Abgehört - neue Musik Eine Vorratspackung Migos, bitte!

Migos gelten als Beatles des modernen Hip-Hops. Ihr neues Album ist jedoch keine Popkunst, sondern blähendes Spotify-Futter. Außerdem: And The Golden Choir und Verschollenes von den Television Personalities.

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Migos - "Culture II"
(300 Entertainment/Quality Control, seit 26. Januar)

Wer hat Migos eigentlich im letzten Jahr beraten? Der Deutsche Beamtenbund? Das Finanzministerium? Die Wirtschaftsweisen? Anders lässt sich dieses Monstrum kaum erklären: Geschlagene 106 Minuten schält sich "Culture II", das dritte Album der Rap-Superstars aus Atlanta und Nachfolger ihres Hit-Albums "Culture", aus den Lausprechern, das entspricht ungefähr der Länge eines "Tatort" samt "Tagesschau". Anzahl der Überraschungen dabei: genau eine.

"Hey, I know this might sound weird to say", rappt der immerhin in Bestform agierende Takeoff im zurückgenommenen "Gang Gang", "but would you love me if I ran away?" Ja, was wäre eigentlich, wenn man sich gerade jetzt, auf dem Zenit, einfach verkrümeln würde? Ein normales Leben wollte? Die Zeile ist ein unerwarteter Einblick ins Innenleben von Migos - und schnell wieder vorbei. Denn wenige Sekunden später wird der Schalter wieder umgelegt: zurück zu teuren Uhren, teuren Autos, billigem Geld und ihrem charakteristischen Triolen-Flow, den gefühlt jeder Rapper - von Eminem bis zum Kreisliga-Reimer aus der Provinz - schon mal geklaut hat.

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Im dirty south somit nichts Neues, auch wenn Migos ihr altes Rezept stellenweise mit einer Art MDMA-getränktem G-Funk anreichern. Und damit einige Hits provozieren: Das von Kanye West koproduzierte "B.B.O. (Bad Bitches Only)", das schmissige, vom allgegenwärtigen Pharrell Williams produzierte "Stir Fry", oder das Drake-Feature "Walk It Talk It". Damit wäre die "Tagesschau" gefüllt. Der folgende "Tatort" klingt aber über weite Strecken wie eine Wiederholung im dritten Programm. Oder schlicht wie ein einziger Song mit bedenklicher Überlänge.

Eine Enttäuschung also? Nein, vielmehr absolut logisch: Migos liefern mit "Culture II" einfach (sehr viel) mehr von dem, was sie in den fünf Jahren seit ihrem Durchbruchs-Mixtape "Young Rich Niggas" zur einflussreichsten Hip-Hop-Gruppe der letzten Jahre hat wachsen lassen. Einer Band, die immer wieder mit Recht als die Beatles dieser Generation bezeichnet wird. Und was ist das? Ein betörend simpler Hedonismus, der so ganz anders ist als die Realität.

Amerika geht politisch und gesellschaftlich den Bach runter, Sexismus im Showgeschäft erweist sich als epidemisch und auch sonst ist alles kompliziert? Pah! Quavo, Offset und Takeoff feiern einfach weiter den eigenen Erfolg. Für ihre Fans hat das auch etwas Beruhigendes: wenigstens hier funktioniert der alte Materialismus noch. Ein Migos-Album ist immer auch breitbeinig produzierte Zerstreuung: Mit Uhren aus der Schweiz, Autos aus England und Koks aus Kolumbien gegen das schlechte Gewissen gegenüber der Welt.

In seiner geballten Ideenlosigkeit ist "Culture II" deshalb paradoxerweise das wohl zeitgeistigste Album, das Migos hätten aufnehmen können - und ein Beweis dafür, wie nachhaltig die Streaming-Ökonomie das Musikgeschäft verändert hat. Extrem erfolgreiche Gruppen wie Migos verdienen ihre Patek-Philippe-Uhren längst in Klicks. Kategorien wie Mainstream und Untergrund, künstlerische Integrität oder das Albumformat gelten als gestrig und nebenrangig. "Culture II" beugt sich allein dieser ökonomischen Realität und liefert eine XXL-Vorratspackung für die nach Migos-Sound dürstenden Fans. (6.5) Dennis Pohl

And The Golden Choir - "Breaking Of Habits"
(Caroline/Universal, ab 2. Februar)

Schnieke sieht er aus, mit den abgeschnittenen Haaren. Noch vor weniger als einem Jahr tourte Tobias Siebert mit seiner Band Klez.e und dem Album "Desintegration" als Robert-Smith-Zottelkopf-Hommage durch das Land. Jetzt zeigt sich der Berliner Multi-Instrumentalist, Produzent und Sänger auf dem Cover seiner neuen Platte als And The Golden Choir ganz ordentlich und existenzialistisch im Rolli. Ähnlich aufgeräumt klingt auch seine Musik.

