Modern Talking Die Russen mögen's Anders

In Deutschland belächelt, in Moskau ein Volksheld: Thomas Anders, bei Modern Talking einst die Engelslocke neben Falsettmeister Dieter Bohlen, bricht im Kreml alle Rekorde. Kein Musiker trat dort so oft auf wie er, sogar zum Professor hat er es schon gebracht.

Von Ann-Dorit Boy, Moskau


Der Stau an der Sicherheitsschleuse zum Kreml wirkt an diesem Abend noch länger als der auf den Ausfallstraßen der Stadt. Ehepaare in Abendgarderobe, Mütter, Töchter, Teenie-Cliquen, Tausende Menschen drängen durch die Metall-Scanner-Tore und legen brav Schlüsselbund, Handy und Uhr ab. Sie wollen ins Zentrum der russischen Macht: Im staatlichen Kremlpalast, wo fast 30 Jahre lang die Kommunistische Partei tagte, tritt ein Deutscher auf, den in Russland jeder kennt. Schon seit Wochen hängen riesige Plakate mit seinem braun gebrannten Gesicht überall in der Stadt. Darauf steht, ziemlich klein, "Thomas Anders" und darunter, sehr viel größer, "Modern Talking".

Selbstverständlich kennt auch in Deutschland jeder den dunkelhaarigen Sänger, der einst an der Seite von Dieter Bohlen berühmt wurde. In Moskau aber wird der 46-Jährige aus Koblenz auch Jahre nach der Trennung von Modern Talking noch wie ein Volksheld verehrt. Im riesigen Sechziger-Jahre-Bau des Kremlpalasts tritt Anders heute schon zum zehnten Mal auf. So oft war kein anderer Musiker hier, nicht einmal Alla Pugatschowa, die russische Pop-Matrone mit Heiligenstatus.

Auf genau dieser Bühne hat Michail Gorbatschow, der letzte Generalsekretär der Kommunistischen Partei der UdSSR, 1986 die radikalen Reformen angekündigt, die den Lauf der Welt verändern sollten. Sie brachten den Sowjetbürgern Freiheit in kleinen Dosen – und sie brachten auch Modern Talking.

Das deutsche Pop-Duo durfte, sagt Anders, als erste westliche Band offiziell ihre Alben in der Sowjetunion verkaufen. Die Kreml-Führung wollte damals etwas Flippiges importieren, ohne sich mit britischen oder amerikanischen Gruppen gleich den Erzfeind ins Haus zu holen. Englischsprachig sollte es trotzdem sein und natürlich völlig unpolitisch. Was lag also näher als Modern Talking? Zehntausende Platten wurden gepresst, und die russischen Fans reisten mehr als tausend Kilometer in die Hauptstadt, um sich vor den Verkaufstellen anzustellen, als gäbe es Bananen.

Kurz darauf wurden die deutschen Popgrößen auch leibhaftig importiert. Gleich zehn Konzerte gaben Modern Talking 1987 in Moskau und St. Petersburg: Anders damals noch mit Engelslocken, rosafarbenem Lipgloss und Nora-Kette - Bohlen mit blond gefärbter Matte, Trainingsanzug und Alibi-Gitarre. Die beiden waren fassungslos, über die Städte, die Hotels, die KGB-Überwachung. Aber die Präsidentengattin Raissa Gorbatschowa sei eine "ganz, ganz Liebe", soll Bohlen gesagt haben. Das fanden die meisten Russen zwar nicht, doch sie mochten den großen Deutschen mit dem breiten Grinsen und seinen kleinen Freund mit der hohen Stimme trotzdem.

Lange ist das her. Die beiden Musiker verkehren inzwischen nur noch über Anwälte. Bohlen verdient sein Geld, indem er Retorten-Stars bepöbelt, Anders verkauft im Internet cremefarbene Angora-Pullover mit V-Ausschnitt und sich selbst immer noch ziemlich erfolgreich als Modern Talking. Nirgendwo funktioniert das so gut wie in den aus der Sowjetunion hervorgegangenen Staaten. Zwischen Minsk und Nowosibirsk finden sogar Anders-Armbanduhren und seine aktuellen Soloalben Absatz. Die National-Universität für Kunst und Kultur in Kiew ernannte den Mann aus Koblenz gar ehrenhalber zum Professor. Begründung: Modern Talking habe den Musikgeschmack einer ganzen Generation geprägt.

