Deutsche Popstars Milky Chance Straight Outta Kassel

Mit "Stolen Dance" gelang Milky Chance als einer der wenigen deutschen Bands ein Welthit. Jetzt erscheint ihr zweites Album. Der Weg dorthin war nicht leicht. SPIEGEL ONLINE hat das Duo fast ein Jahr begleitet.

Anthony Molina

Von und Fabian Pieper (Video)


Bei Milky Chance kam der Erfolg so aus dem Nichts, dass man tief mit ihnen in den Wald gehen muss, um das Gefühl zu bekommen, jetzt ist es auch egal. Jetzt können sie auch sagen, wie sie sich wirklich fühlen.

Vor wenigen Tagen, als Clemens Rehbein und Philipp Dausch zu Gast bei dem amerikanischen Late-Night-Talker Conan O'Brien sind, kommt einem so ein Satz wieder ins Gedächtnis, den Rehbein damals, vor fast einem Jahr, unter den Bäumen sagte: "So ein Hype ist was Komisches. Ich denke oft, nächste Woche ist er nicht mehr da." Dabei geht es gerade wieder los.

40 Konzerte hatten Milky Chance zuletzt in den USA und Kanada gespielt. Alle Auftritte waren ausverkauft. Moderator O'Brien fragte die beiden nun etwas verwundert: "Ihr seid aus Deutschland?" Ja, war die knappe Antwort. Dabei ist es ein Rätsel, weshalb das Duo aus Nordhessen international gerade so beliebt ist wie kaum eine andere deutsche Band. Wohlgemerkt, keine vom Goethe-Institut finanzierte Völkerverständigungsbeliebtheit. Eher so, dass man in Kalifornien auf dem Weg zum Venice Beach Milky Chance im Radio hört.

Sie hätten anders antworten können: Ja, wir kommen aus Kassel. Auf YouTube haben wir im Frühjahr 2012 drei Lieder hochgeladen. Eines davon hieß "Stolen Dance". Es wurde 300 Millionen Mal angeklickt. Vier Millionen Mal verkauft. Weltweit haben wir dafür Goldene Schalplatten bekommen. Und zweifach Platin. Und vierfach Platin. Wir wohnen immer noch in Kassel. Oft jedenfalls. Denn meistens reisen wir unserem Erfolg hinterher.

Wenn an diesem Freitag das zweite Album "Blossom" erscheint, dann liegt hinter Milky Chance ein irrwitziges Jahr: Erfolge, Reisen, Konzerte. Es waren aber auch Monate mit Zweifeln. Was komponiert man nach einem Welthit? Wie begegnet man den Erwartungen der Musikindustrie?

Video: Milky Chance im Studio

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Rehbein, dunkles Haar, markanter Oberlippenbart, ist Sänger und Gitarrist der Band. Dausch, mit Locken und Dreitagebart, sorgt für Beats und Effekte. Beide sind 24 Jahre alt. Das neue Lied von Milky Chance heißt "Cocoon". Es erzählt von einem Ort, an den man sich immer wieder zurückziehen kann. Und wenn man beide betrachtet, wie sie so zart in den Studiokulissen stehen, dann will man sie sofort einpacken und zurück in ihre Heimatstadt Kassel fahren.

Musiklabel im Blumenladen

Dort, in einem alten Fachwerkhaus im Stadtteil Kirchditmold, liegt im ersten Stock das ehemalige Kinderzimmer von Rehbein. Ein Foto ihrer ersten Jazzband "Flown Tones" liegt auf dem Schreibtisch. An der Wand ein -Bob Marley- Poster. Es ist Frühsommer 2016. Rehbein betritt den Raum und setzt sich in der Mitte auf den Boden. Er sagt: "Genau hier haben wir unser erstes Album abgemischt." Er breitet die Arme aus und zeigt auf die alten Lautsprecherboxen seines Vaters. An dieser Stelle sei das Klangverhältnis am besten, es gebe kaum Nebengeräusche.

Im Erdgeschoss gibt seine Mutter gerade Flötenunterricht. Was hat sich seit dem Erfolg ihres Sohnes verändert? "Ich muss ihm nichts mehr hinterhertragen. Clemens und Philipp sind selbstständiger geworden", sagt sie.