Borcholtes Playlist KW 5
SPIEGEL ONLINE
01 Tocotronic: Die Unendlichkeit
02 And The Golden Choir: The Rain
03 Kat Frankie: Bad Behaviour
04 Rhye: Count To Five
05 Migos: Stir Fry
06 Justin Timberlake: Supplies
07 Johnny Greenwood: Phantom Thread I
08 Alexandre Desplat: The Shape Of Water
09 John Cale: Days Of Steam
10 Von Südenfed: Flooded

Der Goldene Chor, das ist Siebert natürlich selbst: Wie schon auf seinem hervorragenden Debüt spielt er sämtliche analogen und digitalen Instrumente auf "Breaking With Habits" - und schafft es dennoch, in Songs wie "The Garden" oder "Clocks" ein Soundspektrum und -Volumen zu erschaffen, für das die hier nahestehenden Radiohead eine komplette Band brauchen.

Siebert aber, kein Bruch mit Gewohnheiten, bleibt Solitär. Nicht nur in seinem, wie er sagt, assoziativ entstehenden Melancholie-Folk, sondern auch als Figur im Pop-Betrieb. Kompetenter agiert hierzulande wohl niemand an der Schnittstelle zwischen Gospel und Indierock, Elektronik-Pop und deutscher Schwermut. Außer vielleicht Konstantin Gropper alias Get Well Soon. Noch so einer, der sich gerne zum Geheimnis macht und lieber verschwindet, als sich laut zu exponieren.

Worin besteht aber dann das Neue dieses Albums, das den Ausbruch im Titel trägt? Siebert öffnet sich mutiger und souveräner als zuvor seinem Pop-Anspruch: "Air Fire Water" ist ein aufwogender Gospel-Blues mit Achtzigerjahre-Refrain, der es in einer besseren Welt auch in die Charts schaffen könnte. Mit "Joker" traut sich Siebert, seinen an Anohni angelehnten Falsett-Gesang selbstbewusster auszuformulieren. Songs wie "Distressed Jeans", "My Lies" und "How To Conquer A Land" stellen Fragen nach tagespolitischen Konfliktstellungen, loten Selbstgerechtigkeit und Heuchelei aus.

Der Kokon, den Siebert noch 2015 auf "Another Half Life" um sich spann, ist aufgerissen und lässt Licht ins Trübe. "Take Me Out Of Your Rain", singt er, ganz klarsinnig in "Rain", neben "Air Fire Water" und "The Queen Of Snow" der reinste und beseelteste Popsong des Albums. All das "Uhu-Huhuu", das Zirpen, Klöppeln, Rauschen und Schwingen, mit dem Siebert seinen bisher verdunkelten Stubenklang anreichert, kündigt den Frühling an. Wie schön. (7.9) Andreas Borcholte

Television Personalities - "Beautiful Despair"
(Fire Records/Cargo, seit 26. Januar)

Musik, deren seltsame Schönheit weitgehend unbemerkt von den Rändern aus ins Zentrum strahlt: Die Television Personalities sind eine der großen kleinen, vergessenen britischen Bands. Sänger Dan Treacy verband seine Liebe zum psychedelischen Pop mit der Idee von Punk. Punk nicht im Sinne von Aggressivität und Rebellion, sondern im Sinne von künstlerischer Freiheit, die sich auch von den eigenen überschaubaren technischen Fertigkeiten nicht in ihrem Ideenreichtum begrenzen lässt.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

In diesem Fall: Low Fidelity, Spaß an popkulturellen Referenzen, charmante "I would prefer not to"-Haltung und, vor allem, Texte, die die Welt mit wenigen Zeilen ausleuchten können. Das 1981 erschienene Debüt "...And Don't The Kids Just Love It" war von einer großen, gleichwohl ironisch gebrochenen Sehnsucht nach der Popkultur der Sechzigerjahre beseelt. Schon für diese Platte hätten die Television Personalities eigentlich reich und berühmt werden müssen. Nichts passierte. Die Band blieb ein ewiger Geheimtipp.

1990 nahm Treacy mit einem Vierspurrecorder und dem Bandkollegen Jowe Head in dessen Wohnung eine Platte auf, die erst jetzt, 28 Jahre später erschienen ist. "Beautiful Despair" ist das spartanischste Album der Television-Personalities. Der Drumcomputer klöppelt teilnahmslos, die Gitarre klingt immer wieder, als würde sie von einem 16-Jährigen im Keller seines Elternhauses gespielt. Die simplen Melodien und Treacys Stimme erzeugen den Eindruck einer forciert naiven Weltwahrnehmung. Was an Fragen und Beobachtungen in diesen Songs steckt, klingt existenziell und kindlich zugleich: "How does it feel/ To be loved the way you are?" Glücklich ist, wer darauf aus eigener Erfahrung antworten kann.

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Mit genialem Dilettantismus hat das wenig zu tun, aber viel mit konzeptueller Stringenz, die mit ganz einfachen Mitteln auskommt. "You make a lot of good things happen/ Don't say you don't/ Whatever you do or say/ I hope you have a nice day", singt Treacy und hat über die letzten zwei Zeilen einen Stimmeffekt gelegt, der die Freundlichkeit ins Surreale kippen lässt. Nur einer der vielen Hinweise darauf, dass hier wenig ohne zweite Bedeutungsebene auskommt.

In ihrer Sprödigkeit sind die skizzenhaften Songs von "Beautiful Despair" nicht der beste Einstig in das Universum der Television Personalities. Das ist aber auch alles, was man an Relativierendem über diese Platte sagen kann. (7.5) Benjamin Moldenhauer


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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