Am Tag vor dem Konzert gibt es im Pressezentrum der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti einen großen Bahnhof für Anders. Gut 30 Journalisten brechen in verzückten Applaus aus, als der Sänger endlich den Raum betritt. Viel Neues gibt es nicht: Anders freut sich, in Moskau zu sein, glaubt, dass es nach der Wirtschaftkrise aufwärts gehen wird und hat – um dem Aufschwung gleich ein wenig auf die Sprünge zu helfen - eine neues Gute-Laune-Video mitgebracht, in dem er mit der Sängerin Sandra auf einer Yacht herumzappelt. Die mehrheitlich weiblichen, russischen Journalisten sind begeistert und raunen beglückt, als Anders schließlich noch zu Protokoll gibt, dass er am liebsten europäisch-asiatisch isst – und bitte "spicy", also scharf. So viel Liebe hat Anders von deutschen Journalisten lange nicht bekommen. Vielleicht noch nie.

Das ist eigentlich unfair, denn ein Thomas-Anders-Modern-Talking-Konzert macht richtig Spaß. Das finden zumindest Sergej und Sascha, die gut 30 Euro bezahlt haben, um auf der Empore des Kremlpalastes zu sitzen. Die beiden Brüder gehen seit Jahren zu allen Konzerten des Sängers. Sergej hat blonde Strähnchen, Sascha einen federnden Vokuhila-Haarschnitt, und die beiden finden alles gut, was aus den achtziger Jahren kommt. Zum Beispiel Anders’ Bühnenbeleuchtung, die rot-grün-gelb leiert wie eine Lichtorgel aus dem Partykeller.

Dabei ist die erste Konzerthälfte gar nicht mal Achtziger-lastig. Anders tritt akkurat im schwarzen Anzug auf, plaudert in geläufigem Englisch mit den Fans ("It’s so wonderful to be here tonight"), und singt einen routinierten Mischmasch aus eigenen Songs, Modern-Talking-Hits und Klassikern wie "Have I Told You Lately, That I Love You". Nach jedem Lied trippeln Frauen und Mädchen in hohen Stiefeln zum Bühnenrand und geben bergeweise zellophangeschütze Blumen bei ihm ab. Sergej und Sascha sehen allerdings zwischenzeitlich so aus, als wünschten sie sich die Abstimmungsknöpfe der KPdSU-Parteitage zurück. Allerdings soll die Nein-Taste schon früher nicht funktioniert haben - so witzeln zumindest die Fremdenführer im Kreml.

Und dann geht es doch noch richtig rund: Beim Modern-Talking-Hit "No Face, No Name, No Number” stürmen ein paar Anfangzwanzigjährige die Treppen zwischen den Sitzreihen hinunter und tanzen enthemmt. Bei "You Can Win, If You Want" fängt der Boden an zu beben. Und auch Sergej und Sascha, die doch eigentlich eher zurückhaltend sind, klatschen rhythmisch mit. Als Anders nach eineinhalb Stunden verschwindet, bricht es auch Sergej heraus: "Dawai, jescho adnu!" Los, noch eins! Da fehlt doch noch etwas.

Und richtig: Thomas Anders kommt in einem weißen Blazer zurück und zelebriert auch noch seinen Welthit "You’re My Heart, You’re My Soul." Alle grölen mit, alle tanzen, alle sind glücklich. Sascha und Sergej werden auch zu seinem nächsten Konzert gehen. Am Ende strömen die Massen zurück durch die Sicherheitsschranken. Und am Ausgang gibt es wieder einen Stau, diesmal nicht wegen der Security, sondern weil sich im Windfang Dutzende junge Frauen für ein Foto an ein überlebensgroßes Thomas-Anders-Plakat schmiegen.



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