Im Abstellraum ist noch das provisorische Tonstudio eingerichtet. Schaumstoff zur Dämmung der Akustik klebt an den Wänden, bezahlt vom Konfirmationsgeld. Wer immer auf der Welt ihr erstes Album "Sadnecessary" hört, aus diesem Haus kommt die Musik.

Noch zu Schulzeiten besorgte sich Rehbein ein Aufnahmeprogramm für den Computer. Weil er nur die Demoversion hatte, konnte er Musikaufnahmen nicht anhalten. Er musste jedes Lied durchspielen, bei Fehlern neu anfangen. Seitdem ist er ein Virtuose an der Gitarre.

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Milky Chance: Kassel für sich

Rehbein und Dausch schlugen damals alle großen Major-Deals aus, sammelten stattdessen Geld im Freundeskreis und eröffneten in einem ehemaligen Blumenladen ein Musiklabel. Sie gaben sich einen Namen, den Rehbein sich schon mit 15 Jahren ausdachte: Milky Chance. Der wurde größer, als er sich das je erträumte.

Musik ist jetzt auch ein Job

In Kassel schrumpft alles wieder auf Normalmaß. Kippen kaufen bei Rewe, Spazieren gehen im Wald an der Hessenschanze. Es ist Juni 2016. Rehbein ist vor sieben Monaten Vater geworden. Gemeinsam mit seiner Freundin wohnt er in einer WG. Demnächst wollen sie in ein Haus zu ihren Eltern ziehen, sagt er.

Dausch ist seit eineinhalb Jahren Vater. Die Mutter lebt mit dem Kind in den USA. Seine Dachgeschosswohnung ist vollgestellt mit elektronischen Drums, Boxen, Gitarrenkoffern. Sie haben die vergangenen Monate gechillt, Spaß gehabt, Songs geschrieben. Die Nachbarin ist Mitte 20 und hat auch schon mal geklingelt. Jetzt sind sie am Abend leiser. Dausch hat ihr eine CD versprochen, wenn das Album fertig ist.

Was ist diesmal anders? Beim ersten Mal seien sie Freunde aus der Oberstufe gewesen, die keinen Bock hatten, sich an der Uni einzuschreiben. Jetzt sei die Musik auch ein Job, sagt Dausch. Mit Terminen, Erwartungen, Verträgen.

Das ist ihr großes Thema. Sie sprechen immer wieder darüber. Smart sein, ein Konzert zu einem unvergesslichen Erlebnis machen - das mussten sie lernen. Es gibt Geschichten von Fans, die irritiert von Konzerten kamen, weil die Band kaum mit dem Publikum interagierte. Wie bekifft sollen sie ihre Auftritte abgespult haben. Nach einem Auftritt in Istanbul schimpfte mal der Tontechniker: "Es war so, als wärt ihr nicht auf der Bühne gewesen."

Interviews mit Milky Chance sind schwierig. Was nach Gesprächen bleibt, sind oft harmlose Alltagssätze. Immer einerseits und andererseits. Stets aufrichtig, sympathisch, ja, aber, mein Gott, sie machen schon die Zigaretten aus, wenn sie nur fotografiert werden sollen. Inzwischen setzen sich Milky Chance direkt nach dem Konzert mit der Crew zusammen und üben Manöverkritik: Zwischenansagen lauter, nicht nuscheln, Präsenz zeigen.

Baby und Monster

Oktober 2016, Albumproduktion. "Der Teig ist da, es muss nur noch gebacken werden", sagt Dausch. Gemeinsam mit Rehbein steht er an einem Teich in Rotenburg an der Fulda, gut 40 Kilometer von Kassel entfernt. Sie machen eine Pause. Es ist kalt.

Hier in der Provinz steht ein ufoartiges Gebäude. In den vergangenen Wochen haben sie in diesem Tonstudio elf Lieder aufgenommen. Dazwischen immer wieder Konzerte gespielt. In Rumänien, Slowakei, Ukraine, Polen, Russland. Das Album soll im März 2017 erscheinen.

