": Sven Väth
Virgin Records

Erfolgsformel "deutsch und modern": Sven Väth

In großem Stil seien deutsche Eigenproduktionen zwar nach wie vor nur in Einzelfällen exportierbar, "so wie das einst mit Snap und später mit Rammstein gelang", sagt Peter Zombik, 50, Geschäftsführer des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft. Doch auf dem deutschen Markt wachse die Bedeutung inländischer Werke - "und das", so Zombik, "macht uns einigermaßen stolz". Der Anteil der Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum an den Single-Charts stieg von 34 Prozent im Jahr 1976 auf 44 Prozent im vergangenen Jahr. Die Allmacht der angloamerikanischen Importe sei gebrochen, glaubt Zombik, "zumindest zeigen sich da klare Grenzen".

Mit dem Interesse am Heimatklang liegen die Deutschen im Trend. Global steigt der Anteil nationaler Musik an den Umsätzen: auf ein Rekordhoch von 66 Prozent im ersten Halbjahr 2000. Allenfalls Superstars wie Ricky Martin oder die irische Familien-Band The Corrs, die bei der Midem eine Auszeichnung erhielt, stehen weltweit in den Hitparaden. Und so wird das neue Selbstbewusstsein von jahrelang bedeutungslosen Popnationen überall auf der Midem demonstriert: Die Gastgeber selbst haben ein meterhohes Plakat mit dem Motto "France Influence" an den hässlichen Betonklotz des Festivalpalasts geklebt.

Internationale Hits französischer Künstler wie Daft Punks "One More Time" oder Modjos "Lady" haben das Selbstbewusstsein des Landes gestärkt.

Französischer Teenie-Star Alizée
AFP

Französischer Teenie-Star Alizée

Der notorische Eigensinn der Franzosen spiegelt sich mehr denn je in den Charts. In den aktuellen Single-Top-Ten findet sich kein Eminem und keine Britney Spears, dafür aber Isabelle Boulay und der Tennis-Rentner Yannick Noah. Platz eins und drei belegt ein Teenie-Star namens Alizée. Deren spektakulärer Erfolg ermutigt jetzt auch die deutsche Plattenfirma Polydor, ihr Glück mit der Französin zu versuchen - obwohl es vor Jahren schon misslang, den französischen Superstar Mylène Farmer in den deutschen Charts zu etablieren. Die Japaner klotzen mit der Devise "Access to Japan" - doch das ist eine Mogelpackung: Es geht ihnen weniger um den Zugang zum japanischen Markt für fremdländische Produktionen als um ihr neues Sendungsbewusstsein. Stolz legen sie Zahlen für 1999 vor, nach denen der Anteil von Eigenproduktionen am japanischen Markt auf 80 Prozent gestiegen ist.

Und doch gibt es Hoffnung für Europa auch im Fernen Osten: Der japanische Superstar Towa Tei ließ nämlich während der Midem beim Berliner Label K7 anfragen, ob er das Rosenheimer Duo Funkstörung für sein Land unter Vertrag nehmen könne. Für dessen Elektro-Avantgardemusik sieht er in seinem Land gute Marktchancen: Knistern, Jaulen und andere seltsame Geräusche, die klingen wie ein implodierender Verstärker.

MARIANNE WELLERSHOFF

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