Neues Album von Miley Cyrus Göre Gaga

Runter vom emanzipatorischen "Wrecking Ball", rein in die kuschelig-konservative Country-Romantik: Pop-Wechselbalg Miley Cyrus vollzieht auf ihrem neuen Album erneut einen radikalen Imagewandel.

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Was interessiert den Popstar sein Geschwätz von gestern? "I'm not fucking leaving the country, that's some ignorant shit, that's dumb", sagte Miley Cyrus kürzlich in einem Interview mit dem britischen "NME". Das Magazin hatte die Sängerin darauf angesprochen, warum sie denn eigentlich immer noch in den USA lebe, schließlich habe sie vor der Wahl angekündigt, sie werde wegziehen, wenn Trump Präsident würde: "I don't say things I don't mean."

Nun ist Trump seit fast einem Jahr Präsident und Miley Cyrus immer noch da. Sie lasse doch nicht ihr Land im Stich, wenn sie ihm noch ein paar "gute Dinge" mitzuteilen habe, sagte sie dem "NME" . Welche sind das wohl? Am Freitag erscheint ihr neues Album "Younger Now", das überraschende Antworten auf diese Frage bietet.

"Older Now" müsste die Platte eigentlich heißen, denn Cyrus, die in wenigen Wochen 25 wird, gibt sich darauf geradezu frühvergreist. Es ist das besinnlich-abgeklärte Country-Album, das Künstlerinnen normalerweise zum Eintritt ins Alterswerk veröffentlichen. Aber natürlich ist bei Miley Cyrus nichts normal.

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Miley Cyrus: Zunge zeigen

Die 1992 in Tennessee geborene Sängerin und Schauspielerin gehört zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Pop-Künstlerinnen der vergangenen zehn Jahre. Nach ihrer Karriere als Disney-Kinderstar "Hannah Montana" wechselte die Tochter des Country-Sängers Billy Ray Cyrus 2013 radikal ihr Image, kokettierte mit ihrer Vorliebe für Marihuana und andere Drogen, tauschte die brünette Lockenmähne mit einem grellblonden Pixie-Cut und posierte im Videoclip zu "Wrecking Ball" nackt auf einer Abrissbirne.

Aus dem keuschen Teenie-Idol wurde ein sexuell provokantes, Kraftausdrücke en gros erteilendes enfant terrible, das sich ein urbanes, zwischen EDM, Pop und Hip-Hop oszillierendes Album "Bangerz" maßschneidern ließ. Zum Höhepunkt dessen, was man für ihre künstlerische und persönliche Emanzipation aus Disneys Verwertungszusammenhängen hielt, brachte sie 2015 ein ganz und gar unkommerzielles LSD-Pop-Album mit der Artrockband The Flaming Lips heraus.

Rückkehr als romantische Monogamistin

Mitte dieses Jahres kehrte sie dann, im Engelslook am Strand tanzend, mit ihrer Single "Malibu" zurück ins Pop-Business. "Feels like I just woke up, like all this time I've been asleep", singt sie darin zu radiotauglichem Gitarren-Einerlei. Gut zur Geltung kommt vor allem ihre Contralto-Stimme, die jetzt, older now, ein bisschen an Courtney Love erinnert.

Allerdings ohne deren Riot-Grrrl-Impetus. Der wird zwar auf dem Album-Cover in lederkluftig-burschikoser Elvis-Pose annonciert, ist aber in Texten und Musik der Inszenierung einer domestizierten, gänzlich unbekifften jungen Frau gewichen, die es sich mit ihrem Verlobten Liam Hemsworth samt Haus und Hunden in Malibu kuschelig macht. Statt sich ausdrücklich als autarkes Subjekt zu bestimmen, stilisiert sich Cyrus in ihren größtenteils selbst geschriebenen neuen Liedern als romantische Monogamistin, deren Glück und Erfüllung vom männlichen Gegenpart abzuhängen scheint.

Songtitel wie "Week without You", "Miss You so Much", "I Would Die for You" oder "Love Someone" sprechen da auch politisch Bände: Nach einer kurzen Phase der Kapriolen, früher nannte man das spöttisch "Hysterie", kehrt die Frau in die tradierten Strukturen des Patriarchats zurück - und hört damit auf, eine Bedrohung der Verhältnisse darzustellen.