Bevor sie hierherkamen, trafen sich Dausch und Rehbein mit dem US-Musikproduzenten Rick Rubin. Rubin, eine Art dicklicher Jesus für das Business, hat bereits Jay-Z und Adele produziert. Über ihn sagt Rehbein: "Das hat sich viel zu weit weg angefühlt."

Im Studio steht er breitbeinig hinter dem Mikrofon. Die Arme vor dem Schritt verschränkt. Die Augen geschlossen. Immer wieder singt er: Calling you lovable / How are you feeling now? / Making it all above / Falling for you somehow. Es wird die zweite Single vom Album werden. Eine Gitarre wird gezupft, sparsame Beats. Dazu die raue Stimme von Rehbein. Damit haben Milky Chance einen eigenen Sound gefunden.

Ist das Folk? Rock? Bob Marley mit Synthesizer? Jack Johnson in wach? "Entschuldige, ich muss mich gerade konzentrieren", sagt Dausch. Er sitzt hinter dem Mischpult.

Man könnte Milky Chance vorwerfen, glatte Wohlfühlmusik zu spielen. Bon Iver, Mighty Oaks, The Kooks. Pop, der keinem weh tut. Dabei ist es gerade die fehlende verschwitzte Liederkunst, die sie zu einem globalen Phänomen machen. Endlich kommen die Deutschen mal mit an den Strand, ziehen die langen Hosen aus und unterlegen schrammelige Akustikgitarren mit Drumcomputer-Beats. Besser als die Karussellmusik von Avicii oder David Guetta ist das allemal.

Milky Chance in Chicago: "Ihr seid aus Deutschland?"
Anthony Molina

Milky Chance in Chicago: "Ihr seid aus Deutschland?"

In Deutschland bleibt ihnen der endgültige Durchbruch bisher verwehrt. Beim deutschen Musikpreis Echo wurde ihnen die holprige Auszeichnung "Bester nationaler Act im Ausland" verliehen.

Rehbein und Dausch sind jung, haben aber eine genaue Vorstellung, wie sie klingen wollen. Was willst du einer Band erzählen, die so einen großen Song geschrieben hat, sagt einer im Studio. "Stolen Dance" ist das Baby und Monster dieser Band. Mit dem zweiten Album wollen Milky Chance ihre Karriere nicht verbrennen.

So ein Hype

Ende Februar in Berlin. Vor der Tür des Klubs Musik & Frieden stehen zwei Spanier im Regen und warten. London, Amsterdam, Brüssel, Paris, die kurze Europa-Tour zum Albumstart war schnell ausverkauft. Für Berlin haben sie über Umwege noch Karten bekommen.

Drinnen geben Milky Chance gerade ein Radiointerview. Danach singen sie sich warm, improvisieren mit dem Geschirr am Büffet ein Schlagzeug. Hinter der schwarzen Stahltür hört man das Publikum.

Auf der Bühne sagt Rehbein dann kaum ein Wort. Um die einzigen längeren Einleitungssätze auf der Bühne hat ihn das Management gebeten. Beide wollen musizieren, statt Anekdoten zu erzählen.

Sie spielen viele Lieder vom neuen "Blossom"-Album. Milky Chance haben sich nicht neu erfunden, aber recht ordentliche, ausgefeilte Anschlussmusik geschrieben. Radiotauglich - im positiven Sinn.

Im Publikum stehen viele Freunde. Einige winken von der Bar. Dausch winkt zurück. "Man freut sich doch immer, wenn man Freunde trifft", sagt er ins Mikrophon. Mehr sagt er an diesem Abend nicht. Ein seltsamer Moment. Als würden Milky Chance plötzlich wieder schrumpfen. Man stellt sich vor, wie sie einmal gemeinsam im Musik-Leistungskurs saßen. Im Kinderzimmer. Mit einer Gitarre und einem Computer in der Abstellkammer.

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Zwei Frauen aus dem Publikum betrachten lange die Menschen an der Bar. "Wahnsinnige viele blonde Frauen", sagt die eine schließlich. "Trägt man vielleicht so in Kassel", sagt die andere.



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