Himmlische Streicher Brücke zwischen Hamburg und Venedig

So klingt Barock bestechend aktuell: Neue Aufnahmen von Ensemble Resonanz und der Violinistin Midori Seiler beseelen und bezaubern.

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Eigentlich könnte Hamburg ein Bach-Festival vertragen. Nein, keines für den großen Johann Sebastian, sondern eines rund um das üppige Werk des hoch talentierten Sohnes und zu seiner Zeit immens erfolgreichen Carl Philipp Emanuel (1714-1788). Immerhin gab es zum Gedenkjahr 2014 jede Menge Aufführungen, aber um einen Künstler seines Ranges herum könnte man sich neben dem kleinen Bach-Museum ein prächtiges Alte-Musik-Event mit Barockmusik und zeitgenössischen Werken ausdenken.

Wie glänzend der kompositorische Elan von Carl Philipp Emanuel Bach in die Gegenwart passt, beweisen einmal mehr die Musikerinnen und Musiker vom Ensemble Resonanz, die inzwischen zu einem echten Aushängeschild hanseatischer Kulturvielfalt geworden sind. Vom Barock bis zur Gegenwart gelingt es ihnen immer wieder zu überraschen - wie jetzt mit der Einspielung zweier Cellokonzerte und einer kleinen Sinfonie (harmonia mundi) des produktiven Bach-Sohns.

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Die melodische Fülle und ein treibender Rhythmus, vereint mit meditativen Zwischensätzen bei C.P.E Bach klingen schon wie Vorboten der Wiener Klassik à la Haydn und Mozart.

Ein Könner zwischen Barock und Moderne

Der Ton des Violoncellos macht auch hier die Musik: Jean-Guihen Queyras, in Montréal geborener französischer Virtuose, verfügt über die Repertoirebreite von Barock bis zur Moderne. Damit passt er ideal zum Ansatz des Über-den-Rand-Schauens des Ensemble Resonanz und prägt mit seinem schlanken und dennoch sanglichen Ton die Interpretationen, ohne sie zu dominieren. Ein ideales Zusammenspiel, für das auch der Dirigent des Ensembles, Riccardo Minasi sorgt, wie er schon vor zwei Jahren sehr gelungen demonstrierte. Noch so ein feiner Partner, der die Musik zum Schweben und Schwingen erhebt.

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Himmlische Streicher: Resonanz und Seiler: Kunstbrücken

Auf ganz anderen Spuren bewegt sich die deutsch-japanische Violinistin Midori Seiler, die auf ihrer neuen Doppel-CD "Vivaldi - La Venezia di Anna Maria" (Berlin Classics) eben jener Barockgeigerin ein Denkmal setzt, deren außergewöhnliches Talent sich im Waisenhaus entwickelte und gefördert wurde. Die Geschichte des außergewöhnlichen "Ospedale", das sich so intensiv um seine Zöglinge, meist Waisen, kümmerte, ist in den vorbildlichen Liner Notes des Albums ausführlich dargestellt. Was sich musikalisch um das Phänomen Anna Maria rankte, hat Midori Seiler exemplarisch zusammengestellt.

Ein Phänomen aus dem Waisenhaus

Auch ihr stand ein bewährtes und stets abenteuerlustiges Kammerensemble zur Seite. Das Concerto Köln verwaltet sich wie das Hamburger Ensemble Resonanz selbst, es gibt in Gestalt von Lorenzo Alpert einen künstlerischen Leiter, flankiert von vier Musikern als ständige Konzertmeister. Gemeinsam stehen die 18 Mitglieder vom Concerto Köln wie die Kolleginnen und Kollegen von der Elbe für das Kölner Musikleben: als eigenwilliges, international renommiertes Musikkollektiv.

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Gleich sieben Vivaldi-Konzerte vereinen die beiden CDs, ergänzt durch Werke von Baldasare Galuppi (1706-1785) und Tomaso Albinoni (1671-1751). Interessante Gegensätze zwischen unkonventionell wie die Frischekur in Sachen Concerti bei Vivaldi und der eher traditionelle Ansatz von Albinoni. Als Brücke zwischen beiden wirkt in diesem Programm der dezente Neuerer Galuppi, dessen kurzes Concerto a Quattro leider nur eine Kostprobe des interessanten Komponisten bietet.

Kraftvoll und elegant

Midori Seiler beherrscht diese Facetten der venezianischen Barockmusik mit feiner Tongebung und einer soliden Portion Erfahrung. In der Musikstadt Salzburg als Tochter eines Pianistenpaares aufgewachsen und ausgebildet (u.a. von Sándor Végh, Helmut Zehetmair), widmete sie sich von Beginn ihrer Karriere dem vorklassischen Repertoire. Bei den Vivaldi-Konzerten führt sie das Ensemble mit kraftvollem, aber elegantem Bogen, flüssig-klaren Melodielinien und einem sicheren Gefühl für Tempi und rhythmische Akzente.

Zuletzt stellte Midori Seiler Johann Sebastian Bachs Partiten und Sonaten für Violine solo maßgeblich dar, ein Höhepunkt in der Karriere der 49-jährigen Virtuosin. Eine Gipfelstürmerin und eine perfekte Interpretin des Repertoires von Anna Maria, der so überaus talentierten Künstlerin aus dem Waisenhaus.

Möglich, dass Midori Seiler hier auf den Spuren einer Schwester im Geiste wandelt. Beseelt und bezaubernd klingen ihre Vivaldi-Visionen auf jeden Fall.



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