Die Skandalnudel-Persona wird als fremdartig abgespalten: "Even though it's not who I am/I'm not afraid of who I used to be", singt sie in "Younger Now". So ergibt dann der Titel auch Sinn: Als aufbegehrende Göre schien sie reifer und erwachsener als in ihrer nun faktisch älteren, aber regressiven Neuerfindung like a virgin. Das "Wrecking Ball"-Video, vielleicht ihr größter Befreiungsschlag, sei ihr inzwischen unangenehm, sagt sie im "NME"-Interview. Nicht weil sie darin nackt sei, sondern weil sie sich jetzt an einem anderen, tiefsinnigeren Ort sehe. No regrets, aber auch keine Konsequenzen?

All-American-Variante ihrer selbst

Tiefsinniges findet sich auf "Younger Now" allerdings ebenso wenig wie musikalisch Aufregendes. Interessant ist aber die Dialektik, mit der Cyrus ihren wiederum radikalen Imagewandel rechtfertigt: "No one stays the same/Change is a thing you can count on", singt sie, und bedient sich beiläufig des Vexierspiels der wandelnden Persönlichkeiten und Gestalten, das von Madonna bis Lady Gaga schon viele Stars gespielt haben - um dem Zeitgeist einen Spiegel vorzuhalten, aber auch, um auf einem Markt der Schnelllebigkeiten ökonomisch flexibel zu bleiben.

Die Metamorphose der Miley Cyrus in eine nun mit allen Wassern der Pop-Semiotik gewaschene All-American-Variante ihrer selbst, bedient also auch ganz zynisch einen mit Trump auf reaktionär gedrehten Zeitgeist. Als Country-Mädchen bietet sie sich sowohl dem konservativen Publikum ihrer Nashville-Herkunft an, will aber zugleich auch nicht die progressive "Bangerz"-Kundschaft vergraulen. Ein Spagat, an dem schon Lady Gaga mit ihrem letzten Album "Joanne" scheiterte. Kein Wunder: Artifizielle Anverwandlung und Authentizitätsversprechen bleiben unvereinbare Gegensätze.

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Miley Cyrus:
Younger Now

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Dabei ist es der am konservativsten klingende Song ihres neuen Albums, der am meisten Kraft aus den widerstreitenden Images schöpft: "Rainbowland" ist eine klassische Country- und Westernnummer, die Cyrus im Duett mit ihrer Patentante Dolly Parton, singt, Nashvilles Übermutter.

Gar nicht reaktionär geht es aber im Text zu, der ein Utopia der Geschlechter- und Genderfreiheit beschwört. Das passt zu der von Cyrus gegründeten Happy Hippie Foundation, die obdachlosen und wegen ihrer Sexualität diskriminierten Jugendlichen hilft. Das erinnert dann doch wieder an den Miley-Punk auf der Abrissbirne, der rebellisch die libertäre Zunge rausstreckt.

Wenn das die "guten Dinge" sind, die Cyrus ihrem Land so subversiv verkleidet mitteilen will, ist es sehr gut und wichtig, dass sie noch da ist.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
t-notifications 29.09.2017
1. Wechsel zu Country?
Da sollte sich der Autor vielleicht noch einmal Can't be Tamed anhören, sowie die Backyard Sessions. Da waren eher Bangerz und die Dead Petz die Ausrutscher.
Criticz 29.09.2017
2. Was ist daran neu? Alles geklaut von anderen, hier wohl v.a.
von Madonna. Die für jedes Album auch ihr Image wechselte. Immerhin wird sie hoffentlich Erfolg haben - und nicht wie Lady Gaga nach Flopalben und Dauerjammerei nun ihr ach so schwere Starleben ausgerechnet via TV nach aussen tragen.
Miker 29.09.2017
3.
Miley Cyrus ist ein optisch-akustisches Geschäftsmodell mit bestimmten Zielgruppen. Die Musik finde ich eher nervig, gelegentlich ein Titel geht, zwei sind mir zuviel. Ich weiß ziemlich genau, dass ich mir nie Miley Cyrus' Musik kaufen werde.
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